Der Absturz meines Lebens

Julian Kutzim

Von Julian Kutzim

Sa, 01. Oktober 2011

Kreis Lörrach

BZ-SERIE "RANDSPORTARTEN" (1): Beim Fallschirmspringen im Dreiländereck geht es 3000 Meter in die Tiefe.

LÖRRACH. Fallen, segeln, tauchen. Vom Himmel, durch die Luft, hinein in die Dunkelheit – für manche Menschen muss Sport mehr bieten, als sie auf dem Fußballplatz oder der Laufstrecke finden können. Unser Mitarbeiter Julian Kutzim ist losgezogen, um Randsportarten in der Region zu testen. Über seine Erlebnisse berichtet er in einer Serie. Heute: Fallschirmspringen.

Jeder fällt mal – aber nicht jeder fällt 3000 Meter tief. Als ich bei Air Adventures am ehemaligen Militärflugplatz Bremgarten im Gewerbepark Breisgau ankomme, ist noch nicht viel los. Auf dem grauen Teppichfußboden des Vereinsheims liegen zwei halb zusammengefaltete Fallschirme, in einer Ecke hängen Overalls, an der Wand ein paar Bilder von Sprüngen. "Sieht ein wenig chaotisch aus", denke ich, als Robin Schimmele mich begrüßt: Nackte Füße, karierte Shorts, weites T-Shirt, Dreitagebart – er könnte auch Surflehrer auf Maui sein, wären da nicht die kurz geschorenen Haare. Aber sein Element ist die Luft. Mehr als 3000 Sprünge hat der Besitzer von Air Adventures schon hinter sich, seit sechs Jahren ist er selbstständig und führt seinen eigenen Tandembetrieb. "Der Job macht mir natürlich viel Spaß", sagt Robin. "Aber die Anspannung der ersten Sprünge geht mit der Routine verloren."

Davon merke ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nichts. Gefühlsmäßig befinde ich mich auf einer Achterbahnfahrt, die mich von entspannter Vorfreude zu zittriger Nervosität katapultiert – beispielsweise als Robin mir die Haltung beim Absprung erklärt: Kopf in den Nacken, Hohlkreuz, Beine nach hinten abgewinkelt, die Hände am Gurtzeug. "Und wenn wir in der stabilen Position sind, kannst du die Arme ausstrecken", sagt Robin. Ein Lachen bricht aus mir heraus, eine Mischung aus Wahnsinn und Spaß.

Dann unterschreibe ich mein "Todesurteil" – so fühlt es sich zumindest an. "Schließlich", so heißt es im Antrag, "ist mir bewusst, dass das Extrem-Risiko darin besteht, dass der Hauptfallschirm nicht öffnet und der für diesen Fall vorhandene Reserveschirm ebenfalls versagt." Ich unterzeichne das Anmeldeformular und schlüpfe in den hellblauen Overall. "The sky ist not the limit", steht auf dem rechten Hosenbein.

Jetzt heißt es warten, bis der Pilot kommt. Ich sitze in einem schwarzen Ledersessel am Rande des Flugfeldes. Es ist leicht bewölkt aber warm. Gelegentlich starten kleine Flugzeuge in den von der Nachmittagssonne erhellten Himmel, regelrechte Entspannung macht sich breit. Bis plötzlich ein Flugzeugmotor in unmittelbarer Nähe angeschmissen wird.

Zu viert quetschen wir uns in die kleine Cessna 182, mit den beiden Tandempaaren ist das Flugzeug voll. Ich sitze vor Robin und kann aus der Heckscheibe nach draußen schauen. Es ist 17.25 Uhr, der Motor dreht auf, die weißen Streifen auf der Rollbahn jagen immer schneller unter uns lang, dann heben wir ab. Weich steigt die Maschine auf, nach kurzer Zeit bietet sich ein atemberaubender Anblick. In der Ferne ragen die Vogesen in den Himmel, unter uns fließen Rhein und A5 durch die Felder. In weiten Kreisen schrauben wir uns immer höher, entlang am Kaiserstuhl und an Freiburg, in der Ferne ist der Schauinsland zu sehen. Bei 1900 Metern sind die Autos nicht größer als Staubkörner, bei 2500 Metern scheint die Wolkendecke greifbar.

Nach 25 gemütlichen Minuten im Flugzeug wird’s ernst. Wir sind auf 3000 Meter. Ich rutsche auf Robins angewinkelte Knie, er hakt mich ein und zieht die Gurte stramm. Wir sind so eng aneinander gebunden, dass wir fast nicht gleichzeitig einatmen können. Ich zieh Sprungkappe und Brille auf, dann öffnet sich die Türe.

Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen schießt die Luft in den Innenraum, mein Körper wird von Adrenalin geflutet. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie das andere Tandempaar mir einen Daumen entgegenreckt, dann rasen sie als blauer Schimmer am Seitenfenster vorbei. "Jetzt wir", höre ich Robin brüllen. Aneinandergebunden rutschen wir Richtung Luke, dann schwinge ich meine Beine aus dem Flugzeug. Der Wind zerrt an meiner Kleidung, tief unter mir winden sich Straßen, dünn wie Fäden, durch die Landschaft. Ich lege den Kopf in den Nacken, die Hände an die Gurte und bekomme noch ein "Oh mein Gott" raus, dann kippt Robin uns über die Kante.

Orientierungslos wirble ich durch die Luft und rase mit knapp 200 Stundenkilometern der Erde entgegen. Es fühlt sich an, als würde mich ein riesiger Rüssel einsaugen. Nach ein paar Sekunden spüre ich Robin, der mir aufs Bein klopft, und erste jetzt winkle ich die Unterschenkel an. Sofort stabilisieren wir uns, und aus Fallen wird Fliegen. Ich verliere das Empfinden für Geschwindigkeit, es fühlt sich an als würde ich auf einem Luftkissen schweben. Der pure Wahnsinn.

Nach rund 35 Sekunden zieht Robin die Leine. Mit einem Knall spannt sich der Schirm und bremst uns ruckartig ab. Genauso abrupt endet auch der Lärm, so als hätte jemand die Kreissäge neben meinem Ohr abgestellt. Robin erklärt mir, wie ich den Schirm steuere, dann darf ich selber lenken. "Siehst du das Haus, wo der Jackass-Totenkopf drauf ist?", fragt Robin. "Da müssen wir hin." Ich flieg’ einige 360-Grad-Drehungen und schraube in Richtung Boden. Nach ein paar Minuten übernimmt Robin wieder, der Untergrund kommt schnell näher. Jetzt merke ich, wie viel Tempo wir draufhaben. "Heb’ deine Beine", sagt Robin. Ich strecke sie im 90-Grad-Winkel nach vorne und halte die Spannung, als wir aufsetzen. Auf dem Hosenboden rutschen wir einige Meter über das Gras, dann stoppen wir.

15 Minuten später sitze ich wieder in dem schwarzen Sessel am Flugfeldrand und bin unendlich müde. Noch nie in meinem Leben haben mich wenige Sekunden so beeindruckt und so erschöpft. Robin ist wieder in der Luft, in ein paar Minuten fällt er noch mal vom Himmel. Und auch ich werde irgendwann noch einmal fallen. 3000 Meter.

Fallschirmspringen: Air Adventures Robin Schimmele, Freiburg, Tel. 0761/8888448; Internet: http://www.tandemspringen.tv ; Sprungplatz: Hartheimerstraße, Eschbach; Tandemsprung:190 Euro