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26. September 2014 08:18 Uhr

Elternwissen 2.0

Welche Folgen haben Smartphones für den Alltag von Jugendlichen?

Das Smartphone gehört längst zum Alltag von Jugendlichen. Bei den Eltern wächst derweil die Angst vor der geistigen Verarmung durch neue Medien. Wie sieht die richtige Balance aus?

  1. Foto: Illustration: Karo Schrey

Spätestens mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule steht das Thema an: Das Kind wünscht sich ein Smartphone. Erstens haben alle eines (und das ist, glaubt man den Statistiken, nicht einmal übertrieben). Zweitens ist es für die Schule so notwendig wie Zirkel und Geodreieck (Klassengruppe! Nachfrage bei Hausaufgaben! Verabredungen!). Drittens, viertens, fünftens: Ein Leben ohne Smartphone ist schlichtweg nicht möglich. Die Diskussionen dauern unterschiedlich lang, doch am Ende geben die Eltern den Widerstand auf. Von nun an treten Kind und Gerät nur noch als siamesische Zwillinge auf.

"Ohne Handy wird es tatsächlich schwierig" Markus Merkle
Für Heranwachsende gehören Computer, Tablets und Smartphones so selbstverständlich zum Alltag wie Facebook, WhatsApp oder Instagram. Sie wollen immer und überall erreichbar sein, sie wollen ihren Fotoapparat, ihr Adressbuch, ihre Spielekonsole, ihre Musik, ihr Video-Abspielgerät stets dabei haben.

"Ohne Handy wird es tatsächlich schwierig", sagt Markus Merkle, der das Projekt "handysektor.de" betreut und in der BZ-Reihe "Medienkompetenz" über sichere Passwörter, riskante Apps, Datenfänger und Privatsphäre-Einstellungen informierte. "Der Austausch mit Freunden und sogar teilweise mit der Familie findet heutzutage zum Großteil über das Handy statt. Hat ein Kind oder ein Jugendlicher kein Handy, besteht die Gefahr, dass er von der Kommunikation in seiner Peer-Group ausgeschlossen ist."

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Im Alltag heißt dies: Keine Einladungen zu Geburtstagen, keine Nachrichten über verlegte Treffen, kein Mitreden über das neueste Youtube-Video.

Ist das Gerät im Haus, schütteln die Eltern nur noch den Kopf – über die vielen "Freunde", die das Kind im Netz hat, über die panische Suche nach dem Aufladegerät, die Verzweiflung, wenn der Akku leer ist, über die viele Zeit, die mit Wischen und Klicken draufgeht. Geweckt vom Handy, beginnt der Tag mit einem Blick auf das Smartphone, abends im Bett werden die letzten Nachrichten gecheckt. Das Kind scheint mit dem Handy verwachsen zu sein, jede Trennung löst eine Art Amputationsschmerz aus.

Und all das soll keine Folgen haben?

Viele Eltern sind beunruhigt, wenn der Blick ihres Nachwuchses stundenlang auf dem Smartphone haftet. Zu Recht, sagt Bert te Wildt, der als Oberarzt die Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinik Bochum leitet. Er hat sich zum Thema Internetabhängigkeit habilitiert und ist Mitbegründer des Fachverbands Medienabhängigkeit. "Die Medien sollten dem Menschen dienen und nicht umgekehrt!"

Bisher spiele eine Abhängigkeit von Smartphones im klinischen Alltag zwar keine Rolle, jedoch die der Sozialen Netzwerke – und an diesem Punkt kämen die mobilen Endgeräte ins Spiel: "Wenn wir die nicht hätten und alles nur vom heimischen PC aus machen könnten, wären Soziale Netzwerke nicht so erfolgreich."

Bert te Wildt sieht einen Zusammenhang zwischen der Abhängigkeit von neuen Medien und Aufmerksamkeitsstörungen. "Ein Buch von vorne bis hinten durchzulesen – viele können das gar nicht mehr." Wer kann sich, wenn es ständig klingelt, summt oder brummt, auf eine Sache konzentrieren? Das Ablenkungs- und Zerstreuungspotential ist enorm. Die Furcht, etwas zu verpassen auch. Beeinflussen die Geräte das Denken? Ist dies eine Frage der Disziplin? Müssen Kinder den Umgang nur lernen?

Früher war von Telefonitis die Rede

Die Angst vor geistiger Verarmung durch neue Medien hat es immer gegeben: Sokrates hat gegen die Schrift gewettert, weil sie das Gedächtnis schwäche und das Wissen auslagere, im 17. Jahrhundert wurde vor der "Zeitungssucht" gewarnt, im 20. Jahrhundert gegen die "Telefonitis" zu Felde gezogen. Mal war es das Fernsehen, dann die Videogeräte, die unweigerlich zur Verdummung und Manipulation führen sollten. Nun warnt eine Studie des britischen Office of Communication: Die Kinder sprechen nicht mehr viel. Wenn sie sich austauschen, dann in der Regel per SMS oder über Soziale Netzwerke.

Unterschätzt wird, wie viel Zeit mit dem Smartphone verbracht wird. Abhilfe schaffen will die Menthal App (siehe Info), die Informatiker und Psychologen der Uni Bonn für Geräte mit Android-Betriebssystem entwickelt haben. Die App soll helfen, das Smartphone-Verhalten zu reflektieren: Wie oft und wie lange beschäftige ich mich mit dem Gerät? Telefonieren, chatten, surfen, spielen, fotografieren – was tue ich damit? Welche Apps nutze ich? "Wir glauben, auf diese Weise Verhalten erfassen zu können", sagt Informatiker Alexander Markowetz. Meist sei der Griff zum Smartphone eine unbewusste Entscheidung. Mit der Menthal App, die den Konsum akribisch erfasst, könne der Nutzer kontrollieren, wie lange und wofür er es nutzt. Wer eine digitale Diät machen wolle, habe jetzt die passende Waage.

