Insekten

Darum haben Nachtfalter mehr Beachtung verdient

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Sa, 30. April 2016 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Sie sind zart, bunt, schön und flattern elegant durch die warmen Tage: Schmetterlinge, genauer die Tagfalter. Nachtfalter dagegen führen ein Schattendasein. Zu Unrecht.

Sie werden als "Motten" abgetan, als grau-braun und farblos, viele nehmen sie nur dann wahr, wenn sie sie nachts beharrlich gegen Laternenlampen fliegen sehen. Doch woher kommt diese Geringschätzung? Denn manche der Tiere sind ebenso bunt und schillernd wie ihre Verwandten, die Tagfalter, und dazu bietet ihre Gruppe noch mehr Vielfalt (wie auch eine Fotoausstellung am Feldberg zeigt, siehe Infobox unten). Darüber hinaus sind sie genauso Schmetterlinge wie die anderen auch.

Etwa 3700 Schmetterlingsarten gibt es in Deutschland. Die Arten teilen sich in Tag- und Nachtfalter. Letztere machen dabei den weitaus größeren Teil aus: Mehr als 3500 Schmetterlingsarten zählen zu den Nachtfaltern. Zu unterscheiden sind sie an den Fühlern. "Tagfalter haben Fühler mit einer knopfförmigen Verdickung am Ende – Nachtfalter dagegen alle möglichen anderen Fühlerformen", erklärt Jörg-Uwe Meineke, 66, Schmetterlingsexperte und ehemaliger Leiter des Referats für Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium Freiburg. Es gibt unter anderem Nachtfalter mit gekämmten Fühlern, wie das Kleinen Nachtpfauenauge. Oder die Fühler sind gefiedert, faden- oder kolbenförmig, Letzteres trifft unter anderem auf Widderchen zu.

Die Begriffe "Tag- und Nachtfalter" richten sich nach dem Verhalten der Tiere. "Die einen sind alle tagaktiv, die anderen alle nachtaktiv – bis auf die, die es nicht sind", schmunzelt Robert Trusch, Kurator der Abteilung Entomologie am Naturkundemuseum Karlsruhe. "In der Biologie gibt es immer Regeln mit Ausnahmen." Denn anders, als ihr Name vermuten lässt, sind keinesfalls alle Nachtfalter nachtaktiv. "Ungefähr zehn Prozent der Nachtfalter fliegen bei Tag, das Widderchen zum Beispiel", sagt Meineke. Dazu gibt es Falter wie die Spanische Fahne, die sowohl tag- als auch nachtaktiv sind. Und dann gibt es solche, bei denen die Männchen bei Tag, die Weibchen bei Nacht unterwegs sind. Das Kleine Nachtpfauenauge etwa. Das weibliche Nachtpfauenauge sitzt tagsüber im Gras und lockt die Männchen mit Duftstoffen zu sich, die diese über viele Kilometer hinweg riechen können. Ist das Weibchen begattet, fliegt es nachts los, um seine Eier zu legen – denn dann schlafen die meisten Vögel.

Laien werden so vielleicht manchen Nachtfalter, den sie tagsüber in freier Wildbahn antreffen, für einen Tagfalter halten. Denn auch die Annahme, Nachtfalter seien nur grau-braun, ist falsch. Die Tiere brauchen Abwehrsysteme, denn sie spielen in der Nahrungskette etwa von Vögeln oder Fledermäusen eine wichtige Rolle. Tagaktive Falter wie die Spanische Fahne oder das Nachtpfauenauge haben daher bunte Warnfarben, die signalisieren sollen: Ich bin ungenießbar! Ihre Farben bekommen die Falter durch Pigmente oder Strukturen, in denen sich das Licht bricht. Das bringt ihre Flügel zum Schillern. Doch auch manche nachtaktive Falter sind nicht nur braun.

Der Wolfsmilchschwärmer beispielsweise ist hellgelb oder rosafarben mit roten Bereichen an den Hinterflügeln. Die braucht er, denn tagsüber fliegt er zwar nicht, sitzt aber auf Steinen oder in niedriger Vegetation. Wird er gestört, warnt er mit seiner auffälligen Färbung. Das Rote Ordensband hat graue Vorderflügel, seine Unterflügel dagegen sind leuchtend rot. So ist es gut getarnt, wenn es etwa auf Ästen sitzt. Fliegt es los, entblößt es urplötzlich seine roten Flügel – ein Schreckeffekt für Feinde.

