Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. August 2012

Olympische Spiele

Der Fall Drygalla: Wegschauen als Prinzip

Sippenhaft versus olympische Ideale? Warum eine deutsche Ruderin die Spiele verlassen musste.

Das schwierige Verhältnis von Sport und Politik ist um ein Kapitel erweitert worden. Im Mittelpunkt stehen eine junge Ruderin – von der niemand weiß, ob sie naiv oder dreist war – und kühl kalkulierende Funktionäre.

Nadja Drygalla, 23 Jahre jung, ist in der Vergangenheit politisch nicht aufgefallen. Die ehemalige Polizeianwärterin hat keine Straftaten begangen. Wo sie politisch steht, kann man indes ahnen. Denn niemand, dem rechte Positionen komplett zuwider sind, ist über Jahre mit einem NPD-Funktionär liiert. Aber im Gegensatz zu zwei Polizisten in Baden-Württemberg war die Rostockerin auch kein Mitglied des Ku-Klux-Klan – und die beiden sind noch immer im Dienst. Dass Drygalla den Polizeidienst quittierte, weil sie einen für sie unlösbaren Konflikt für sich sah, ist ein politisches Bekenntnis, mehr aber auch nicht.

Auch ein Sportler ist nur für das verantwortlich, was er selbst tut. So entschlossen man Neonazis entgegentreten muss, auch für sie ist die Sippenhaft abgeschafft. So lange es keine Beweise zum Beispiel für antisemitische oder rassistische Äußerungen gibt, spricht nichts dafür, sie nach Hause zu schicken. "Es gibt Grenzen der Überprüfung", sagte Verteidigungsminister de Maizière, der eine Art Screening des Freundeskreises eines Athleten ablehnt. Die Demokratie wird in der Tat nicht im Ruderboot verteidigt, sondern dort, wo NSU-Freunde Ausländer jagen.

Werbung


Also alles nur wieder mal deutsche Hysterie? Ganz so eindeutig ist die Causa Drygalla nicht. Da ist zunächst das deutsche Sportfördersystem. Der Verteidigungs-, der Finanz- und der Innenminister sind über Bundeswehr, Zoll und Polizei die wichtigsten Sponsoren des Sports. Sie tun dies nicht aus Verbundenheit zu Turnvater Jahn, es geht um das Ansehen des Landes. Insofern die Sportler die Bundesrepublik repräsentieren, dürfen die Verantwortlichen sich die Kandidaten ansehen und auswählen. Zumal bei Olympischen Spielen. In einer Charta sind Prinzipien festgehalten, auf deren Einhaltung sich jeder Olympionike verpflichtet. Die "Achtung universell gültiger fundamentaler ethischer Prinzipien" wird verlangt, "jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht" für unvereinbar mit der Idee Olympias erklärt. Insofern ist für NPD-Aktive kein Platz bei den Spielen.

Noch unbeantwortet ist die Frage, warum niemand im Vorfeld dem Verdacht nachgegangen ist, die Ruderin könnte gegen die Prinzipien der Charta verstoßen. Im Team soll es Diskussionen gegeben haben. Kaum vorstellbar, dass Trainer und Verband nichts mitbekamen. Es dürfte eher gewesen sein wie so oft: Den Blick stur auf den ersehnten Erfolg gerichtet, haben Sportfunktionäre schon ganz andere Dinge übersehen – um sich am Ende im Glanz zu sonnen oder sich wegzuducken. Nachdem Drygallas Achter ausgeschieden war, gab es nichts mehr zu gewinnen.

Autor: Franz Schmider


10 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Die veröffentlichten Kommentare geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

Volker Klein

Registriert seit: 03.02.2011

Kommentare: 131

07. August 2012 - 05:53 Uhr

Die Überschrift "Wegschauen als Prinzip" beinhaltet den Vorwurf, Drygallas Leben mit einem NPD-Mann sei erst spät nachgegangen worden. Gleichwohl hat sich Drygalla nichts meßbares zu Schulden kommen lassen. Kein rassistisches Getwitter etc. Was soll bei dieser dürftigen Tatbestandslage die Aussage "Wegschauen als Prinzip"?

