Kultur in der Stadt

Burghof Lörrach: Standortbestimmung zur neuen Saison

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 04. Oktober 2017 um 14:05 Uhr

Kultur

In den vergangenen 20 Jahren hat die Stadt kulturell einen Boom erlebt, wobei der Burghof eine Rolle gespielt hat. Heute, Mittwoch, eröffnet die Saison mit Jazzdiva Dianne Reeves.

Lörrach hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Kulturboom erlebt. Diese Entwicklung hat nicht nur, aber sie hat viel mit dem Burghof zu tun. Inzwischen ist die Begeisterung für den Faktor Kultur, die die Stadt um die Jahrhundertwende erfasst hatte, gleichwohl abgeflaut. Stadtentwicklung durch Kultur, das Thema der späten 90er- und frühen 00er-Jahre, wurde vom Lauf der Zeit überholt. Faktisch dominieren dieser Tage existenzielle Fragen – von der Wohnungsnot und steigenden Mieten über die Zuwanderung in allen Facetten bis zu den sich häufenden Überlastungssyndromen der Verkehrsinfrastruktur. Der Burghof dagegen ist selbstverständlich geworden, zum Teil gar ins Off der Aufmerksamkeit geraten – zumal außerhalb der Stadt Lörrach. Dabei war überregionale Strahlkraft und der Wille, als Kulturstadt überregional Profil zu entwickeln, gerade eines der kommunalpolitischen Ziele hinter der Investition.

Digitaler Wandel bemerkbar

Ob die am Mittwoch mit dem Konzert der US-amerikanischen Jazzdiva Dianne Reeves beginnende 19. Saison da die grundlegende Trendwende bringt, erscheint aber fraglich. Gerade dieses Konzert lässt sich gar als Indiz einer gegenteiligen Entwicklung anführen. Schließlich tritt Dianne Reeves schon im März 2018 erneut in der Region auf, und zwar in Basel im Musical Theater in der Offbeat Series. Die Idee, den Burghof als regional einzigartigen Leuchtturm zu positionieren, scheint in dem Fall jedenfalls nicht sehr tragfähig. Das aber hat weniger mit dem Haus zu tun, auch nicht mit konzeptionellen Schwächen, aber viel mit strukturellen Veränderungen und Trends.

Diese zeigen sich nicht zuletzt in der populären Musik, die das Haus unter dem Begriff Konzerte bündelt. Gerade hier macht sich der fundamentale Wandel, den die Digitalisierung auch im Kulturbetrieb anstößt, bemerkbar. Denn da Tonträger wie CDs oft nur noch als Souvenir nach Konzerten verkäuflich sind, werden Letztere als Existenzbasis für Künstler immer wichtiger. Entsprechend steigen nicht nur Dichte und Frequenz der Konzerte und das auch in Orten, um die vor 15 Jahren noch Bögen gemacht wurden, sondern auch Gagen. Die erreichten Höhen, die ließen innehalten, betonte Sandro Bernasconi, Musikverantwortlicher der Kaserne Basel, dieser Tage bei deren Saisonvorschau. Das aber ist angesichts der Ressourcen des Basler Hauses, das von 2018 an rund drei Millionen Franken kantonale Zuschüsse im Jahr erhält, also fast doppelt so viel wie die 1,5 Millionen Euro, die die Stadt Lörrach dem Burghof seit 2016 für Betrieb und Programm zuschießt, Jammern auf hohem Niveau.

Genreübergreifende Ansätze

Wie aber kann ein mittelgroßes Haus wie der Burghof mit der Entwicklung umgehen? Weltstars à la Reeves sind im aktuellen Konzertprogramm jedenfalls rar gesät. In der Liga spielen noch die King’s Singers oder Canadian Brass, wobei Letztere auch als Angebot an die ambitionierte Blasmusikszene in regionalen Vereinen zu sehen sind – ein Versuch, Brücken zu bauen in neue Publikumsschichten. Tatsächlich löst sich der Burghof unter der Handschrift Markus Mufflers seit 2011 zunehmend vom Label "Haus der Stimmen" und mutiert zur Spielstätte genreübergreifender innovativer Ansätze, wie sie die deutsche Nu-Jazzband Nighthawks pflegt oder der klassisch ausgebildete britische Pianist John Law, der Klassik, Jazz und Elektronik mischt. Überhaupt hat der Jazz bei den Konzerten deutlich größeren Stellenwert erhalten. Andererseits war Jazzaffines in Lörrach, Basel und Freiburg auch bislang nicht unterrepräsentiert. Ob das der Königsweg ist zu mehr regionaler wie überregionaler Aufmerksamkeit, erscheint zumindest zweifelhaft. Doch möglicherweise ist der Anspruch ohnehin eine politische Chimäre von gestern, die die Praxis längst widerlegt.

