Das Gespür für Beben

Juliette Irmer

Von Juliette Irmer

Fr, 05. Januar 2018

Bildung & Wissen

SECHSTER SINN DER TIERE (I): Forscher wollen mit Hilfe von Ziegen die Warnung vor Vulkanausbrüchen verbessern /.

Wenn ich meine Idee vorstelle, ernte ich manchmal komische Blicke", sagt Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell. Zwar verlassen sich Tierbesitzer gerne auf das Gespür ihrer Vierbeiner, in der Wissenschaft ist das Vertrauen in tierische Leistungen aber eher verpönt. Zu Unrecht, findet Wikelski: Der Mensch sollte die überlegenen Sinnesleistungen von Tieren nutzen. "Anhand ihrer bessere Messsysteme und überlegener Informationsverarbeitung können Tiere Vorhersagen machen, zu denen menschengemachte, technische Sensorik nicht in der Lage ist", sagt der Biologe. Tatsächlich lassen sich Erdbeben bis heute nicht vorhersagen und Vulkanausbrüche nur bedingt.

Um einen solchen "sechsten Sinn" der Tiere ranken sich viele Erzählungen: Elefanten, die vor einem Tsunami ins Landesinnere fliehen, Schlangen, die vor einem Erdbeben aus ihrem Winterschlaf erwachen. Wikelski ist aber der Erste, der das Phänomen wissenschaftlich untersucht hat. Das Objekt seiner Untersuchungen findet sich auf den Hängen des Vulkans Ätna in Sizilien, der kontinuierlich aktiv ist: Dort grasen ganzjährig Ziegen. Diese statteten die Forscher mit robusten Miniatursendern aus, die an einem Halsband befestigt waren. Zwei Jahre lang zeichneten die Sender durchgängig die exakte GPS-Position und das Bewegungsprofil der Ziegen auf. "Wir wissen heute sehr gut, was in so einem Ziegenleben passiert", sagt Wikelski.

Im Untersuchungszeitraum gab es sieben größere Vulkanausbrüche. Beim Abgleich der Ziegendaten, also der Bewegungsprofile, mit der vulkanischen Aktivität, erkannten die Wissenschaftler einen klaren Zusammenhang: Mehrere Stunden vor einem Vulkanausbruch wurden die Tiere ungewöhnlich unruhig. Sie liefen hin und her, flüchteten unter Büsche und Bäume. "Wir konnten die Ausbrüche – im Nachhinein – anhand des Ziegenverhaltens zuverlässig vorhersagen", sagt Wikelski. Kleinere und damit ungefährlichere Eruptionen beeinflussten das Verhalten der Ziegen dagegen nicht.

Wie die Ziegen einen bevorstehenden Ausbruch wahrnehmen, wissen die Forscher noch nicht. Eventuell nehmen sie elektrisierte Ionen in der Luft mit der Körperbehaarung wahr oder riechen veränderte Gasemissionen. Ihr Verhalten lässt sich indes erklären: "Tiere haben Angst vor dem Ungewissen, und das ist vorteilhaft", so Wikelski. Ängstliche Ziegen, die unter einen Baum fliehen, überleben also häufiger als solche, die auf offenen Feld weitergrasen und dann von einem Lavabrocken erschlagen werden.

Nicht nur Ziegen wittern solche Naturereignisse. "Wenn es in der Schweiz ein größeres Erdbeben gegeben hat, bekommt der schweizerische Erdbebendienst oft Rückmeldungen von Tierbesitzern, dass ihre Tiere das vorher gespürt hätten", sagt Donat Fäh, Seismologe an der Eidgenössischen Technischen Hochchule (ETH) Zürich. "Das könnte schon sein, ist allerdings im Nachhinein nicht überprüfbar. Tiere verfügen über weit bessere Sinne als der Mensch. Ob man diese Fähigkeiten in ein Warnsystem umsetzen kann, ist aber fraglich."

Die größte Hürde sieht der Seismologe in präzisen Vorhersagen: "In China hat man in den 1970er Jahren ein System eingerichtet, bei dem zum Beispiel Bauern das Verhalten ihrer Tiere beobachtet haben. Das hat einmal geklappt und dann einmal versagt." Das Problem: Woher weiß man, wann man warnen muss, ohne zu viele Fehlalarme auszulösen? Tiere spielen zum Beispiel auch bei einem Waldbrand verrückt. "Und ein Fehlalarm kann auch Schaden anrichten", sagt Fäh.

Man müsste also zeigen, dass jeder Alarm gerechtfertigt sei, und dabei genügend präzise den Ort, die Zeit und die Größe eines Ereignisses vorhersagen. Und zunächst sollte man einmal die Ziegen gegen die moderne Technik antreten lassen – was Wikelski geplant hat: "Die Finanzierung solcher Studien gestaltet sich in unserer technikhörigen Gesellschaft aber schwierig."

Dennoch dürfte sich die Datenlage, die bislang recht dünn ist, in den kommenden Jahren beträchtlich vergrößern: Im Frühling 2018 startet das Projekt Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space), das Wikelski ins Leben gerufen hat, und das es Forschern weltweit ermöglichen wird, verschiedenste Tierarten mit Hilfe eines Satellitensystems zu beobachten. "Das ist eine neue Ära der Verhaltensbiologie", sagt Wikelski. Früher bekamen Verhaltensforscher nur winzige Ausschnitte eines Tierlebens mit, und selbst das meist nur unter großen Mühen; heute können sie mit moderner Technik das Verhalten von Tieren durchgängig ohne großen Aufwand erfassen.

Die solarbetriebenen Miniatursender werden ihre Daten an die Internationale Raumstation ISS übermitteln, von wo sie in die Online-Datenbank namens Movebank fließen. Diese speichert die Bewegungsprofile der Tiere sowie Informationen zu den Umweltbedingungen. Denn die Sender messen unter anderem Temperatur, Ozon- und CO2-Gehalt der Luft oder Temperatur und Salzgehalt des Wassers. Wissenschaftler rund um die Welt können auf diese Weise Daten sichten, austauschen und analysieren. Und eine mögliche Erkenntnis daraus könnte sein, welche Tierarten außer Ziegen auf Naturkatastrophen reagieren und vor allem: Wie verlässlich sie es tun.