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25. August 2012 00:03 Uhr

Forschungsgebiet

Wie beeinflusst das Geburtsdatum den Lebensweg?

Astrologen behaupten schon immer, dass sich das Geburtsdatum auf den Alltag des Menschen auswirkt. Auch Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Thema – mit interessanten Ergebnissen.

  1. Wirkt sich das Geburtsdatum auf den weiteren Lebensweg aus? Das versuchen Wissenschaftler anhand von Statistiken herauszufinden. Foto: gosphotodesign - Fotolia.com

Eine Korrelation bedeutet nicht notwendigerweise eine Ursache-Wirkung-Beziehung. So sind die Abnahme der in den alten Bundesländern brütenden Weißstorchenpaare und der gleichzeitige Geburtenrückgang kein Beweis dafür, dass Störche die Babys bringen. Doch dass das Geburtsdatum einen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Menschen hat, scheint inzwischen durch die Masse der von Forschern ausgewerteten Daten belegt. "Es wird schon lange vermutet, dass die ersten Abschnitte unseres Lebens, sei es noch im Mutterleib oder nach der Geburt, besonders nachhaltige Auswirkungen auf eine Vielzahl von Ereignissen in unserem weiteren Leben haben können", erklärt Thorsten Reffelmann von der Universität Greifswald. Das Warum liegt jedoch noch weitgehend im Reich der Spekulation.

Manche Menschen glauben, dass das Sternzeichen den Charakter des Menschen bestimmt. Wissenschaftliche Beweise gibt es dafür nicht. Was bislang ins Reich der Astrologie gehörte, beschäftigt immer mehr wissenschaftliche Disziplinen: Statistiken werden mit unterschiedlichen Fragestellungen nach einem Zusammenhang mit dem Geburtsdatum abgeklopft. Nicht die Konstellation der Sterne jedoch, sondern die jahreszeitlich unterschiedlichen Umweltbedingungen, wie Tageslicht, Witterung und Ernährung während der Schwangerschaft, bei und nach der Geburt beeinflussen den weiteren Lebensweg entscheidend, vermuten die Wissenschaftler.

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So legten im Juli die Altersforscher Leonid Gavrilov und Natalia Gavrilova von der Universität von Chicago eine Studie vor, die die Daten von mehr als 1500 Über- Hundertjährigen vergleicht. Das Ergebnis: Zwischen September und November
geborene Menschen haben deutlich größere Chancen, die Hundert zu überschreiten, als in anderen Monaten geborene. Dabei haben die Forscher auch die Daten der Geschwister herangezogen, weil sie eine ähnliche Kindheit und genetische Ausstattung haben, und die der Ehepartner, weil sie die Lebensumstände im Erwachsenenalter teilten. Es blieb dabei: Unter den Über-Hundertjährigen waren deutlich mehr Herbstkinder.

Dass Herbstbabys grundsätzlich älter werden, hat vor einigen Jahren schon Alexander Lerchl von der Jacobs Universität Bremen nach der Analyse umfangreicher Daten aus Nordrhein-Westfalen herausgefunden. Bis zu einem Jahr werden Menschen, die im letzten Jahresviertel geboren wurden, älter als jene aus den anderen Monaten. Diese Ergebnisse decken sich mit einer Analyse des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock anhand von Daten des Bundespräsidenten, der allen 105-Jährigen zum Geburtstag gratuliert. Danach haben im Dezember Geborene eine um 16 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dieses Alter zu erreichen als der Durchschnitt des Jahrgangs. "Hingegen ist es für im Juni geborene Personen um 23 Prozent weniger wahrscheinlich, den 105. Geburtstag zu feiern als für den Durchschnitt", erläutert Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut.

Das Team um Thorsten Reffelmann wollte im vergangenen Jahr wissen, ob die Jahreszeit der Geburt in einem Zusammenhang steht mit dem Risiko, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu sterben. Dafür hat es über sechs Millionen Herz-Kreislauf-Todesfälle analysiert. Von den Herz-Kreislauf-Toten waren im November geborene Frauen im Durchschnitt 7,3 Monate älter geworden als im Mai geborene. Bei Männern lag die Zahl sogar bei 11,7 Monaten. "Diese Abhängigkeit war erstaunlicherweise in allen analysierten Untergruppen festzustellen, beispielsweise sowohl in nördlichen und südlichen Bundesländern, in Bundesländern mit hoher Lebenserwartung und relativ niedriger Lebenserwartung, als auch in ländlichen Gegenden und in Großstädten", erläutert Reffelmann.

