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22. April 2009 19:56 Uhr
Experiment: Freiwilliger Mobilfunk-Verzicht
Ohne Handy: Eine neue Sicht der Dinge
Der T-Mobile-Blackout hat 40 Millionen Deutsche für einige Stunden vom Handy abgeschnitten. Doch wie ist es für junge Leute, wenn sie sogar mehrere Tage auf Mobilfunk verzichten. Bereits 2005 hat BZ-Jugendredakteurin Carolin Mack den Selbstversuch gemacht. Wir erinnern.
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Es gab sie 2005 und gibt sie noch heute: Die gute alte Telefonzelle. Foto: Patrik Müller
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bei der man sogar ganz diskret die Tür zumachen kann und nicht jedermann an seiner Kommunikation teilhaben lassen muss Foto: Patrik Müller -
Her damit
Foto: Patrik Müller -
ich will mein Handy wieder haben Foto: Patrik Müller -
Überlebt: Carolin Mack war vier Tage ohne Handy Foto: Patrik Müller
EMMENDINGEN. Am heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, die Zeit des Verzichts. Ein Wochenende ohne Handy? Das ist hart. BZ-Jugendredakteurin Carolin Mack aus Freiamt wollte das mal ausprobieren. Ihr Problem. Weil wir in der Jugendredaktion nicht nur hart, sondern auch gemein sind, haben wir den Donnerstag gleich noch dazugepackt. Wir wollten Caro schließlich keine Chance geben, ihr Wochenende schon im Vorfeld zu verplanen. Um das Ende der Geschichte vorwegzunehmen: Sie hat es überlebt. Hier ihr Bericht im O-Ton:
"Vier Tage ohne Handy! Auf was hatte ich mich da bloß eingelassen? Und dann noch über das Wochenende? Ich fürchte, ich werde in Einsamkeit versinken und ein viel zu gemütliches Wochenende verbringen. Schon allein der pure Gedanke an eine Welt ohne Handyklingeln und Piep-Piep-Piep löst ein unangenehmes Gefühl in meiner Magengegend aus.
Mittwochnacht, um Punkt 0 Uhr, schalte ich mein Handy aus - nachdem ich die letzten überlebenswichtigen Botschaften für die nächsten Tage verschickt habe. Am nächsten Morgen wird mir schonungslos klar, auf was ich mich eingelassen habe. Mein Handy ist schließlich nicht nur mein bevorzugtes Kommunikationsmittel, sondern auch Wecker, Radio und Kamera in einem -ein echtes Multifunktionsgerät eben. Kurz: Ich verschlafe. Den Radiowecker habe ich nämlich meiner Schwester überlassen, das Handy darf ich ja nicht benutzen. Früher, denke ich mir, ging es doch auch "ohne". Warum muss frau denn heute immer und überall erreichbar sein? Der Fortschritt lässt es nicht mehr zu, sich eine Auszeit zu gönnen und mal nicht am Telefon verfügbar zu sein. Könnte man zumindest glauben.
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Der zweite Tag meiner "Entziehungskur" verläuft noch problemlos, zunächst jedenfalls. Hin und wieder ein sehnsüchtiger Blick auf Tasten und das tote Display - doch ich wage nicht einmal daran zu denken, meinen Selbstversuch aufzugeben. Am Abend ruft dann meine Freundin an, verzweifelt, sie hat sie schon mehrmals versucht mich zu erreichen, und das gute alte Festnetz ist dank telefonsüchtiger Geschwister dauerbesetzt. "Was ist denn los, dich erreicht man aber auch gar nicht mehr!" - Vorwurfsvoll bekomme ich zu hören, warum man sich überhaupt ein Handy zugelegt hat, wenn man nicht rangeht. Das was ich zu meiner Verteidigung vortrage, findet sie absurd - und ihrer Meinung nach schaffe ich es sowieso nicht, bis zum Ende durchzuhalten.
Doch ich bleibe stark und wehre mich gegen die fast schon krankhafte Sucht der Kommunikation per Sms, es geht doch auch "face to face" oder über das Telefon, und vielleicht ist das ist gar nicht so altmodisch, wie alle denken. Auf jeden Fall ist es schon ein Schritt persönlicher, als immer nur über Kurznachrichten miteinander zu kommunizieren - außerdem geht das "Simsen" ganz schön ins Geld.
Samstagmorgen, 10 Uhr. Noch zwei Tage! Meine Mutter hält mir einen Zeitungsartikel über die "Schädigung des Erbgutes durch Handystrahlung" unter die Nase. Ob ich wirklich wegen solcher Theorien meinen hoch technisierten Wegbegleiter in der Ecke liegen lasse, weiß ich nicht. Samstagabend ist Partytime - normalerweise. Doch ich komme zu spät von der Arbeit nach Hause, um die Nacht noch per Telefon (Festnetz!) zu organisieren. Alle Freunde und Freundinnen sind auf der Piste. Schlecht natürlich, wenn man ihre Nummern nur im Handy eingespeichert hat! Ich sehne den Montag herbei, verbringe genervt den Abend als "Couch-Potatoe" und zappe durch das wahnsinnig spannende Fernsehprogramm.
Sonntag gleich Ruhetag. Treffender könnte man es nicht beschreiben. Ich habe mich an die Stille gewöhnt, beschließe sogar, in Zukunft nicht mehr so viele überflüssige Nachrichten zu versenden. Ein Sieg für die Vernunft, eine ganz neue Sicht der Dinge - nach nur vier Tagen Handy-Abstinenz. Vielleicht hole ich mir meinen Radiowecker zurück und lasse das Handy öfter mal zu Hause. Ganz darauf verzichten kann ich aber auf keinen Fall. Denn es ist verdammt schwer, Laster wieder loszuwerden, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat. Aber: Es spricht nichts dagegen, sie einzuschränken.
Autor: Carolin Mack


