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07. September 2011 04:06 Uhr

Interview mit Ahmet Toprak

Deutsche, Muslime und der 11. September

Die Anschläge vom 11. September haben das Augenmerk der deutschen Gesellschaft auf die hier lebenden etwa 3,5 Millionen Muslime gelenkt. Wie hat sich seither das Verhältnis zu den Muslimen verändert? Ein Interview.

  1. „Die große Mehrheit der Muslime will nur ihre Religion ausüben und in den Moscheen beten“, sagt Ahmet Toprak. Foto: Ingo Schneider

  2. Pädagoge Ahmet Toprak, Professor an der Universität für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund Foto: privat

Annemarie Rösch sprach darüber mit Ahmet Toprak wissen. Der Professor an der Fachhochschule Dortmund hat mehrere Studien über Probleme der hier lebenden Muslime verfasst.

BZ: Wie haben Sie die Zeit nach dem 11. September erlebt?
Toprak: Viele Muslime hatten das Gefühl, dass auch sie für die Attentate verantwortlich gemacht werden. Meine Interviewpartner haben immer wieder betont, dass die Stimmung ihnen gegenüber nicht mehr so freundlich ist. Ließ irgendwo im Jemen ein durchgeknallter Terrorist eine Bombe hochgehen, mussten sich die Muslime hier dafür rechtfertigen. Hatte man auf den Ausländerbehörden vor dem 11. September oft nach kreativen Lösungen bei Visafragen gesucht, verspürten viele Muslime danach eine Verschlechterung. Ich selbst bin nach den Anschlägen viel häufiger an Flughäfen oder Bahnhöfen von der Polizei kontrolliert worden. Vor den Anschlägen reichte es, sauber rasiert zu sein, dann wurde man eigentlich selten nach dem Pass gefragt. Danach suchte die Polizei nach den sogenannten Schläfern, also Muslimen, die angepasst wirken, aber in Wirklichkeit Extremisten sind.

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BZ: Ein paar der Terroristen vom 11. September kamen ja tatsächlich aus Deutschland. Haben die hiesigen Muslime daraus Konsequenzen gezogen?
Toprak: Eine positive Folge ist sicherlich, dass viele Moscheegemeinden heute wachsamer sind, was ihre Mitglieder machen. Das habe ich bei meinen Recherchen für ein Buchprojekt in Moscheegemeinden in Dortmund, München und Berlin festgestellt. So erzählten mir die Verantwortlichen einer Gemeinde in Berlin, dass sie einem Mann ein Hausverbot erteilten, weil er versucht hat, junge Männer zu politisieren und für den Islamismus zu gewinnen. Die große Mehrheit der Muslime will nur ihre Religion ausüben und in den Moscheen beten. Aber natürlich muss der Staat weiterhin Splittergruppen im Auge behalten, die vielleicht nach außen hin tolerant auftreten, aber in Wirklichkeit undemokratisch sind. Organisationen wie Milli Görus stehen ja unter Beobachtung des Verfassungsschutzes und das zurecht.

BZ: Inwieweit kann es auch negative Auswirkungen für die Integration haben, wenn Muslime immer wieder unter Generalverdacht gestellt werden?
Toprak: Die Gefahr besteht sicherlich, dass sich junge Muslime aus der Gesellschaft zurückziehen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie als Muslime nicht akzeptiert werden. Die sagen dann: Egal, was ich mache, ich werde sowieso in der Gesellschaft nicht ankommen, weil ich Muslim bin. Es gibt aber natürlich auch Jugendliche, die sich in dieser Opferrolle gefallen. Bei meiner Arbeit mit jungen Muslimen, die durch Gewalttätigkeiten aufgefallen sind, gab es immer wieder solche, die das als Ausrede nahmen, sich nicht anstrengen zu müssen. Prinzipiell sollte die Gesellschaft aber den jungen Muslimen das Gefühl geben, dass sie dazugehören, dass sie unsere Jugendlichen sind. Das wäre schon die halbe Miete. Junge Menschen im Allgemeinen sehnen sich ja nach Anerkennung. Ginge die Gesellschaft mehr auf die Jugendlichen zu, könnten sie sich auch nicht mehr so leicht in ihrer Opferrolle einrichten. Man könnte sie dann in die Verantwortung nehmen.

BZ: Haben die Debatten über Islam und Terrorismus nicht auch dazu geführt, dass sich die Gesellschaft erstmals intensiv mit den muslimischen Einwanderern auseinandersetzte?
Toprak: Das stimmt schon. Gerade auf der Gemeindeebene gibt es heute sehr viel mehr Kontakte zwischen Muslimen und Christen als noch vor zehn Jahren. Viele Kirchen gehen seither auf die Muslime zu. Und die Moscheevereine haben sich ebenfalls geöffnet. Es gibt heute christlich-muslimische Arbeitskreise, in denen beide Seiten miteinander reden. Das verändert das Denken und führt zu einer Annäherung. Auf der hohen politischen Ebene gibt es etwa die Islamkonferenz, an der ich selbst von 2006 bis 2009 teilgenommen habe. Wenn auch nicht so viele konkrete Projekte dabei herausgekommen sind, so ist doch positiv, dass dieser Dialog heute stattfindet.

Autor: Annemarie Rösch