Auch in der Klassik finden sich zumindest Indizien eines neuen regionalisierten Fokus’. Das gilt etwa für die Kooperationen mit dem Sinfonieorchester Basel oder dem Freiburger Barockorchester. Diese richten sich primär an ein Publikum aus der Stadt und dem Kreis Lörrach. In Freiburg oder Basel sind diese Ensembles ohnehin zu hören. Das gilt aber auch für Gastspiele des in Freiburg lebenden Percussionisten Murat Coskun oder des Bassisten Dieter Ilg. Burghof-Chef Markus Muffler hält zwar tapfer fest am Anspruch überregionaler Strahlkraft. Das Haus habe ein "unverwechselbares Profil" erarbeitet und sei in Südbaden die einzige Institution südlich Freiburgs, die in der Liga "kultureller Leuchttürme" spiele – von der Filature in Mulhouse bis zum Theater Basel – betonte er etwa bei der Vorlage des Saisonprogramms im Juni.

Widersprüche in der Wahrnehmung

Angesichts der Eigenproduktionen des Theaters Basel und dessen Etat ist das allemal selbstbewusst. Mit dem Intendantenprinzip unterscheidet sich der Burghof bis heute zwar noch von Spielstätten wie dem Konzerthaus Freiburg, das die Freiburger Wirtschaft und Touristik als Veranstaltungssaal managt. Das Programm dort fällt – zumindest in der Klassik oder dem TV-bekannten Kabarett – im Vergleich aber nicht fundamental ab. Auch im Tanz, für Muffler eine zweite Säule der Profilbildung, offenbaren sich Widersprüche in der Selbst- und der Fremdwahrnehmung: Insgesamt sechs Gastspiele in sieben Monaten Saison sind schon quantitativ wenig als "Profilfach" – zumal mit dem Ballett de L’Opera du Rhin auch da ein Ensemble darunter ist, das ebenso gut in Mulhouse und Straßburg zu sehen ist. Wer sich für die internationale Spitze der freien Tanzszene interessiert, bekommt das in der Kaserne Basel allemal breiter und umfassender. Abgesehen davon, dass ein Konzept eintägiger Gastspiele ohnehin Fragezeichen aufwirft und den Eindruck einer reinen Abspielstätte bestärkt. Warum das Geld nicht in eine Koproduktion investiert, die mehrere Tage exklusiv zu sehen ist und gegebenenfalls andere Gastspiele mitproduzierender Häuser stimuliert?

Zwar ist der Burghof inzwischen eines der wenigen Kulturhäuser Südbadens, das noch ambitioniert bespielt wird. Dennoch wäre es Zeit, sich ehrlicher zu machen, was unter den Vorzeichen Ende der 10er-Jahre zu leisten ist – auch vor dem Hintergrund der 2018 anstehenden 20-Jahr-Feier. Um im Wettkampf der Gagen mitzuhalten, ist das Haus schlicht zu klein, als Experimentierbühne urbaner Avantgarden aber auch zu groß und Lörrach kaum der richtige Ort. Ein Programm, das sich emanzipiert von der Profilneurose gegenüber Großstädten wie Basel und Freiburg, eine regionale Bühne für regionales Publikum mit einzelnen Highlights statt ein überregional wenig beachteter Gastspielort in einer unteren Liga, könnte gleichwohl Charme entwickeln, zumal vieles – wie gezeigt – ohnehin in die Richtung geht.

Saisoneröffnung: Dianne Reeves, Mittwoch, 4. Oktober, 20 Uhr; danach folgen: Michael Krebs (Kabarett), 6. Oktober; Canadian Brass (Blasmusik), 7. Oktober; Nighthawks (Jazz), 8. Oktober, alle 20 Uhr

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