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09. Juni 2016 00:00 Uhr

Internet

Der Siegeszug eines Freiburger Wissenschaftsvideos

Ein Video zeigt den aus Freudenstadt stammenden Weltklasse-Bariton im Profil und "durchleuchtet": Die Aufnahme entstand in einer Röhre mittels Magnetresonanztomographie an der Uniklinik.

  1. Das sieht man gewöhnlich vom Sänger: Michael Volle in der Rolle des Beckmesser in Bayreuth Foto: Daniel Karmann

  2. Volle singt – im MRT Foto: Forschungsinstitut für Musikermedizin

Es gehörte zum kulturellen Inventar des Bildungsbürgers – das "Lied an den Abendstern", die melancholische Todesahnung, die Richard Wagner der Figur des Wolfram von Eschenbach im dritten Aufzug seiner romantischen Oper "Tannhäuser" (1845) in den Mund legt. Dergleichen findet, wenn es sich in der schönen neuen Welt des Internets behaupten muss, in der Regel überschaubare Beachtung. Eine Interpretation mit Roman Trekel, seit 2008 auf Youtube, brachte es bislang auf rund 52.000 Aufrufe. Ein Open-Air-Mitschnitt mit Bryn Terfel kommt immerhin auf gut 72.800 Klicks.

Was aber ist das? Nachdem der Münchner Merkur das erst Anfang Mai 2016 veröffentliche Video des Fachkollegen Michael Volle auf seine Website stellte, zählt es jetzt bereits über 468.000 Aufrufe. Wohlgemerkt ohne Orchester, und in ungewöhnlicher Physiognomie. Es zeigt den aus Freudenstadt stammenden Weltklasse-Bariton im Profil und "durchleuchtet": Die Aufnahme entstand in der "Röhre" – mittels Magnetresonanztomographie (MRT) am Universitätsklinikum Freiburg.

Am gemeinsam von Universität und Musikhochschule betriebenen Forschungsinstitut für Musikermedizin (FIM) ist man von dem Run auf das Video selbst überrascht. Und ein Stück weit auch verunsichert ob der plötzlichen Popularität. Seit seiner Gründung vor zehn Jahren beschäftigt man sich am Institut intensiv mit der Erforschung der Stimme und praktiziert kernspintomographische Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Radiologie und Neuroradiologie der Universitätsklinik. Aber dass das plötzlich von einer Fangemeinde im World Wide Web mit Kommentaren wie "So ein Musik-Video wollte ich auch immer schon mal machen. Sehr cool" bedacht würde, war natürlich nicht vorgesehen.

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"Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass der wissenschaftliche Charakter nicht wahrgenommen würde", räumt Matthias Echternach ein. Der Oberarzt am Institut betreibt zusammen mit dessen Leiter Bernhard Richter die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Frage, wie die Stimme bei Hochleistungssängern entsteht. Rund 50 Publikationen in Fachjournalen sind das Ergebnis seither. Da erscheint ein Video auf Youtube, um es dem Medium angemessen zu formulieren, eher voll krass...

Natürlich war die Publikation dort auch nicht vorrangiges Ziel, sondern ein Zufallsprodukt. Als ein Münchner Musikjournalist anlässlich eines Konzerts mit Michael Volle ein Interview führte, kam das Thema zur Sprache. "Ich bin nicht klaustrophobisch veranlagt, aber mulmig wird’s einem da schon", beschrieb Volle im Münchner Merkur das Procedere im MRT. Und ergänzte: "Dass es ziemlich unbequem war, hört man auch. So ganz ohne Stütze – nicht alle Töne sind dort, wo ich sie gerne hätte." Zur Erklärung: Der Proband liegt, wie jeder Patient auch, in dem Magnetresonanztomographen und muss in der engen Röhre, umgeben von der Geräuschkulisse der Untersuchung, singen. Dagegen ist selbst der krudeste Regieeinfall wohl eher Labsal. Aber der bislang unmögliche Einblick in die Anatomie lohnt den Aufwand.

"Wir sind im Augenblick die, die die beste Qualität herstellen können", erläutert Bernhard Richter. Mit 24 Bildern pro Sekunde gelängen Aufnahmen in bislang ungekannter Schärfe. "Unser wirkliches Potenzial", ergänzt Matthias Echternach, "ist, dass wir uns im Kultursektor Deutschland befinden." Die immer noch unvergleichlich reiche Musiklandschaft führe dem Institut bedeutende Sängerinnen und Sänger zu. Denn natürlich ist auch das Interesse bei diesen groß zu erfahren: Welche Vorgänge spielen sich im Instrument Stimme ab, die sich sonst – notwendigerweise – immer nur in Bildern und Metaphern beschreiben lassen. Richter: "Unsere Untersuchungen öffnen auch ein neues Fenster für die Arbeit von Gesangspädagogen." Wobei ihm eines wichtig ist: "Die Intention der Untersuchung ist nicht: Was ist richtig, was ist falsch." "Wir wollen keine Ausbildungsfehler darstellen", ergänzt Echternach. Den Zweck ihrer Arbeit beschreiben sie als Grundlagenforschung.

Normalerweise erfolgt die im Wissenschaftsbezirk. Aber wie lässt es sich erklären, dass sie, nachdem ein Sänger sich mit der Veröffentlichung seiner Videos einverstanden erklärte, plötzlich auf solch breite Resonanz stößt? Claudia Spahn, ebenfalls Leiterin des FIM, glaubt, dass es daran liegen könnte, dass man in etwas hineinschauen kann, was einem bisher verborgen war. Sozusagen in die Werkstatt eines Potenten, eines Spitzensängers. Das sei im tiefenpsychologischen Sinne sexy. Aber sie ist sich sicher: "Der eigentliche Mythos des Singens lässt sich nicht mit einem Video einfangen."

Ein Freiburger Regisseur formulierte es gegenüber Echternach ironischer, als er sagte: "Du hast uns ja einen Zungenporno ins Netz gestellt." In der Tat ist die Komponente Voyeurismus sicher nicht zu verachten. Wichtig ist den Wissenschaftlern: Die Popularität könnte zur Erleichterung ihrer Arbeit beitragen, das Verständnis dafür wecken. Denn selten sind Grundlagenforschung und gelebte Kultur so nahe beieinander wie hier. Dass jetzt noch ein gewisser Kultfaktor hinzukommt, ist nicht zuletzt auch für den Komponisten toll. Das Knacken der halben Million auf Youtube sollte deshalb auch noch zu schaffen sein...

Das Video auf dem Youtube-Kanal der Uniklinik Freiburg: mehr.bz/volle

Autor: Alexander Dick