Leitartikel

Das „Postfaktische“ und die Wissenschaft: Schweigen an den Hochschulen

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Fr, 10. März 2017

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Der ziemlich sinnfreie Sprachgebrauch von Worten wie „postfaktisch“ oder „alternative Fakten“ dient verschiedenen Zielen. So soll er in der öffentlichen Diskussion Verwirrung stiften, indem er die Unterschiede von Richtig und Falsch aufhebt; so entwertet er tatsächliches Wissen, alle Aussagen sind beliebig.

Am Ende steht die eigene Behauptung vermeintlicher Tatsachen, die nur nach eigenen Bedürfnissen und eigener Gesinnungslage konstruiert sind. Diese Behauptungen werden nicht mit Argumenten verteidigt, sondern durch persönliche Diffamierung aller, die widersprechen, kritisieren oder auch nur zweifeln.

Gewiss, solche Auftritte hat es immer wieder gegeben, von rechts wie links. Aber heute erfährt die dahinter stehende Grundhaltung große Zustimmung in der Bevölkerung. Noch erschreckender: Umfragen zufolge ist dies keine Frage der Bildung, sondern erfasst alle Schichten gleichermaßen. Ihre Verfechter verweigern Debatten nach Regeln einer aufgeklärten Gesellschaft, die darauf setzt, dass sich Richtig und Falsch im Dialog verhandeln und bestimmen lassen. Neu ist das nicht: Im Studentenprotest 1968 unterlief die Linke an den Hochschulen gezielt Konventionen des Diskurses, nannte Dozenten Handlanger des Kapitals. Diskussionen wollte sie nur nutzen, um bürgerliche Herrschaft zu entlarven.

1968 Hauptkampffeld, hält sich heute der akademische Betrieb aus der Auseinandersetzung heraus, die nun eher von rechts geführt wird (wobei auch andere politische Ausrichtungen von solchen Attacken nicht frei sind). Es gibt zwar kluge Analysen der Destruktion der Debattenkultur. Doch wo mischt sich die Professorenschaft direkt ein? Meint sie etwa, sie sei mit diesen Attacken nicht gemeint? Einer aktuellen Umfrage des Allensbacher Demoskopie-Instituts zufolge wäre dies ein Irrtum. Denn nicht nur Journalisten gelten vielen als unglaubwürdig, auch die Experten – also das personifizierte Fachwissen – werden als nicht vertrauenswürdig eingestuft. Sie sind angeblich fremdgesteuert oder gar persönlich unfähig.

Die Wissenschaft protestiert nicht einmal, wenn ihre Kollegen und Institutionen wie jüngst an der Berliner Humboldt-Universität persönlich angegriffen werden – dort freilich eher von "links", aber mit vergleichbarer Verachtung. Profilierte Wissenschaftler wie Herfried Münkler oder Jörg Baberowski wurden angegangen, ohne große Solidarität selbst in ihrer Universität zu erfahren.

Zugleich ist Münkler jemand, der sich der Konfrontation stellt und die Sprachverwirrung etwa durch AfD- und Pegida-Fans offen kritisiert. Der auch anmahnt, dass es nicht genügt, Teilen der Bevölkerung Dummheit vorzuwerfen, sondern dass sich Klugheit und Wissen im Streit um Richtig oder Falsch zu bewähren haben. Es ist Aufgabe der Wissenschaft als öffentlicher Institution, sich dieser Konfrontation zu stellen, denn es geht darin auch um ihren Erkenntnisbegriff, sogar um ihre Freiheit. In der direkten Auseinandersetzung muss sie Dummheit als Dummheit sichtbar machen. Und sie muss die aufgeklärten Umgangsformen der Diskussion, der Kommunikation verteidigen – damit wir uns faire, demokratische Verfahren bewahren.

Selten war das geballte, entschiedene Engagement der Wissenschaftler wichtiger, und zwar als Bildungselite, als Verteidiger des gewussten, nicht des gewollten Wissens. Doch stattdessen herrscht Schweigen an den Hochschulen zum gesellschaftlichen Streit. Mangelnder Mut? Desinteresse? Vielleicht hat die Wissenschaftspolitik sie auch zu sehr in die Zwänge permanenter Konkurrenz und fortlaufender Projektanträge gespannt. Der kommende Exzellenzwettbewerb: Fordert er der Wissenschaft etwa so viel Energien ab, dass für ein öffentliches Engagement nichts übrig bleibt?