Einige Nachtfalter sind tagsüber an Blütenpflanzen zu beobachten, an denen sie mit ihren Rüsseln Nektar saugen. Das Taubenschwänzchen sogar im Schwirrflug, weshalb es oft mit einem Kolibri verwechselt wird. Auch nachts ist Derartiges zu sehen, denn einige Pflanzen wie das Geißblatt oder die Flammenblume haben sich auf nächtliche Besucher spezialisiert und locken sie mit intensivem Duft.

Allerdings nehmen längst nicht alle Falter Nahrung zu sich. Es gebe ganze Nachtfalterfamilien, erzählt Meineke, die überhaupt nichts fressen und auch keine Mundwerkzeuge haben. Sie ziehen ihre ganze Energie aus ihrer Zeit als Raupe, zehren vom Fett, das sie sich in dieser Zeit angefressen haben. Das einzige Ziel ihres Falterdaseins ist die Fortpflanzung. Die Familie der Pfauenspinner zählt dazu, zu der auch das Kleine Nachtpfauenauge gehört. Für diese Falter bedeutet das allerdings eine kurze Lebensphase von gerade mal einigen Tagen. Aber, gibt Jörg-Uwe Meineke zu bedenken: Das Falterstadium sei ja nur ein Entwicklungsstadium im Leben eines Schmetterlings. Egal ob Tag- oder Nachtfalter, die Tiere durchlaufen eine vollständige Verwandlung vom Ei zur Raupe zur Puppe, um schlussendlich als Falter zu sterben. Das kann Tage oder Jahre dauern.

Wer im Winter schon einmal einen Falter auf dem Dachboden angetroffen und sich gewundert hat: Einige Falter überwintern auf diese Weise. Heimische Arten, aber auch solche, die jedes Jahr von Süden nach Deutschland einfliegen. Sogenannte Wanderfalter – etwa das Taubenschwänzchen und der Windenschwärmer – kommen aus dem Süden angeflogen, der Totenkopffalter sogar aus Afrika. Die Tiere pflanzen sich hier fort. Ein Teil des Nachwuchses bleibt, ein Teil fliegt zurück gen Süden. "Auf diese Weise versucht eine Art, neue Regionen zu erschließen und neue Schmetterlingskolonien zu bilden", erklärt Meineke. Anders als etwa Zugvögel, die wegfliegen, um in warmen Ländern zu überwintern.

Die Nachtfalter führen also alles andere als ein Leben im Schatten. Im Südwesten gebe es sogar deutschlandweit die meisten Arten, sagt Meineke. "Wegen der Vielfalt der Landschaft: Hochlagen im Schwarzwald und fast schon mediterranes Klima am Kaiserstuhl." Doch ihr Bestand ist bedroht. Etwa die Hälfte aller Nachtfalter in Deutschland und Baden-Württemberg sei gefährdet, mahnt der Biologe. "Zehn Prozent sind bereits ausgestorben oder kurz davor." Ihnen setzt die zunehmende Bebauung ebenso zu wie Monokulturen, die Lichtverschmutzung, die sie orientierungslos macht und so ihre Fortpflanzung verhindert, und besonders die Vergiftung der Umwelt durch Insektizide. "In manchen Regionen sind 80 Prozent der Insekten weggebrochen", klagt auch Robert Trusch. "Und mit ihnen verschwinden die Vögel." Daher sind spezielle Artenschutzprogramme wichtig. Und auch Gartenbesitzer können etwas tun: Wer Wildblumen und Gehölze im Garten hat, seltener mäht und im Herbst ein wenig Obst für die Tiere liegen lässt, kann sicher einige Nachtfalter aus nächster Nähe beobachten – vielleicht auch tagsüber.

Infos für Schmetterlingsforscher unter      http://www.schmetterlinge-bw.de/      http://www.lepiforum.de und      http://www.schmetterling-raupe.de
Ausstellung zum Thema

In der Fotoausstellung "Schönbär und Nonne"des Designers und Buchautors Armin Dett im Haus der Natur am Feldberg zeigt Dett mit dem besonderen Blick des Designers die Schönheit und Vielfalt der Nachfalter. Die Ausstellung ist noch bis 16. Mai zu sehen, täglich von 10 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei.