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24. Dezember 2016

Weihnachten

Das Fürstenberger Hof in Zell am Harmersbach zeigt Krippen aus aller Welt

Im Heimatmuseum Fürstenberger Hof in Zell am Harmersbach versammelt eine Ausstellung Krippen aus aller Welt.

  1. Die Herbergssuche als Szene in der Krippe der Künstlerin Angela Tripi Foto: Hans-Peter Wagner/Maldacker

  2. Eine Darstellung der Geburt Jesu aus Peru mit der schützenden Hand Gottes Foto: Anika Maldacker

  3. Krippe aus Kolumbien Foto: Anika Maldacker

Ein farbenprächtiger Holzkasten, mit aufgeklappten Flügeln wie ein Fenster, drei Etagen darin. Das Jesuskind liegt in einer Futterkrippe in der obersten Etage. Im mittleren Stock tummeln sich bunt bemalte Figuren, mit Panflöte, schwarzen Zöpfen, traditionellen südamerikanischen Ponchos. Im untersten Stock nutzt ein übereifriger Verkäufer die Menschenansammlung und stellt Hüte aus. So hat sich ein peruanischer Krippenbauer die Weihnachtsgeschichte ausgemalt. Ein mexikanischer Künstler lässt Christus, aus Salzteig geformt, in einer Kalebasse, einem getrockneten Flaschenkürbis, zur Welt kommen. "Jesus wird dort geboren, wo die Krippe gebaut wurde", erklärt Hans-Peter Wagner. Er steht im ersten Stock des Fürstenberger Hofs in Unterharmersbach, einem Ortsteil von Zell am Harmersbach im südlichen Ortenaukreis. Die Decke ist seinem Kopf bedrohlich nah. Um ihn herum drängen Besucher. Sie verharren vor bunten Kästen, in denen Weihnachtskrippen aus Frankreich, Thailand und Kolumbien vor buntem Hintergrund eindrucksvoll beleuchtet werden. In diesem Jahr zieren den Fürstenberger Hof Krippen aus aller Welt.

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In dem Schwarzwälder Bauernmuseum im Harmersbachtal sitzen das ganze Jahr über Puppen in Schwarzwaldmontur auf Holzschemeln. Noch bis Mitte Januar drängen 300 Weihnachtskrippen die Puppen an den Rand. Für Hans-Peter Wagner ein Traum. Der 72-Jährige, der neben seinem Amt als Vorsitzender des Fördervereins des Fürstenberger Hofs noch Ortsvorsteher von Unterharmersbach ist, sagt von sich selbst, er sei mit einem Krippenvirus infiziert. Seit 1998 organisiert er im Fürstenberger Hof im Zweijahrestakt Krippenausstellungen. Bis vor zwei Jahren bestanden diese aus verschiedenen Schwarzwälder Landschaftskrippen. Wuchtiger Bauernhof, Schafsherde auf saftigen, mit Moos dargestellte Wiesen – typische Heimatkrippen, die die Weihnachtsgeschichte im Umfeld des Krippenbauers erzählen.

Von diesem Konzept wich Organisator Wagner erneut ab – dank der Begegnung mit dem Franzosen Paul Chaland vor sechs Jahren. Chaland und Wagner teilten ihre Begeisterung für Weihnachtskrippen. Die beiden sprachen die Muttersprache des anderen nur bruchstückhaft. Sie trafen sich – wie konnte es anders sein – auf einer Krippenausstellung in Innsbruck. Es entstand eine Männerfreundschaft.

Der aus Lyon stammende Chaland ist in Frankreich kein Unbekannter. In seinem Berufsleben machte er sich als Journalist einen Namen. Zunächst bei der französischen Illustrierten Paris Match, deren Chefredakteur er wurde, dann als Herausgeber der Frauenzeitschrift Marie Claire. "Das Gewicht der Wörter, der Schock der Bilder" – diesen bedeutungsschwangeren Spruch hatte sich Paris Match unter anderem in Chalands Zeit auf die Fahne geschrieben. Mit Klatsch- und Tratsch wollte der Franzose im Ruhestand nichts mehr zu schaffen haben. Bei einer Reise nach Mailand entzückte ihn eine vor dem Dom errichtete mechanische Krippe des Künstlers Primo Filippucci mit beweglichen Figuren. 16 Jahre hatte dieser daran gearbeitet. Als Chaland davor stand, befand sich das Werk in einem ramponiertem Zustand – der jährliche Auf- und Abbau während 33 Jahren, Wind und Wetter. Filippucci fehlte ein Förderer – da hatte Chaland das Krippenvirus längst gepackt. Er kaufte die Krippe. Es blieb nicht seine letzte.

Als Krippensammler

um die Welt

Er gab weitere mechanische Krippen in Auftrag. Die erzählten die Weihnachtsgeschichte vor dem Hintergrund Venedigs, der Anden oder der Provence. Außerdem reiste er um die Welt, nach Südamerika, Thailand, durch Europa und kaufte bei seinen Reisen Krippen ein. 10  000 Krippen kamen so zusammen. Sie lagern in Marseiller Hallen.

Ein Teil der Krippensammlung befindet sich derzeit im Fürstenberger Hof. Zum zweiten Mal. Chaland und Wagner konzipierten die diesjährige Ausstellung, wie die vorige, gemeinsam. Zusammen erleben konnten sie das vollendete Werk jedoch nicht mehr. Chaland starb im Juli dieses Jahres. Ihm zu Ehren nannte Wagner die Ausstellung "Das berühmte Schatzkästlein des Monsieur Paul Chaland".

Die Ausstellung erzählt mehr als nur die Weihnachtsgeschichte. 300 Krippen erzählen von der Welt. Von der Gläubigkeit der Südamerikaner. Ihren bunten, traditionellen Gewändern. Von groben Figuren aus Ton oder Salzteig oder von filigranen Statuen, mit detailreicher Kleidung und Mimik. Die Materialen erzählen von den Rohstoffen der Länder oder deren kulturellen Errungenschaften. Eine italienische Krippe spielt in einem Espressokocher. Eine senegalesische Maria hat unverhüllte Brüste.

Wagner musste Überzeugungsarbeit im Förderverein leisten, damit nun im Fürstenberger Hof Krippen aus aller Welt in bunten Holzkästen verteilt sind. Zu tief war die Idee von den weitläufigen Landschaftkrippen mit Schwarzwald-Atmosphäre verankert. Es hat sich gelohnt. "Durch diese Ausstellung besuchen uns vermehrt junge Leute, die vorher nicht kamen", sagt Wagner.

Der Höhepunkt der Schau ist die fünf Quadratmeter große Krippenlandschaft der sizilianischen Künstlerin Angela Tripi. Sie war eine Auftragsarbeit für Paul Chaland. Tripi hat die Weihnachtsgeschichte in mehreren Szenen dargestellt: die Verkündigung des Herrn oder die Herbergssuche der Heiligen Familie. Tripi fertigte ihre fein gearbeiteten Figuren mit den verblüffend ausdrucksstarken Gesichtern aus Ton, brannte sie und drapierte danach die in Leim getränkte Kleidung um die Figuren.

Im Fürstenberger Hof ist ein bezauberndes Treffen der Kulturen, vereinigt durch die Weihnachtsgeschichte, erschaffen worden.

Das berühmte Schatzkästlein des Monsieur Paul Chaland. Zell am Harmersbach, Steinrücken 5. Bis 15. Januar, Mo bis Fr 13–17 Uhr, Sa 11–17 Uhr, Sonn- und Feiertage 11–17 Uhr.

Autor: Anika Maldacker