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20. Juli 2009

Das große Rad der Leere

Vor zehn Jahren begann Chinas Kommunistische Partei mit der Verfolgung von Falun Gong

  1. Ein Anhänger der Falun-Gong-Bewegung wird im Jahr 2002 in Peking verhaftet. Foto: DPA

  2. Falun-Gong-Anhänger aus aller Welt meditieren vor dem Kapitol in Washington. Foto: AFP

Kürzlich klopfte bei Frau Li wieder das Nachbarschaftskomitee. Vor der Tür standen drei Männer mit roten Armbinden, die höflich fragten, ob die Familie schon gegessen habe, um dann nach kurzem Geplauder auf ihr eigentliches Anliegen zu kommen. Man mache sich an höherer Stelle ein wenig Sorgen, sagten sie, wegen dieser Sache, sie verstehe schon.

"Ach, deswegen", entgegnete Frau Li mit gespielter Überraschung. "Nein, deswegen muss niemand beunruhigt sein, wo wir uns doch schon so lange kennen." Sie erinnerte damit an die mehr als 30 Jahre, die sie in dieser Pekinger Wohnanlage lebt, aber auch an die kleinen Umschläge, die sie dem Nachbarschaftskomitee gelegentlich vorbeibringt. "Stimmt, wir kennen uns wirklich schon lange", beteuerten die Herren und versicherten Frau Li, dass sie nur nach dem Rechten hatten schauen wollen. Ob man nicht wieder einmal gemeinsam essen wolle, fragten sie im Hinausgehen. "Gerne", antwortete Frau Li freundlich. Auch diesmal würde die Rechnung auf sie gehen.

So geht das seit dem 20. Juli 1999, jenem Tag, an dem Chinas Regierung Menschen wie Frau Li zu Staatsfeinden erklärte. Denn die Kassiererin praktiziert Falun Gong, jene Heilslehre, von der die Kommunistische Partei sich so sehr bedroht fühlt, dass sie ihre Anhänger verfolgt. Tausende – nach einigen Schätzungen sogar Hunderttausende – Anhänger wurden zur Umerziehung in Arbeitslager geschickt. Dabei hatten die meisten nichts anderes getan, als sich mit Nachbarn im Park zu treffen und die Übungen zu absolvieren, die ihr Meister Li Hongzhi ihnen auf Kassette gesprochen hatte: Meditationspraktiken, Gymnastik und Unterweisungen für ein besseres Leben. "Unsere Grundsätze sind Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Toleranz", sagt Frau Li. "Ich weiß nicht, warum das gefährlich sein soll."

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Für westliche Kritiker gehört die Kampagne gegen Falun Gong zu Chinas größten Menschenrechtsverbrechen. Peking besteht darauf, dass es sich bei Falun Gong um einen Kult handle, der die Stabilität des Landes bedroht und die Regierung unterwandert habe. Zwar ist es der Partei gelungen, Falun Gong in China zu zerschlagen, doch dafür hat sie sich im Ausland einen neuen Feind gemacht. Denn dort hat sich die Organisation neu gegründet, als Mischung aus spiritueller Bewegung und Aktivistengruppe, die regelmäßig vor chinesischen Botschaften demonstriert. "Die Welt darf nicht vergessen, dass in China noch immer tausende Falun-Gong-Anhänger im Gefängnis sind und zum Teil gefoltert werden", sagt Sharon Xu, Sprecherin von Falun Gong in Hongkong. "Dabei ist ihr einziges Verbrechen, dass sie etwas glauben, das der Kommunistischen Partei nicht gefällt."

Doch Glauben ist in der Volksrepublik keine Kleinigkeit. Schließlich sind auch die Kommunisten als Heilsversprecher unterwegs – und wenn sie sich seit Anfang der Achtziger weitgehend daraus zurückgezogen haben, dann nur unter der Voraussetzung, dass kein anderer die Lücke füllt. Doch genau das tat der selbsternannte Meister Li Hongzhi – und führte der Pekinger Führung vor Augen, wie viele Chinesen die Orientierung verloren hatten und wie leicht es ist, sie mit spirituellen Versprechen an sich zu binden.

