Sediert im Kitschpalast

Peter Disch

Von Peter Disch

Sa, 13. Oktober 2018

Computer & Medien

Die zweite Staffel der deutschen Thrillerserie "4 Blocks", die in der Welt der arabischen Clans in Berlin spielt, ist angelaufen.

Arabische Großfamilien und ihre dubiosen Geschäfte sind in Berlin schon länger ein Problem. Aber selten wurde über deren Machenschaften so großflächig berichtet wie in den vergangenen Wochen. Die Behörden haben den Druck auf die Banden zuletzt spürbar erhöht, flankiert von einer permanenten Berichterstattung der Law-and-Order-Redaktion der Bild-Zeitung, die den Kampf gegen diese Form der organisierten Kriminalität zu einem ihrer Schwerpunkte gemacht hat. Am Donnerstag sprachen in Stern TV der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Martin Hikel und Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei über ihren Kampf gegen die Großfamilien. Seit sich der bekannte Rapper Bushido Ende September vom Berliner Clan-Oberhaupt Abou Chaker gelöst hat, an den er angeblich über Jahre die Hälfte seiner Einnahmen abführte, um stattdessen Geschäfte mit dessen Rivalen Ashraf Rammo zu machen ziehen auch Promimagazine mit.

Die Realität hat dem Thema mehr Aufmerksamkeit verschafft, als es jede Marketingkampagne gekonnte hätte. Beste Voraussetzungen also für den Start der zweiten Staffel von "4 Blocks", die seit Donnerstag unter anderem beim Bezahlsender Sky läuft. "4 Blocks" – das sind vier Straßenzüge in Berlin-Neukölln, in denen Ali "Toni" Hamady das Sagen hat. Er ist der kurdische Kopf einer libanesischen Großfamilie, die ihr Geld mit Spielautomaten, Drogen und Prostitution macht – und ihren Claim gegen die Polizei und Rivalen aus der Rockerszene verteidigt. Schmiergeld, Gewalt, Mord – jedes Mittel ist dabei recht.

Die erste Staffel, 2017 veröffentlicht, bracht der Produktionsfirma Wiedemann und Berg viel Lob – zu ihren bisherigen Referenzen zählen die Donnersmarck-Filme "Das Leben der Anderen" und "Werk ohne Autor" oder das ARD-Doku-Drama "Mitten in Deutschland: NSU". Der Cast um Kida Khodr Ramadan, Frederick Lau und den Rapper Massiv (für das Extra an Authentizität), die dichte Handlung, die Art und Weise, wie das Milieu gezeichnet wurde: "4 Blocks" hält, was Til Schweiger in der Rolle des ARD-"Tatort"-Kommissars Nick Tschiller nur versprochen hat: Eine Mischung aus Thriller, Suspense und Action auf Kinoniveau, die es mit den Formaten internationaler Streamingkonkurrenten wie Netflix aufnehmen kann.

Die Erwartungen an die neuen Folgen sind also hoch. Und wie schwer es ist, diesen gerecht zu werden, zeigen die ersten zwei Episoden. Denn der Handlungsstrang, der Staffel I trug, ist zu Ende. Vince, ein alter Freund von Toni, der nach Jahren plötzlich wieder auftaucht und schnell seine rechte Hand wird, tatsächlich aber ein verdeckter Ermittler ist, überlebte das Finale nicht.

Die Gefahr, jederzeit enttarnt werden zu können, die Heimlichtuereien, die Unruhe und das Misstrauen, die daraus entstanden, dass der Boss des Clans jemanden ohne Blutsbande den Familienmitgliedern und selbst seinem Bruder vorzieht – das war eine explosive Mischung und sorgte für Spannung bis zum Schluss. Der neue Plot ist verglichen mit dieser Gemengelage konventionell. Toni wird vom Chef der Chefs zur neuen Nummer eins in Berlin gemacht. Doch der Aufstieg der einen Familie ist immer der Abstieg einer anderen, die das nicht hinnehmen kann. Schon gibt es erste Kollateralschäden, will Blut mit Blut vergolten werden, steht eine Mietskaserne in Flammen, in der Toni "Flüschtlinge" – Nuschel-Deutsch ist Pflicht in "4 Blocks" – untergebracht hat und dafür 90 000 Euro im Monat vom Senat kassiert . "Krieg der Libanesen-Clans – brennt bald ganz Berlin-Neukölln?" schreibt die Bild-Zeitung.

Erneut ist Tonis Versuch, in legale Geschäfte zu investieren, um den Absprung zu schaffen, gescheitert. Seine Frau ist deshalb mit der Tochter in der ersten Staffel weggelaufen – seinen Schmerz betäubt Toni wie damals der CDU-Politiker Uwe Barschel mit dem harten Beruhigungsmittel Tavor, großzügigen Schnaps-Gaben und kostspieligem Poker.

So brütet der Clan-Boss sediert und isoliert in seinem goldgetünchten Kitschpalast vor sich hin, wie Dealer-König Tony Montana in Brian De Palmas Kinoklassiker "Scarface", verliert ein wichtiges Detail aus den Augen, während seine ärgsten Gegner doch noch einen Dreh zu finden scheinen, sein Imperium ins Wanken zu bringen. Zwei schwerfällige Folgen dauert es, bis alles bereit ist, damit die neue Staffel in den weiteren fünf Folgen endlich Fahrt aufnimmt. Das ist nötig. Denn nicht nur in der Welt der Clans, auch in der der Fernsehserien gilt: Wer Schwäche zeigt, nicht liefern kann, der ist schnell weg vom Fenster.