BZ-Gastbeitrag

Der Traum vom Öl, das im Boden bleibt

Wolfgang Kessler

Von Wolfgang Kessler

Sa, 24. Februar 2018 um 00:00 Uhr

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Wolfgang Kessler glaubt, dass Länder entschädigt werden müssen, wenn sie das Klima schützen

Es war einmal ein schöner Traum. Er hieß: Mehr Wohlstand für die Armen ohne die Natur zu zerstören. Der Traum schien greifbar, als die Regierung Ecuadors der Weltgemeinschaft vor gut zehn Jahren ein einmaliges Angebot unterbreitete: Nämlich eine riesige Regenwaldregion von Ölbohrungen zu verschonen, wenn die reichen Länder Ecuador für die Verluste entschädigen.

Die Reichen haben damals gezuckt, aber nicht gezahlt. Deshalb beginnen in diesen Tagen die Ölbohrungen im Regenwald Ecuadors. Und nicht nur dies: Auch die Demokratische Republik Kongo will ein riesiges Naturschutzgebiet zerstören lassen, um Öl zu gewinnen. Dabei zeigt das Angebot aus Ecuador von einst eine Alternative zur Spirale der Zerstörung auf.

Der Plan des damaligen Staatspräsidenten Ecuadors, Raffael Correa, aus dem Jahre 2007 war spektakulär und konkret zugleich: Die Regierung Ecuadors lässt die geschätzten 850 Millionen Fass Öl unter dem Yasuni-Nationalpark mit einem damaligen Marktwert von 7,2 Milliarden Dollar im Boden. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die Weltgemeinschaft die Hälfte der erhofften Erlöse, also 3,6 Milliarden Dollar, in einen Ausgleichsfonds der UNO einzahlt. Aus diesem Fonds sollte das Geld in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Ecuadors investiert werden.

Später gab sich die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung (2009 bis 2013) unter Angela Merkel zunächst aufgeschlossen – ebenso wie anderen westliche Regierungen. Doch Dirk Niebel (FDP), damals Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, sagte klar: "Wir bezahlen doch nicht dafür, dass nichts geschieht." Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht klingt dies logisch. Klimapolitisch ist diese angebliche Logik jedoch überaus kurzsichtig. Denn gerade arme Länder bohren kompromisslos nach fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas und Kohle oder roden Regenwälder für Palmöl oder Soja, um Geld für ihre Entwicklung zu verdienen. Damit zerstören sie ihre eigene Natur und fördern eine Wachstumspolitik, die das Weltklima weiter aufheizt.

Dass die Weltgemeinschaft nun doch nicht dafür zahlt, dass Öl im Boden bleibt, könnte sich jetzt bitter rächen – und nicht nur in Ecuador. Denn Joseph Kabila, der kongolesische Präsident, hat nach langer Bedenkzeit gerade die Aufnahme von Probebohrungen in dem riesigen Salonga-Nationalpark genehmigt. Diese Pläne bedrohen den größten geschützten tropischen Regenwald Afrikas, der etwa so groß ist wie Baden-Württemberg. Dieser Nationalpark beherbergt zahlreiche seltene Tierarten, darunter Waldschimpansen und Waldelefanten. Die Unesco hat den Salonga-Nationalpark 1984 zum Weltnaturerbe erklärt, weil es sich um "eines der wenigen absolut intakten Biotope Zentralafrikas handelt". Umso alarmierter sind die Naturschutzorganisation WWF und auch deutsche Umweltschützer, die den Salonga-Nationalpark derzeit mit viel Geld vor Wilderei zu schützen versuchen.

Was gegen Wilderer schon schwer genug ist, wird gegen Öl- und Bergbaufirmen um so schwieriger. Und wenn erst einmal Ölmilliarden in die Kassen von Regierung und Wirtschaftseliten fließen, ist es mit der Schonung der Natur endgültig vorbei. Das zumindest zeigen Erfahrungen in anderen Regionen der Erde. Man denke nur daran, dass in Indonesien in nur einem Jahrzehnt riesige Regenwaldgebiete durch Palmölplantagen ersetzt wurden.

Geld ist vielen Regierungen wichtiger als eine intakte Umwelt. Wer die Natur bewahren will, muss deshalb Geld für die Schonung der Umwelt zahlen. Noch ist der Traum nicht ganz tot. Immerhin wurde auf der Pariser Klimakonferenz ein Klimafonds beschlossen, der mit mehr als 100 Milliarden Dollar gespeist werden soll. Und die Bundesregierung hat angekündigt, diesmal ihren Beitrag zu leisten. Einen Teil dieses Geldes könnten Regierungen als Entschädigung dafür erhalten, dass sie fossile Rohstoffe im Boden lassen.

Für den Kongo und Ecuador käme dies spät, aber vielleicht nicht zu spät. Im Kongo wird noch nicht gebohrt, weil die UNO, namentlich die Unesco, Widerstand leistet. Und der neue Staatspräsident Ecuadors, Lenin Moreno, plant immerhin noch einen Volksentscheid über die Ausweitung von Schutzzonen im Yasuni-Nationalpark, in denen indigene Völker leben. Dort soll nicht nach Öl gebohrt werden dürfen.

Entschädigungszahlungen in einem UN-Entwicklungsfonds könnte die Bereitschaft beider Staaten stärken, die Ölbohrungen zu beenden oder stark zu beschränken. Damit würden sie Beispiele dafür liefern, dass wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz in den armen Ländern nicht auf ewig Gegensätze bleiben müssen.