"Das Vertrauen in die Gewerkschaften ist verloren gegangen"

Theresa Steudel

Von Theresa Steudel

Do, 06. Dezember 2018

Wirtschaft

BZ-INTERVIEW mit dem Ökonomen Bernhard Neumärker über den Mitgliederschwund der Arbeitnehmerorganisationen und was sie in Zukunft ändern müssen.

1991, kurz nach der Wiedervereinigung, hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) noch 11,8 Millionen Mitglieder. Seitdem nimmt diese Zahl beständig ab. Inzwischen sind es nicht mal mehr sechs Millionen. Warum das so ist und was die Gewerkschaften ändern müssen, hat Theresa Steudel Bernhard Neumärker gefragt.

BZ: Herr Neumärker, warum verlieren die Gewerkschaften seit Jahren an Mitgliedern?
Neumärker: Das Vertrauen in die Gewerkschaften ist verloren gegangen. Wir hatten lange Zeit Lohndumping, da haben die Gewerkschaften sich nicht wirksam aufgebäumt. Häufig gibt es zudem Tarifverträge, die für alle Arbeitnehmer gelten. Mancher denkt sich also: Wieso soll ich mich engagieren, wenn der Vertrag ohnehin für alle ist? Oder sie sind gar nicht mit dem Arbeitskampf einverstanden, finden den Streik übertrieben. Hinzu kommt, dass sich unsere Gesellschaft stark individualisiert hat. Löhne und Arbeitsverträge werden vermehrt persönlich ausgehandelt. Es gibt Branchen, die sich der Tarifbindung komplett entziehen – da können Gewerkschaften nur wenig erreichen.
BZ: Wenig erreicht wird vor allem bei den Dienstleistern und im Niedriglohnsektor. Warum haben es die Gewerkschaften da so schwer?
Neumärker: Auch in diesen Branchen wird inzwischen zumindest der gesetzliche Mindestlohn gezahlt, worauf die Arbeitgeber stets verweisen. Der ist aber trotzdem so niedrig, dass die Beschäftigten schlicht nicht genug Geld, um den Mitgliedsbeitrag für die Gewerkschaft zu bezahlen. Ein weiteres Problem ist die hohe Fluktuation im Niedriglohnsektor. Die schlecht bezahlten Arbeiter wechseln schnell, die Leiharbeiter lassen sich nur schwer organisieren.
BZ: Ist es für Gewerkschaften überhaupt noch legitim, für alle zu verhandeln? Denn unter den Mitgliedern sind ältere Menschen über- und junge unterrepräsentiert.
Neumärker: Das führt zu einem Problem, wenn es um den Wandel von Beschäftigungsformen durch Digitalisierung geht. Ein ganz neues Problem ist das Crowdsourcing im Dienstleistungsbereich: Man wird nicht mehr für eine lange Vertragsdauer beschäftigt, sondern kommt für ein Projekt. Das sind flexible, individualisierte Jobs, die aus dem klassischen Schema der Gewerkschaftsmitgliedschaft herausfallen. Die müssen eine adäquate Organisationsform finden, um zu zeigen, dass sie auch Menschen in neuen Arbeitsmarktverhältnissen vertreten können.
BZ: Gibt es solche neuen Formen schon?
Neumärker: Keine, die mir bekannt sind. Eine Möglichkeit, in solchen fluktuierenden Branchen eine Grundsicherung zu finden, wäre das bedingungslose Grundeinkommen – damit haben Gewerkschaften wiederum ein Problem. Denn durch ein solches Grundeinkommen schwindet ihre Verhandlungsmacht, zum Beispiel, was die Höhe des Mindestlohns angeht.
BZ: Ist die Zeit der Gewerkschaften mit der Digitalisierung vielleicht einfach vorbei?
Neumärker: Gerade geht es Deutschland gut, Arbeitgeber suchen händeringend nach Fachkräften. Aber das kann sich ändern. Gerade beim Thema Digitalisierung müssen sich Gewerkschaften einmischen und mit der Politik entscheiden, wie digitale Arbeitsplätze rechtlich geschützt werden. Stellen Sie sich vor, wir haben ganz flexible Arbeitsmärkte mit individuell ausgehandelten Verträgen und Sie arbeiten nur noch zu Hause. Dann kann Ihr Chef sagen, dass er nachts eine Telefonschaltung braucht. Damit er um 1 Uhr anrufen kann, vielleicht auch um 3 Uhr oder um 4 Uhr. Und wenn Sie zusammenbrechen, dann stellt er halt den Nächsten ein. Da braucht es unbedingt eine Organisation, die sich eindeutig zur Arbeitnehmerseite bekennt. Denn Politiker machen das je nach Partei nur manchmal und je nachdem, was ihnen mehr Stimmen bringt.

Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze wegfallen werden. Die restlichen müssen auf mehr Menschen aufgeteilt werden. Um extreme Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden, wären kürzere Arbeitszeiten ein gutes Mittel. Das ist unter dem Motto "Arbeitszeitverkürzung" eigentlich ein altes Thema der Gewerkschaften, das sie unter den veränderten Bedingungen neu aufgreifen könnten.
BZ: Also sind Gewerkschaften sogar wichtiger denn je?
Neumärker: Ja, wenn sie Möglichkeiten finden zu wirken. Ich könnte mir vorstellen, dass sie Arbeitnehmer beim Verhandeln beraten. Vielleicht bildet sich dann eine Nonprofit-Organisation wie bei der Verbraucherpolitik heraus, die Arbeiter betreut und beschützt – die Gewerkschaften sind ja schon so organisiert, dass sie dafür prädestiniert wären. Aber sie einfach nur aufrechtzuerhalten, weil es die Institution halt gibt, ist nicht sinnvoll.

Bernhard Neumärker ist seit 2004 Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet die Abteilung Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie. Zwischen 1990 und 2003 war der 55-Jährige an den Universitäten Hohenheim, Bochum und Saarbrücken tätig. 1994 promovierte er und habilitierte 2002. Bernhard Neumärker wohnt in Freiburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.