Man wird die Überschrift gegen die BZ selbst wenden können. Denn da betreibt die Antifa die Entblößung von Drygallas Privatleben und der BZ-Kommentator Franz Schmider fragt sich nicht, wem oder was da die Medienmeute und dann die Funktionärsriege auf den Leim geht. Immerhin hat Vereidigungsminister de Maiziere noch deutlich gemacht, dass die Privatsphäre einer Sportlerin zu weit überschritten wurde zu durchleuchten. Es wäre angemessen, das Flutlicht der Durchleuchtung wieder abzuschalten, lautet der FAZ-Kommentar vom 7.8. (S. 8: "Verteidigung") und dürfte als Lehre aus dem Ganzen wegweisender sein.

Also, insbesondere an die BZ: Nicht so viel wegschauen, sondern die menschenverachtenden Methoden und Absichten der Antifa stärker hinterfragen und durchleuchten. Wie sehr das Leben Drygallas beschädigt wurde, läßt sich nicht als Kolateralschaden abtun, sondern sollte sehr zu denken geben.

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Rainer Brombach

Registriert seit: 11.11.2011

Kommentare: 874

07. August 2012 - 07:08 Uhr

Genau, Herr Klein, Wir müssen unsere Demokratie an zwei Fronten verteidigen.

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Joachim Pape

Registriert seit: 04.12.2009

Kommentare: 638

07. August 2012 - 07:08 Uhr

Herr Klein,
ich unterstelle ganz einfach, vielleicht auch naiv, dass Sie sich politisch für ausgewogen halten.

Also, fordern wir doch die BZ auf, ausgewogen über (Ihr Zitat“ die menschenverachtenden Methoden und Absichten der Antifa“) und die der Nazis zu berichten!!

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Michael Keller

Registriert seit: 12.03.2012

Kommentare: 745

07. August 2012 - 09:01 Uhr

Aus dem Artikel:

"Der Fall Drygalla: Wegschauen als Prinzip"

"Noch unbeantwortet ist die Frage, warum niemand im Vorfeld dem Verdacht nachgegangen ist, die Ruderin KÖNNTE gegen die Prinzipien der Charta verstoßen."

"Es DÜRFTE eher gewesen sein wie so oft: Den Blick stur auf den ersehnten Erfolg gerichtet, haben Sportfunktionäre schon ganz andere Dinge übersehen – um sich am Ende im Glanz zu sonnen oder sich wegzuducken."

(Hervorhebungen durch den Verfasser)

Dass tatsächlich weggeschaut wurde, dass die Ruderin tatsächlich gegen die Charta verstoßen hat, dass die Funktionäre tatsächlich etwas übersehen haben, ist in Wahrheit nach wie vor offen.

Soll hier durch die geschickt gesetzte Kombination von Konjunktiv und Indikativ der Eindruck erweckt werden, es gäbe tatsächlich irgend etwas, was man Frau Drygalla anlasten könnte, was die mediale Hexenjagd im Nachhinein rechtfertigt?

Ich empfehle zur Methodik Bölls "Verlorene Ehre der Katharina Blum" - scheint heute leider nicht mehr zur Standardlektüre zu gehören.