Seit Januar läuft das Projekt, mittlerweile wurde die App schon mehr als 150 000 Mal heruntergeladen – meist von Intensivnutzern, sagt Markowetz. Manche von ihnen griffen 130 oder 140-mal am Tag zum Smartphone, circa alle sechs Minuten, Durchschnittsnutzer immerhin alle zwölf Minuten – weitgehend unabhängig vom Alter. Während Mädchen sich mehr mit Freunden austauschten, spielten Jungs lieber. Wofür das Smartphone allerdings kaum noch genutzt werde: zum Telefonieren. Die meiste Zeit, die Jugendliche das Gerät nutzen, verbringen sie damit SMS zu schreiben, Fotos und Videos zu verschicken, zu chatten und "Likes" zu verteilen.

Der Erfolg der App hat seinen Preis: Die hohen Nutzerzahlen haben dazu geführt, dass die Server der Bonner Informatiker schon mit der Aufzeichnung der Nutzungsdaten komplett ausgelastet sind – für die Auswertung werden zusätzliche Rechenkapazitäten benötigt, doch dafür fehlt den Forschern das Geld.

Fetzenliteratur beim Chatten

Wie sieht die richtige Balance zwischen virtuellem und dem wirklichen Leben aus? Viele Jugendliche verstehen diese Frage überhaupt nicht. Für sie gibt es kein Entweder-oder, die virtuelle Welt ist für sie eine Verlängerung der realen Welt. Es ist für sie ganz normal, am Tisch mit Freunden zu sitzen und gleichzeitig am Smartphone mit einer Freundin, die man aus dem realen Leben kennt, zu chatten. Früher wurde stundenlang mit den Freunden telefoniert, heute schreibt man eine SMS oder postet auf Facebook. Täglich rasen Milliarden solcher Nachrichten durch die digitale Welt – meist achtet der Schreiber weder auf Orthografie noch auf Grammatik. Abkürzungen wie LOL (laughing out loud) oder OMG (oh my god) sind populär. Für Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, ist dies "Fetzenliteratur", die die Sprachkompetenz junger Menschen bedrohe.

Dem widersprechen britische Forscher: Nach einer Studie der Coventry University kann häufiges Schreiben von Textnachrichten sogar einen positiven Einfluss auf die Rechtschreibung und Grammatik von Heranwachsenden haben. Nach Ansicht der Wissenschaftler, die Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren untersuchten, hat die unorthodoxe Schreibweise während des SMS-Schreibens keinen negativen Einfluss auf den Sprachlernprozess.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Schweizer Studie: Die Sprachwissenschaftlerin Christa Dürscheid stellte fest, dass auch die Jugendlichen zwischen Freizeit und Schule unterscheiden und dafür unterschiedliche Schreibstile nutzen. Das Problem der Forschung: Es gibt keine Langzeitstudien.

Gerade weil viele Fragen noch unbeantwortet sind, rät Bert te Wildt zu einem kritischen Umgang mit digitalen Geräten wie dem Smartphone – nicht nur der Nachwuchs sei gefragt, sondern auch die Eltern. "Ein Kind völlig frei ins Internet zu lassen, halte ich für fahrlässig. Vor dem achten Lebensjahr sind digitale Medien nicht sinnvoll, weil Kinder noch nicht zwischen virtueller und realer Welt unterscheiden können." Gedanken machen sollten sich Eltern dennoch nicht erst, wenn das Gerät Teil des eigenen Selbst wird. "Es gibt Jugendliche, die sagen: ’Wenn das Smartphone ausgeschaltet ist oder ich es zu Hause vergessen habe, dann bin ich nicht vollständig’", sagt der Psychiater Bert te Wildt.

Für einige sei das Smartphone ein Instrument, hinter dem sie sich verstecken können – besonders in der Pubertät, in der viele Kinder und Jugendliche noch unsicher sind. "Da spielen neue Medien eine große Rolle, weil man eine Kommunikationsebene dazwischen schieben kann." Plötzlich traue man sich zu flirten – man müsse ja niemanden in die Augen schauen. "Im besten Fall geht das vorbei, weil man das Echte will, eine richtige Freundin, wirklich Sex haben", sagt Bert te Wildt. Die meisten bevorzugen zwar das persönliche Gespräch mit ihren Freunden. Es gebe aber auch die, die hängen bleiben – gebückt über ein Gerät. In dieser orthopädisch fragwürdigen Haltung besteht die Gefahr, auch Vieles zu verpassen. Das ist die Botschaft des Briten Gary Turk, dessen Video "Look up" ("Schau auf") auf Youtube 50 Millionen Mal angeklickt wurde und im Netz zu heftigen Diskussionen führte. Turks These: Das Leben zieht an dir vorbei, ohne dass du es bemerkst. Zum Beispiel, wenn dir die Frau deines Lebens entgegenkommt, du sie aber nicht wahrnimmst – weil du mal wieder auf dein Smartphone starrst.
Menthal

App
Ein Team aus Psychologen und Informatikern der Universität Bonn hat diese Anwendung entwickelt. Die Menthal App, mit der Handy-Abhängigkeit – auch anhand einer Skala – feststellbar sein soll, kann bislang ausschließlich von Nutzern von Android-Smartphones installiert werden. Die kostenlose App gibt es im Google Playstore oder auf http://www.menthal.org

Alle Beiträge finden Sie unter http://mehr.bz/elternwissen

Autor: Sina Gesell und Petra Kistler