Über den Grund der geburtstagsabhängigen Lebenserwartung gibt es verschiedene Spekulationen. Die Chicagoer Forscher vermuten die Ursache in Infektionen. In den ersten Lebensjahren der heute über Hundertjährigen sei die Zahl vor allem der tödlich verlaufenden Sommerinfektionen deutlich höher gewesen als in den folgenden Jahrzehnten. Scholz betont, dass "das Nicht- oder Abstillen während der heißesten Jahreszeit zu vermehrten Infektionen des Magen-Darm-Traktes führte, die ein Großteil der Kinder nicht überlebte." Dadurch könnten sich jahreszeitlich unterschiedliche Todesraten erklären. "Der Zusammenhang zwischen Geburtsmonat und Überlebenswahrscheinlichkeit bis ins höchste Alter weist auf die Bedeutung der ersten Lebensjahre für Gesundheit und Krankheit im Erwachsenenalter hin."

Auch der jahreszeitlich unterschiedliche und vom Tageslicht abhängige Hormonspiegel wäre eine mögliche Erklärung. Im Frühling und Sommer wird im Gehirn mehr vom "Gute-Laune-Hormon" Serotonin, in der dunklen Jahreszeit mehr vom "Müdemacher" Melatonin gebildet. Lerchl jedoch hält die Vitamin-Theorie für plausibler. "Mütter von Herbstbabys verfügten früher in Schlüsselmomenten der Kindesentwicklung weit eher über wichtige Nährstoffe sowie über Vitamin D, C und K als jene von Frühjahrsbabys, da man mehr von der Verfügbarkeit landwirtschaftlicher Produkte abhing", sagte der Biologe der Nachrichtenagentur "Pressetext". "Wir können über die Faktoren, die in unseren ersten Lebensmonaten vor oder nach der Geburt einen so prägenden Einfluss auf das Herz-Kreislauf-Risiko ausüben, derzeit nur spekulieren", sagt Reffelmann. "Neben meteorologischen Daten oder der Sonnenlichtexposition sind auch viele andere Einflussgrößen denkbar. Nahrungsangebot und Ernährungsgewohnheiten in der Schwangerschaft, Luftverschmutzung oder Infektionskrankheiten im Laufe eines Jahres oder auch das Ausmaß körperlicher Bewegung, welches ebenfalls jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt."

Nicht nur der Zeitpunkt der Geburt birgt spätere Risiken, sondern auch jeder folgende Geburtstag, haben Forscher der Universität Zürich im Juni gezeigt. Das Team um Vladeta Ajdacic-Gross, Soziologe und Suizidforscher, hat aus 40 Jahren die Sterbedaten von mehr als zwei Millionen Menschen ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Gefahr zu sterben am eigenen Geburtstag deutlich größer ist als an jedem anderen Tag, im Schnitt um 14 Prozent, bei Personen über 60 sogar um 18 Prozent. "Wir fanden heraus, dass Geburtstage viel häufiger tödlich enden als vermutet", sagt Ajdacic-Gross.

Die Forscher haben auch die einzelnen Todesursachen am Geburtstag unter die Lupe genommen: Tödliche Herzinfarkte sind 18,6 Prozent häufiger, das Risiko an Krebs zu sterben ist um zehn Prozent erhöht und bei Frauen ist der Gehirnschlag um 21,5 Prozent wahrscheinlicher. Bei Männern indes sind ein Suizid am Geburtstag um 35 Prozent und tödliche Stürze um 29 Prozent wahrscheinlicher. Bei Letzteren, vermutet Ajdacic-Gross, spielt wohl der "Geburtstags-Blues", gepaart mit Alkohol eine Rolle, bei den anderen Todesraten der Stress rund um den Geburtstag.

Vor drei Jahren untersuchten Wissenschaftler der Universität Indianapolis den Zusammenhang von Geburtsmonat und insgesamt 22 verschiedenen Geburtsschäden wie Offener Rücken, Klumpfuß, Lippenspalte oder Down Syndrom. Im Schnitt sind drei von 100 Neugeborenen davon betroffen. Erfasst wurden die Daten von über 30 Millionen Babys in einem Zeitraum von sechs Jahren. Studienleiter Paul Winchester stellte fest, dass diese Krankheiten sich besonders bei Kindern häuften, die von April bis Juli empfangen worden sind. Er stellt einen Zusammenhang mit der Pestizidbelastung der Umwelt her, die in diesen Monaten besonders hoch ist. Kritiker wenden jedoch ein, dass Pestizidbelastung eher die Entwicklung von Sexualorganen stören würde.

Es existieren weitaus mehr Studien, die die unterschiedlichsten Korrelationen mit dem Geburtsmonat beleuchten. So sollen Sommerkinder häufiger kurzsichtig werden, Frühlingsmädchen früher ihre Wechseljahre und Sommermädchen weniger Kinder bekommen. Frühlingsjungs hingegen zeugen überdurchschnittlich viel Nachwuchs und im Mai geborene Menschen erkranken vermehrt an Multipler Sklerose. Viele Erklärungen für all diese statistischen Zusammenhänge klingen plausibel, gleichwohl bleiben die Ursachen vorerst im wissenschaftlichen Dunkel.

Autor: Margit Mertens