Der prosaischste aller Baustoffe

Gerhard Midding

Von Gerhard Midding

Fr, 25. Mai 2018

Kino

NEU IM KINO: Die Dokumentation "Taste of Cement" mutet an wie ein Requiem / Der Regisseur stellt seinen Film nächste Woche in Freiburg vor.

Die Handfläche seines Vaters, erinnert sich der Erzähler in Ziad Kalthoums Dokumentation "Taste of Cement", war wie ein Stadtplan von Beirut. Damals wirkte der Vater am Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg mit. Wenn er von der Montage nach Syrien heimkehrte, folgte ihm der Geruch des Zements: Er hatte sich in seine Haut und seine Seele gefressen.

Nun ist der Sohn in die Fußstapfen des Vaters getreten, auf der Flucht vor einem anderen Bürgerkrieg, der seine syrische Heimat zerstört. Während dort kaum ein Stein mehr auf dem anderen steht, wirkt er mit am Emporwachsen eines Wolkenkratzers. Von seinem Arbeitsplatz hat er einen majestätischen Ausblick auf Beirut und das Meer. Mehr lernt er nicht kennen von der Stadt, denn die syrischen Arbeiter leben hier wie die Sklaven. Sie verbringen zwölf Stunden über der Stadt und den Rest des Tages unter ihr.

Die menschliche Präsenz ist ohnehin prekär in diesem Dokumentarfilm, der seinen Titel beim Wort nimmt und die Verwendung des Zements mit staunenswerter Neugierde in den Blick nimmt. Er umfängt den prosaischsten aller Baustoffe mit wachsamer Poesie. Da die Baustelle wie ein Gefängnis ist, müssen sich die Kamera und die ungemein suggestive Tondramaturgie stellvertretende Bewegungsfreiheit erstreiten. Diese Ungebundenheit stellt den Kameramann Talal Khoury vor enorme, ebenso akrobatische wie metaphorische Herausforderungen.

Bewundernswert, wie er beides meistert. Kalthoums Erzählprinzip ist die Analogie: Jede Szenerie gebiert die bekümmerte Assoziation zu einer anderen. Immer enger schnürt die Parallelmontage Bilder des Aufbaus und der Zerstörung zusammen. Diese Zusammenführung kulminiert in einer langen Sequenz, in welcher der Baukran in Beirut sein Gegenstück in einem Panzer findet, der in Syrien ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Dieses Material, das mitunter als subjektive Einstellung aus der Perspektive des Schützen gefilmt ist, hat Kalthoum einer russischen Fernsehsendung entnommen, die stolz über den erfolgreichen Einsatz der gelieferten Waffen berichtete. Der Film trägt schwer an der bitteren Ironie, zu der ihn sein erzählerisches Vorhaben regelmäßig und unausweichlich führt. Er mutet an wie ein Requiem. Aus der Zwiesprache der Bilder könnte die Hoffnung erwachsen, auch Aleppo und Homs würden dereinst wieder auferstehen. Aber dafür wird es mehr als eine Generation brauchen.

"The Taste of Cement" (Regie: Ziad Kalthoum) läuft in Freiburg. Ab 12. Der Regisseur besucht am Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr, das Kino Friedrichsbau.