Verstoß gegen Netiquette melden

Ammar Ulabi™  

Ammar Ulabi™

Registriert seit: 08.05.2009

Kommentare: 3983

07. August 2012 - 09:24 Uhr

Wenn das mit der Sippenhaft wirklich demokratisch und grundgesetzlich vereinbar ist, dann freue ich mich schon darauf, das man demnächst Herrn Prof. Joachim Sauer zwangsemeritiert. Bitte nötig wäre das insofern, weil DER nämlich sogar verheiratet und nicht nur liiert ist. Und die Humboldt-Uni wird ja wohl auch so was wie 'ne "Charta" haben, gegen die man ab und zu verstoßen kann - so rein geruchlich natürlich schon. [bittere Ironie ENDE]

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Martin Mattmüller

Registriert seit: 13.02.2010

Kommentare: 2035

07. August 2012 - 09:58 Uhr

"Noch unbeantwortet ist die Frage, warum niemand im Vorfeld dem Verdacht nachgegangen ist, die Ruderin könnte gegen die Prinzipien der Charta verstoßen."

Also hätte Nadja Drygalla schon überprüft werden sollen, noch bevor sie an den Start ging. Danke, Herr Franz Schmider, für die Offenheit.

"Insofern die Sportler die Bundesrepublik repräsentieren, dürfen die Verantwortlichen sich die Kandidaten ansehen und auswählen. Zumal bei Olympischen Spielen. "

Nun ist Deutschland schon der Zahlmeister Europas, und nun soll es noch die internationalistische Haltung von Sportlern, die sich öffentlich überhaupt nicht äußern, sowie von deren Bettgenossen überprüfen ...

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Volker Klein

Registriert seit: 03.02.2011

Kommentare: 131

07. August 2012 - 10:28 Uhr

Hallo Herr Pape, ich bedanke mich zunächst für Ihr Wohlwollen, mir Ausgewogenheit zu unterstellen. Richtig, über beide Formen der Deformierung persönlicher Würde würde ich eine eingehende Berichterstattung begrüßen. Daß über Ereignisse rechtsaußen in der BZ verhältnismäßig wenig berichtet wird, diese Gefahr besteht nicht, da kann ich Sie beruhigen.

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

07. August 2012 - 13:35 Uhr

"Insofern die Sportler die Bundesrepublik repräsentieren, dürfen die Verantwortlichen sich die Kandidaten ansehen und auswählen."

Frau Drygalla ist seit Jahren mit ihrem Freund liiert. Ich nehme doch mal an, dass diese Beziehung nicht im Geheimen geführt wurde, wie uns die linken Verschwörungstheoretiker vielleicht glauben machen wollen. Dennoch WURDE sie für das Olympiateam ausgewählt. Warum? Weil es durch ihre sportliche Leistung gerechtfertigt schien.

Es ist vielmehr ein Armutszeugnis für die Bundesrepublik, dass man sich nicht kritisch mit der "Causa Drygalla" auseinandersetzt, sondern durch Schnellschüsse versucht, jedweden Geruch brauner Fäkalie zu vermeiden. Verurteilt, ohne schuldig gesprochen worden zu sein. Das gab es in der Tat schon einmal in Deutschland, nämlich im Dritten Reich...

Verstoß gegen Netiquette melden

Roman Weingardt  

Roman Weingardt

Registriert seit: 02.12.2010

Kommentare: 3198

07. August 2012 - 13:40 Uhr

@ Martin 9:58Uhr

Herr Fischer ist wohl eher ein "Bettkamerad" als ein "Bettgenosse"!

Ein kleiner aber feiner Unterschied! ;-))

Verstoß gegen Netiquette melden

 

Martin Rotzinger

Registriert seit: 19.11.2010

Kommentare: 589

07. August 2012 - 18:14 Uhr

Ich dachte immer, es geht um Sport.

Aber wie hats der Harald Schmidt mal schön gesagt:
"Es geht um Goldmedallien!"

Man möcht sich mit der Leistung eines Fremden schmücken können. Dazu bedarf es dann aber der politischen Kompatibilität.
Entsprechend kann man bei Olympia Sport als ziemlich unwichtiges Beiwerk ansehen.

mfg

PS bevor mir irendjemand mit Unterstellungen kommt: braune Gesinnung liegt mir ziemlich fern

Verstoß gegen Netiquette melden



Weitere Artikel: Kommentare