Begonnen hatte alles mit Frühsport. Da die Partei nach der Kulturrevolution ihre Fundamentalopposition gegen alle Traditionen aufgegeben hatte, erlebten jahrhundertealte Körperschulen wie Qigong oder Tai-Chi ein großes Revival. Die Regierung unterstützte den Trend sogar. Die Menschen sollten lieber chinesische Bräuche pflegen als westlichen Moden nachzujagen. Zu den Gruppen, die in Parks und auf Plätzen zum Mitmachen einluden, gehörte von Anfang der Neunziger an auch eine, die sich auf Falun Gong berief, die "Lehre von den großen Gesetzen des Rades", eine Neuerfindung des Meisters Li Hongzhi. Sie verband einfache Bewegungsabläufe mit leicht verständlichen buddhistischen Meditationen. Das war für Anfänger ideal und obendrein auch technisch modern, denn die Anweisungen kamen von Kassetten, die man sich überspielen konnte. 1995 veröffentlichte Meister Li ein Buch, das vor allem den Reformverlierern aus der Seele sprach: Es beschrieb die Welt als einen Ort voller Ungerechtigkeit und Chaos, aus der sich der Einzelne aber durch Selbstkultivierung befreien könne.

So wurde Falun Gong schnell zum Massenphänomen – und mit dem Erfolg stieg auch das Selbstbewusstsein von Meister Li, der als Wanderprediger in eigener Sache durchs Land reiste. Es ist leicht, in ihm die Züge eines Wahnsinnigen auszumachen, eines Möchtegern-Messias, der Menschen mit aberwitzigen Heilsversprechungen verführt und seine Lehre darauf zugeschneidert hat, das Leben seiner Anhänger zu kontrollieren. "Aberglaube, Abhängigkeit und Weltentzug" seien ihre Grundlagen, urteilt der deutsche Politologe Thomas Heberer. Doch auch wenn die Lehren nicht dazu beitrügen, "die Menschen zu selbstbewussten und liberalen Bürgern zu erziehen", so begründeten sie doch eine "gesellschaftliche Gegenbewegung, die nicht alles dem Profit und Mammon unterwerfen will oder kann".

Bei seinen Auftritten verbreitet Li Hongzhi eine illustre Biografie. Schon hundertfach sei er wiedergeboren worden, als Kaiser, General, Gelehrter und Mönch. "Zu jeder Zeit gab es mich vielfach", sagt Li. "Es ist so komplex, dass es schwierig ist, das von Anfang an zu erzählen." Wo er herkomme, wüssten nicht einmal die Buddhas und Götter, denn er stamme von einer Kraft ab, die noch weit über ihnen stehe. "Ich bin die Quelle, die alle Weisheit des Universums formt."

Li schuf die größte Organisation, die es in der Volksrepublik je außerhalb des Parteiapparates gegeben hatte. Er gründete 39 Studienzentren, 1900 Unterzentren und 28 000 Gebetszirkel, alle straff organisiert. Geld verlangte er nicht, Spenden nahm er aber gern an und finanzierte damit seinen Wohnsitz in New York, wo er heute lebt. Seine Umtriebigkeit erregte bald Aufsehen und Argwohn. Staatsmedien begannen, vor der Ersatzreligion zu warnen. Die Falun-Gong-Anhänger demonstrierten friedlich dagegen – und wurden eingesperrt.

1999 sucht Li die Machtprobe: Am 25. April ließ er mehr als 10 000 seiner Anhänger nach Peking reisen und 13 Stunden lang das Regierungsviertel umstellen. Eine Delegation seiner Anhänger überbrachte dem Premierminister eine Petition und forderte Falun Gong anzuerkennen. Li selbst hatte am Vortag sicherheitshalber das Land verlassen.

Der minuziös organisierte und diszipliniert durchgeführte Aufmarsch, der Peking völlig überraschte, ließ bei der Parteiführung die Alarmglocken läuten. Staatspräsident Jiang Zemin warf seinem Sicherheitsapparat vor, ihn dem Gelächter der ganzen Welt preisgegeben zu haben. Hatte er zuvor selbst öffentlich mit dem Buddhismus sympathisiert, besann er sich jetzt wieder auf seine kommunistische Atheistenpflicht und befahl, Falun Gong auszumerzen.

So einfach es ist, Li als Verrückten abzustempeln, so schwierig ist es, das Gleiche für seine Anhänger zu tun. Denn sein Gefolge stammt zum großen Teil aus der gebildeten Mittel- und Oberschicht. Auch außerhalb Chinas findet Falun Gong seine Anhänger nicht bei leicht verführbaren Jugendlichen oder Randgruppen, sondern in der Mitte der Gesellschaft. "Wir sind ganz normale Leute", sagt die Hongkonger Falun-Gong-Sprecherin Sharon Xu. "Wir verlangen von niemandem, dass er unseren Glauben teilt und unsere Gründe versteht. Aber es gibt diese Gründe – auch in China, selbst wenn es sie dort gar nicht mehr geben darf. "

Autor: Bernhard Bartsch