Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. August 2012

Spanien

Brände auf La Gomera zerstören Existenzen

Sei zwei Wochen brennen auf der spanischen Ferieninsel La Gomera die Wälder. Auch zahlreiche Deutsche, die ein Zehntel der Inselbevölkerung ausmachen, sind betroffen. Einer von ihnen, Ralf Zinke, steht vor den Trümmern seiner Existenz.

  1. Spuren des Feuers in Valle Gran Rey auf La Gomera Foto: dpa

MADRID. Sei zwei Wochen brennen auf der spanischen Ferieninsel La Gomera die Wälder. Auch zahlreiche Deutsche, die ein Zehntel der Inselbevölkerung ausmachen, sind betroffen. Einer von ihnen, Ralf Zinke, hat selbst versucht, sein Hab und Gut gegen die Flammen zu verteidigen. Nun steht er vor den Trümmern seiner Existenz.

Die Nacht auf Sonntag hat Ralf Zinke endlich wieder einmal durchgeschlafen. Zuvor hatten ihn tagelang dieselben Bilder verfolgt: Das Feuer war bis in sein Zimmer vorgedrungen, und er konnte nichts dagegen tun. Er wachte auf. Es war zum Glück nur ein Traum.

Den realen Albtraum erlebte der 50-jährige Zinke, der seit zehn Jahren auf der Kanareninsel La Gomera zuhause ist, vor zwei Wochen. Am Samstagabend, 4. August, stiegen ein paar Kilometer westlich seines Dorfes Lo del Gato, im Süden der Insel, Rauchschwaden auf. "Da hab ich mir noch keine Sorgen gemacht. Es war ja weit weg." Um halb zehn standen plötzlich Guardia Civil und eine Gruppe von Katastrophenschutzhelfern im Dorf: "Alle raus! Sofort!"

Es ging um seine Existenz, also kehrte Zinke ins brennende Dorf zurück

Werbung


Eine 89-jährige Nachbarin, die nicht mehr gut auf den Beinen ist, wollte nicht. Zinke und ein paar andere starke Männer trugen die schwergewichtige Frau samt Sessel zu Zinkes Wagen. Er brachte sie zu Verwandten nach San Sebastián de la Gomera, dem Hauptort im Osten der Insel.

Dort traf Zinke eine Entscheidung. Er kehrte zurück nach Lo del Gato. "Ich verstand, dass uns die Polizei mit der Evakuierung schützen wollte", erzählt er. "Aber dort ist meine Existenz!" Der Deutsche ignorierte die Absperrung an der Landstraße und lief das letzte Stück zum Dorf hinab zu Fuß über die Felder. Gegen Mitternacht kam er an. Er legte Wasserschläuche bereit. Gegen 2 Uhr sah er die erste Glut gegen den Nachthimmel aufschimmern. Eine halbe Stunde später war das Feuer da.

"Erst brannten die Palmen, dann kam ein orkanartiger Wind auf. Es war wie ein Feuersog." Zinke war weit genug weg vom anrückenden Flammenmeer, um nicht in Gefahr zu kommen. Sobald das Feuer den Ortsrand erreicht hatte, verlangsamte es seine Geschwindigkeit. Es dauerte die ganze Nacht, bis der Brand alle Straßen durchwandert hatte. Zinke packte sich einen zehn Meter langen Schlauch und lief von Haus zu Haus, schloss überall seinen Schlauch an die Außenwasserhähne an versuchte zu retten, was zu retten war.

Im Hof seines eigenen Hauses brannten die hölzernen Gartenmöbel, die Fliegengittertür fing Feuer. Zinke löschte. "Irgendwann brannte es überall. Es war wie ein Wettkampf." Zwei der rund 25 Häuser im Dorf brannten völlig nieder, ein weiteres zur Hälfte. "Wenn ich nicht gelöscht hätte", sagt Zinke, "wäre wahrscheinlich mehr verbrannt."

Angst verspürte er nicht in jener Nacht. Er hätte ganz mechanisch gehandelt, sagt er. Der Zusammenbruch kam ein paar Tage später. Seitdem hat Zinke die meisten Nächte schlecht geschlafen.

An jenem Mittwoch, dem 8. August, glaubten die Behörden, die Feuer auf La Gomera unter Kontrolle zu haben. Zum Ärger vieler Einwohner senkten sie die Alarmstufe von 2 auf 1. Am folgenden Wochenende flammten die Feuer wieder auf. Diesmal traf es die Gemeinden Vallehermoso im Norden und Valle Gran Rey im Westen La Gomeras, wo trockenes Schilfrohr dafür sorgte, dass sich der Brand in Windeseile ein trockenes Flusstal hinabfraß. In der idyllischen Ortschaft El Guro brannten Dutzende Häuser nieder. Viele von ihnen gehörten Deutschen. Von den gut 23 000 Einwohnern Gomeras stammen fast 2000 aus Deutschland.

Die Feuer sind auch nach mehr als zwei Wochen noch nicht vollständig gelöscht. Sie haben bisher rund 4200 Hektar Land verbrannt, davon 800 Hektar im Nationalpark Garajonay im Herzen der Insel. Mindestens 46 Wohnhäuser brannten vollständig nieder, 39 weitere wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die einzige gute Nachricht ist, dass keine Menschen zu Schaden kamen. Bei den letzten vergleichbar verheerenden Bränden auf La Gomera 1984 starben 21 Menschen.

Auch Ralf Zinke hat die Brandnacht in seinem Dorf heil überstanden. Aber von seinen 300 Obstbäumen, deren Ernte bisher einen wichtigen Teil zu seinem Lebensunterhalt beigetragen hat, sind 80 Prozent vom Feuer erfasst worden. Von den Behörden fühlt er sich im Stich gelassen, aber Freunde aus Berlin haben ihm Geld gespendet, damit er neue Wasserrohre zu den Obstwiesen verlegen kann. "Wenn man rausgeht, watet man teilweise in Asche", erzählt er. Aber er ist nicht hoffnungslos. Einer seiner Birnbäume, den die Flammen "übelst" zugerichtet haben, treibt schon wieder neue Blätter.

FLUCHT VOM ZELTPLATZ

Wegen eines Waldbrandes in der Toskana wurde am Samstag der Campingplatz "Il Sole" nahe Marina di Grosseto mit 1100 Touristen evakuiert. Die meisten Camper, darunter viele Deutsche, verbrachten die Nacht in einem Einkaufszentrum. Am Sonntag waren die Flammen weitgehend unter Kontrolle, aber in anderen Teilen Italiens halten Brände die Einsatzkräfte in Atem.  

Autor: dpa

Autor: Martin Dahms


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Panorama