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14. August 2014

Gaza-Konflikt

"Wir Deutsche sind verpflichtet, uns einzumischen"

BZ-INTERVIEW mit der Publizistin Evelyn Hecht-Galinski über den Gaza-Konflikt und antisemitische Hetze gegen Juden.

  1. Hecht-Galinski Foto: BZ

FREIBURG. Der Krieg zwischen Israelis und der Hamas im Gazastreifen hat auch in Deutschland zu heftigen Debatten geführt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland beklagte antisemitische Hetze bei pro-palästinensischen Demonstrationen. Annemarie Rösch sprach darüber mit der Publizistin Evelyn Hecht-Galinski, die zu den Kritikern israelischer Politik in Deutschland zählt.

BZ: Frau Hecht-Galinski, Sie haben auch an pro-palästinensischen Demonstrationen teilgenommen. Haben Ihnen die antisemitischen Töne keine Probleme bereitet?
Hecht-Galinski: Ich habe an einer Demonstration der Montagsmahnwachen auf dem Potsdamer Platz teilgenommen und dort auch eine Rede zu Gaza gehalten, über die leider nichts berichtet wurde. Es waren dort 7000 bis 8000 Menschen friedlich versammelt. Ich habe dort keine antisemitischen Töne wahrgenommen. Es gab keine Äußerungen, wie "Kindermörder Israel". Aber auch das ist aus meiner Sicht nicht antisemitisch, trifft es doch zu. Im Gazakonflikt sind 449 Kinder von der jüdischen Verteidigungsarmee getötet worden. Von den mehr als 1970 getöteten Palästinensern waren 73 Prozent Zivilisten. Die Armee des jüdischen Staates, das sage ich bewusst, weil sich Israel ja als jüdischer Staat definiert und als solcher ausdrücklich auch anerkannt werden will, hat die äußerst tödliche Dime-Munition eingesetzt, die eine hohe Sprengkraft besitzt und gerade bei Kindern verheerend wirkt. Die Langzeitfolgen können auch Krebs sein.

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BZ: Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, sprach von den schlimmsten Anfeindungen der Juden seit dem Zweiten Weltkrieg.
Hecht-Galinski: Selbst wenn es vielleicht bei der einen oder anderen Demonstration Töne gegeben haben mag, die politisch nicht korrekt waren, so kann man doch die heutige Zeit nicht mit der Nazizeit vergleichen. Das damals war eine menschenverachtende Zeit. Es gab eine Diktatur, die das Ziel hatte, die Juden auszurotten. Heute aber leben wir in einer gut funktionierenden Demokratie. Daher ist dieser Vergleich unanständig.
BZ: Gerade von israelischer Seite wird beklagt, dass Israel immer wieder heftig für seinen Umgang mit den Palästinensern kritisiert wird, während die Menschenrechtsverletzungen etwa in Syrien viel weniger Beachtung fänden.
Hecht-Galinski: Natürlich fühle ich mich als deutsche Bürgerin mit jüdischen Wurzeln in Mithaftung genommen, wenn der jüdische Besatzerstaat Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begeht. Dagegen opponiere ich. Hinzu kommt, dass wir natürlich an einen Staat höhere Ansprüche anlegen, der für sich selbst in Anspruch nimmt, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein und die moralischste Armee der Welt zu haben. Dieser jüdische Staat, der 1948 über 750 000 Palästinenser vertrieben hat, kontinuierlich Land raubt und seit 1967 Besatzungsmacht ist, verhindert die Gründung eines Palästinenserstaates. Das ist ein Verbrechen, das wir nicht hinnehmen dürfen.
BZ: Im jüngsten Konflikt ging aber klar die Gewalt von der Hamas aus, die immer wieder Raketen nach Israel schickte.
Hecht-Galinski: In diesem Konflikt darf man nicht Ursache und Wirkung miteinander verwechseln. Die Ursache ist die Blockade des Gazastreifens durch Israel. Wenn man 1,8 bis zwei Millionen Menschen in einem Ghetto hält, muss man sich nicht wundern, dass sie sich wehren. Ich kann nur sagen, wenn Besatzung zu Recht wird, dann wird Widerstand zur Pflicht. Ich möchte mal sehen, was bei uns los wäre, wenn wir unter solchen Bedingungen wie die Palästinenser im Gazastreifen vegetieren müssten. Man hat diese Menschen in die Hoffnungslosigkeit gestürzt, was unweigerlich zur Radikalisierung führt. Die Blockade des Gazastreifens und die Besetzung des Westjordanlandes müssen sofort beendet werden. Sonst kann es nie einen gerechten Frieden geben. Israel ist heute ein Apartheidstaat, in dem Palästinenser Bürger zweiter Klasse sind. Eigene Kritiker werden heute von rassistischen jüdischen Bürgern angegriffen.
BZ: Was kann Deutschland tun, um zu einer Lösung des Konflikts beizutragen?
Hecht-Galinski: Deutschland darf nicht länger den jüdischen Staat unterstützen: das heißt keine Waffen, keine Bundeswehrsoldaten, die dort skandalöserweise im Häuser- und Tunnelkampf ausgebildet werden sollen. Sanktionen und Boykott sind die einzige Lösung, die den jüdischen Staat zur Besinnung bringen können. Gerade wir in Deutschland dürfen auch nicht zu dem Unrecht schweigen, das der jüdische Staat den Palästinensern antut. Ich habe mir das Lebensmotto meines Vaters zu eigen gemacht: Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen. Gerade wir Deutsche sind wegen unserer Geschichte verpflichtet, uns einzumischen. Und wegen unserer Geschichte tragen wir auch den Palästinensern gegenüber Verantwortung. Ich kann nicht akzeptieren, dass jüdische Kriegsverbrechen besser sein sollen als muslimische oder christliche und nicht angeprangert werden dürfen.

Evelyn Hecht-Galinski (65) aus Marzell ist Autorin und Publizistin. Sie schreibt Artikel für die Neue Rheinische Online-Zeitung (NRhZ.de). Ihr Vater, Heinz Galinski, war der erste Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland
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Autor: ar