Das Musiktheater bleibt im Fokus

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 09. September 2018

Klassik

Der Sonntag Gare du Nord Basel: Die neue Saison.

Mit der Uraufführung des Musiktheaterprojekts "Kolik" nach Rainald Goetz eröffnet das Basler Haus für zeitgenössische Musik Gare du Nord am 18. Oktober die neue Saison. Goetz’ Texte sorgten in den 80er und 90er Jahren für Furore – wie auch sein spektakulärer Auftritt 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Preis, als er sich in einer Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn blutig schnitt und als "medialer Sieger von Klagenfurt" den Wettbewerb preislos verließ. Nun hat Jannik Geiger als Auftragsarbeit des Basler Hauses aus Goetz’ Text "Kolik" eine Komposition für Solistenensemble & Playbacks gefertigt, und dieses "zeitgenössische Passionsspiel über den Krieg im Kopf" könnte ein wilder Saisonauftakt werden.

Ihm folgen andere zeitgenössische Musiktheaterformen, die den thematischen Schwerpunkt fortsetzen. So erwarten die Besucher nach "Kolik" drei Abende, in denen es in "End of the Line" um Liebe und ihren Verlust geht. Ein fernes Lied aus Zwinglis Kindheit ist Jürg Kienbergers Thema in "Eingerockt und ausgesungen" und ihm folgt, aber nicht durch "Die Hintertür", das Schlagzeugtrio Hauser-Kloet-Zumthor. Dann "Otto" für Cello und Live-Elektronik, eine Oper ohne Sänger, dafür mit aus Müll kreierten Instrumenten.

"In eines Spiegels Bläue", einem Georg-Trakl-Mosaik, nähert sich Christian Henking Leben und Werk des österreichischen Lyrikers, und in Leo Dicks horizontalem Musiktheater "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart" ertönen elektroakustische Zuspielungen klanglicher Objets trouvés. "Machinations" von Georges Aperghis ist ein Musiktheater für vier Frauen und Computer und projiziert "kleine Dinge" aus einer Zeit vor jeder Maschine.

Neben diesen Sonderveranstaltungen lädt die "Route des Voix" wieder in zehn Exkursionen zu einer vokalen Pilgerreise ein, und zählt man die sechs "Looping Journeys" dazu, die als Reise zwischen Kunst und Musik ein Medley aus Improvisationen anbieten, wird die Route nicht nur länger, sondern auch unterhaltsamer. In fünf Abenden zum Thema "Von Zeit zu Zeit" führen "Musikalische Gedankengänge" vom Mittelalter in die Gegenwart. Beginnend mit der spanischen Renaissance und endend bei John Cage und Rudolf Lutz, der sich mit dem Spieltrieb Bachs beschäftigt hat.

Seit 15 Jahren konzertiert das "Mondrian Ensemble" im Bahnhof, dieses Jahr mit vier Uraufführungen und einem Abend Schönberg, Webern, Berg und Mahler-Lieder, arrangiert von Christian Favre. "Promenaden" heißt die Kammermusikreihe in Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester Basel, und in drei Konzerten gibt es musikalische Spaziergänge am Sonntagmorgen. In der Reihe "Dialog" ergänzt in fünf Konzerten ein Gespräch den musikalischen Teil: Zuhörer stellen die Fragen, die sie schon immer fragen wollten, und die Musiker antworten.

Mit vier Konzerten ist die Reihe "Nachtstrom" wieder dabei und gibt Antworten auf die Frage: Was macht ein Audiodesigner? Um Antworten geht es auch in den"Klanggesprächen" in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule beider Basel. Ganz wichtig: Die Reihe "Ensemble Phoenix Basel", ohne deren ständiges Mitwirken der Gare nicht denkbar ist. Diese Saison ist es Ensemble in Residence mit fünf Konzerten. Nicht zu vergessen die Familienkonzerte der reihe "Gare des enfants", die mit vier Familienkonzerten vertreten ist, und die nun schon legendäre Bar du Nord, deren wunderbar leicht abgeschabtes Ambiente die Musikfreunde einlädt, nach der Musik noch einen Roten oder eine Stange zu trinken.
Nikolaus Cybinski