Der aus dem Schatten tritt

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 15. Oktober 2018

Theater

Michael Kausch eröffnet mit "Die Sternstunde des Josef Bieder" Saison am Kammertheater Riehen.

Ein Mann im gelben Friesennerz schiebt einen vollgepackten Einkaufswagen auf die leere Bühne. Plötzlich guckt er ins Publikum und zuckt zusammen: "Wissen Sie denn nicht, dass die Vorstellung heute ausfällt? Wer hat Sie reingelassen?" So beginnt das Ein-Mann-Stück "Die Sternstunde des Josef Bieder", mit dem der Film- und Theaterschauspieler Michael Kausch die Saison im Kammertheater Riehen eröffnet hat. Kausch spielt einen Requisiteur, ein kleines Rädchen im Theaterbetrieb, einen Mitarbeiter, der sonst nie im Rampenlicht steht, nie Applaus kriegt. Doch für einmal richtet sich die Aufmerksamkeit auf ihn, der sonst "immer vergessen in der Ecke steht".

Sympathisch wirkt der Darsteller in der Rolle des bescheidenen Mannes, der seine Arbeit gewissenhaft und voller Hingabe ausführt. Grauhaarig, uneitel im roten Hemd mit Hosenträgern gibt er diesen Theatermenschen, der für die Requisite in der Oper zuständig ist und die Utensilien für die nächsten Vorstellungen richten will. Nach und nach packt er die Sachen aus dem Karren. Da der Disponent nicht an die Strippe zu kriegen ist, nutzt der Requisiteur die Gunst der Stunde und unterhält die Zuschauer in einem szenischen Monolog, der Einblicke hinter die Kulissen des Theaterlebens gibt. Nach und nach legt er seine Schüchternheit ab und plaudert aus dem Nähkästchen, von chaotischen Regisseuren, eingebildeten Sängern, knauserigen Chefs: "Grauenhaft, wie auf dem Sklavenmarkt!".

Das Stück von Eberhard Streul und Erich Syri rückt die ins Scheinwerferlicht, die ihren Teil zum Theaterkosmos leisten, aber dafür keine Anerkennung erhalten. Ein bisschen ähnelt das dem Lamento des Orchestermusikers in Patrick Süskinds legendärem Monolog "Der Kontrabass". Nur dass es in diesem von Jonathan Giele effektsicher inszenierten Kammerspiel eben ein Requisiteur ist, der von Größerem träumt und in Anekdoten von Lust und Frust seines Theaterberufs erzählt. Im intimen Ambiente des Kellergewölbes kann Michael Kausch seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit wirkungsvoll entfalten. Eigentlich, so gesteht sein Josef Bieder, wollte er Sänger werden. Und gibt eine Kostprobe aus dem "Bajazzo".

Dann zieht er einen Degen hervor, stülpt sich einen schwarzen Hut auf und wirft sich in die Pose des stolzen Toreros Escamillo aus "Carmen" – seine Traumrolle. Trefflich führt er vor, wie sich die tragischen Helden Otello und Macbeth, freche Buffos wie Papageno und Leporello oder strahlende Primadonnen verbeugen. In komischer Verzweiflung und mit einer Portion Selbstironie erzählt er aus dem Theateralltag, vom modernen Regietheater, von Regisseuren, für deren Inszenierungen er Spaghetti, Särge, Knochen, ausgestopfte Mäuse oder einen Mops herbeischaffen muss. Er verrät, wie er für "Elektra" jede Menge Kunstblut zusammenbraute: "Schwarzer Johannisbeersaft, etwas verdünnt, dazu ein bisschen Ketchup. Das sieht total echt aus!"

Mit seiner Sammelwut, einer Berufskrankheit, hat der notorische Junggeselle seine letzte Freundin vergrault. "Ich bin ein leidenschaftlicher Sammler", gesteht er mit hintergründigem Humor seine Vorliebe fürs Stöbern im Sperrmüll. Aber es erfüllt ihn "mit Stolz", wenn er sieht, wie wichtig seine Requisiten für das Stück sind. Da steht er nun allein auf der Bühne, ein Mensch, der ganz in seiner Theaterleidenschaft aufgeht. Und zum tragischen Schluss einen blauen Brief vom Intendanten erhält. Also kein Happy End, aber ein unterhaltsames, berührendes Theatersolo, das Michael Kausch mit pointierter Schauspielkunst trägt.

Aufführungen: 19., 20., 26., 27. Oktober, jeweils 20 Uhr, Kammertheater Riehen.