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16. Juli 2009
Das Schweigen brechen
Israelische Soldaten schildern, was sie im Gazakrieg erlebten, und werfen der Armeeführung Menschenrechtsverletzungen vor – die Regierung weist dies zurück
Die große Mehrheit der Israelis will nichts mehr hören vom jüngsten Gazakrieg. Sie halten ihn für eine zwar harte, aber nötige Antwort auf die Raketenangriffe der Hamas auf Siedlungen und Städte in Israel – aber damit reicht es ihnen auch.
Nur kurz schwappte eine Schockwelle durch das Land, nachdem sechs Wochen nach Kriegsende Soldaten in einer Militärakademie über teilweise brutales Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung berichtet hatten. Es folgte eine interne Untersuchung und schon bald kam die Armee in einem Bericht zum Schluss, man habe sich nichts vorzuwerfen. Eine "sehr kleine Anzahl" unschöner Vorfälle möge es gegeben haben in jenen 22 Wintertagen, in denen die Bewohner des Gazastreifens das "Gegossene Blei" des israelischen Militärs kennenlernten. Insgesamt jedoch hätten die Streitkräfte "im Einklang mit internationalem Recht" operiert. Die Welle verebbte. Wie gesagt, die meisten Israelis sehen das so.
Aber durchaus nicht alle. "Breaking the Silence" heißt eine Organisation israelischer Reservisten, und die will das Schweigen brechen. Gestern gingen sie mit ihrer 112 Seiten umfassenden Dokumentation von 54 Zeugenprotokollen an die Öffentlichkeit, basierend auf den Aussagen von 30 Soldaten und Offizieren, die im Gazakrieg im Einsatz waren. "Breaking the Silence" hat ihnen garantiert, Namen sowie genaue Angaben zu Ort und Zeit nicht zu nennen. "Ernste Vorfälle" habe man aber nur aufgenommen, versichert Gründungsmitglied Jehuda Shaul, "wenn es mindestens zwei Augenzeugen dafür gab."
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Kerl niederknallen."
Israelischer Soldat
Und weiter: Der Kommandeur habe den Befehl zum abschreckenden Feuer verweigert. Zuletzt sei der Alte weniger als 20 Meter vom Haus entfernt gewesen, was als "Nullreichweite" gilt. Da zuvor nicht vorbeigeschossen werden sollte, galt es nun, genau zu zielen. "Wir hatten eine Menge Alarm wegen der Gefahr von Selbstmordattentaten. Wir mussten den Kerl niederknallen", sagt der Soldat aus. Im Nachhinein gesehen sei dies ein Fehler gewesen. Ganz besonders, weil man den Alten nicht gewarnt habe. Dessen Schrei, als er tödlich getroffen niedersank, werde er sein Leben lang nicht vergessen. Genauso wenig wohl den begeisterten Kommentar des Kommandanten: "Das ist die Eröffnung für heute Nacht!"
Seien solche Fälle für sich schon erschütternd, so sei "das eigentliche Problem das Konzept dahinter", sagt Jehuda Shaul. In den protokollierten Aussagen deutet vieles darauf hin, dass die Kommandoebene die Truppen von Beginn an auf möglichst aggressives Vorgehen einstimmte. Nicht zuletzt, so Jehuda Shaul, "um das Selbstvertrauen nach dem Debakel im Libanon wiederherzustellen". Ein "leichter Finger am Abzug" war erwünscht. "Mein bester Arabischübersetzer ist mein Granatwerfer", wird ein Bataillonsführer zitiert.
Ein Reservist beschreibt es so: "Ziel war, die Operation mit möglichst geringen Verlusten für die Armee ausführen, ohne uns zu fragen, was der Preis dabei für die andere Seite sei." Mit dieser Maxime wurden auch verbotene Methoden wie die "Johnny-Prozedur" gerechtfertigt, bei der Palästinenser als "menschliche Schutzschilder" für die Soldaten herhalten mussten. "In jedes Haus, dem wir uns näherten, haben wir zunächst Nachbarn geschickt", schildert einer der Soldaten. Man habe auch Zivilisten vor sich hergeschoben, den Gewehrlauf auf die Schulter gelegt. Die Anweisung lautete: "Wenn ihr euch gefährdet fühlt, schießt." Vor allem dieser Vorwurf erregte gestern in Israel die Gemüter. Denn das Oberste Gericht hatte diese Praxis im Jahr 2005 ausdrücklich verboten.
Israelischer Soldat
Überhaupt wird der Grad an Zerstörung als enorm beschrieben, ganz im Gegensatz zu dem als gering erlebten Widerstand der Palästinenser. Im Panzer mit seiner Reichweite fühle man den Feind nicht wirklich, erklärt es ein Soldat. Oft habe Langeweile vorgeherrscht. Dagegen half nur eins: "Wassertanks ins Visier nehmen." D-9-Bulldozer machten anschließend das Gelände platt, als Beispiel nennt er Abed Rabbo im Norden Gazas. Die Zerstörung war so, dass vereinzelt Einsatzkarten nichts mehr taugten, weil markante Punkte nicht mehr wieder zu finden waren.
Verbreitetes Phänomen bei der Einnahme von Häusern war offenbar ebenso ein Hang zum Vandalismus. "Man bricht schießend durch die Tür. Die Soldaten schauen sich nach Fernsehern oder Computern zum Zertrümmern um, suchen Schubladen nach Interessantem durch." Die "Schamprozedur", bei der je zwei Kameraden am Ende sich gegenseitig durchsuchen sollten, nütze da wenig. "Es war, als ob sie Angst hatten, was zu finden, was sie nicht sehen sollten." Der Fall einer Einheit, die vor dem Abzug aufräumte und einen Entschuldigungszettel für die palästinensischen Hauseigentümer hinterließ, scheint rühmliche Ausnahme gewesen zu sein.
Internationales Kriegsrecht verpflichtet die Konfliktparteien, die zivile Bevölkerung zu schonen. Zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden, sagt der israelische Bürgerrechtsanwalt Michael Sfrad, "ist oberstes Prinzip". Davon leite sich alles weitere ab, etwa das Verbot zu plündern oder mutwillig, ohne militärischen Zweck, Eigentum zu zerstören. Wer diese Prinzipien missachte, so Sfard, öffne Kriegsverbrechen die Tür.
Die Regierung und Verteidigungsminister Ehud Barak wiesen die Vorwürfe zurück. Die Soldaten wie die Armeeführung habe sich korrekt verhalten. Weil man zudem die Namen der Soldaten nicht kenne, könne man die Vorwürfe nicht überprüfen. Öffentlliche Kritik an den Streikräften nannte Barak unangenmessen. Bereits Anfang Juli hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht über den Gazakrieg veröffentlicht und darin ebenfalls der israelische Armee Kriegsverbrechen vorgehalten. Allerdings hat Amnesty im gleichen Atemzug und Umfang den gleichen Vorwurf gegenüber Hamas erhoben.
Manches in den Aussagen der Soldaten bewegt sich im Grenzbereich – allemal schwer vereinbar mit dem Anspruch der israelischen Armee, die moralischste der Welt zu sein. Auf die von "Breaking the Silence" gestellte Frage, was in seiner Erinnerung an Gaza bleibe, erwidert ein Soldat: "Wie Leute fähig sind, andere sterben oder leiden zu sehen. Wie furchtbar leicht es ist, gleichgültig zu werden."
Autor: Inge Günther
