Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Oktober 2014 00:05 Uhr

Kriegsdienstverweigerung

Bundeswehr: Warum wollen Soldaten den Dienst quittieren?

Seit 2011 haben mehr als 1400 Soldaten einen Antrag auf Wehrdienstverweigerung gestellt. Warum gehen junge Menschen zur Bundeswehr und wollen dann den Dienst quittieren?

Seit die Wehrpflicht im Juli 2011 ausgesetzt wurde, ist die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee. Junge Männer müssen den Dienst an der Waffe nicht mehr verweigern, um dem Bund zu entgehen. Auch das Thema Kriegsdienstverweigerung schien damit erledigt. Wer heute zur Bundeswehr geht, der tut es aus freien Stücken. Trotzdem haben in den vergangenen drei Jahren mehr als 1400 Soldatinnen und Soldaten einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt, weil sie die Armee vorzeitig verlassen wollten. 78 Prozent der Anträge wurden positiv beschieden. Geraten Soldaten in Gewissensnöte, nachdem sie die Uniform anziehen? Oder läuft der Bundeswehr durch eine Hintertür das Personal davon?

Sven Pape hängt in der Luft. Seit mehr als einem Jahr. Am 2. Juli 2013 wies das Verwaltungsgericht Hamburg seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung endgültig ab. Seitdem ist er krankgeschrieben, kämpft mit Depressionen. Er hofft, dass er aufgrund seiner Dienstunfähigkeit bald aus der Bundeswehr entlassen wird. Sein Alltag in Koblenz? "Größtenteils auf Entscheidungen warten." Auf seinem Blog schreibt Pape offen über seine Gedanken, er ist einer der wenigen Verweigerer, die über ihren Fall sprechen. Wie es weitergehen soll, weiß Pape nicht. Nur Soldat will er nicht mehr sein.

Werbung


Gemäß Grundgesetzartikel vier, Absatz drei, hat jeder Soldat jederzeit das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern. Wer sich für einen mehrjährigen Dienst verpflichtet hat, kann ansonsten nicht einfach kündigen wie ein Beschäftigter in zivilen Berufen. Nur freiwillig Wehrdienstleistende können die Bundeswehr innerhalb ihrer sechsmonatigen Probezeit von einem Tag auf den anderen verlassen, ohne dies begründen zu müssen – durchschnittlich 25 Prozent tun das.

Auslandseinsätze ein wesentliches Motiv

Zu der Frage, warum auch langjährige Soldaten einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen, will Guido Mauel vom Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr nichts sagen. Auch eine Einordnung der Antragszahlen könne er nicht abgeben. Insgesamt 1411 entsprechende Anträge sind seit Aussetzung der Wehrpflicht vor drei Jahren beim zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln eingegangen, 1095 waren erfolgreich. Generäle sind nicht unter den Antragstellern, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht. Ansonsten aber alle Dienstgrade – vom Stabsoffizier bis zu den Mannschaften.

Ein wesentliches Motiv für Verweigerer sei die gestiegene Zahl deutscher Auslandseinsätze, vermutet Ullrich Hahn. Der 64-jährige Anwalt aus Villingen-Schwenningen berät seit Jahrzehnten Kriegsdienstverweigerer. Die meisten seien sehr jung zur Bundeswehr gegangen und hätten die Problematik, die mit Militäreinsätzen verbunden ist, verdrängt. "Viele der Soldaten, die zu mir kommen, waren blauäugig – und das wird ihnen im Antragsverfahren dann auch vorgehalten."

2004, in der zwölften Klasse, so erzählt es der Niedersachse Pape, habe er zum ersten Mal darüber nachgedacht, eine Karriere bei der Bundeswehr anzustreben. "Ich habe einen Beruf gesucht, in dem ich sinnvolle Sachen machen kann. Früh Verantwortung tragen, Menschen ausbilden und führen." Das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan sei damals stark vom zivilen Wiederaufbau geprägt gewesen. So hat es Pape zumindest wahrgenommen. "Ich dachte an Brunnen bohren und Schulen bauen, über das Töten von Menschen habe ich nur auf einer ganz abstrakten Ebene nachgedacht."

Entschluss reift während des Studiums

Nach dem Abitur tritt Pape 2005 die Offizierslaufbahn an. 2008 beginnt er ein Geschichtsstudium an der Bundeswehr-Universität in Hamburg. Während dieser Zeit reift sein Entschluss, "die Reißleine zu ziehen", wie er sagt, "weil ich mir grundlegend darüber klar geworden bin, dass ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann, einen Menschen zu töten". Am 11. September 2012 stellt der Offiziersanwärter den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung. Nach knapp sieben Jahren bei der Bundeswehr – und einem finanzierten Masterstudium. Der Antrag wird im Dezember 2012 abgelehnt, auch Papes Widerspruch. Das Verwaltungsgericht Hamburg bestätigt die Ablehnung endgültig. Seine Angaben seien nicht glaubhaft, er habe sich freiwillig für die Bundeswehr entschieden und schon zum damaligen Zeitpunkt wissen können, dass ein dortiges Engagement kein reiner Hilfseinsatz sei. So gibt Pape die Ablehnungsgründe des Bundesamts wider. "Klar bin ich freiwillig zur Bundeswehr gegangen", sagt der heute 28-Jährige, "aber es ist doch nicht so, dass ich mein Gehirn abgegeben habe und sich meine Überzeugungen nicht verändern dürfen."

Sven Pape sagt, dass er während seiner Studentenzeit großen Abstand vom alltäglichen Dienst hatte. Tatsächlich sind die meisten Offiziersanwärter nach sechs Monaten Grundausbildung bis zum Ende ihres Hochschulstudiums nicht mehr in der Truppe. Wenn sie anschließend merken, dass das Militär nicht das Richtige für sie ist, haben sie ihre Ausbildung meist bereits absolviert. Werden sie als Kriegsdienstverweigerer anerkannt, müssen sie die Kosten für ihre Ausbildung zurückzahlen. Je nach Studiendauer sind das zwischen 8000 und 40 000 Euro.

Dienst an der Waffe müssen die Antragsteller bis zur Entscheidung nicht leisten. Sven Pape wurde im Februar 2013 von Hamburg nach Koblenz versetzt, im Juli 2013 wurde er wegen Depressionen krankgeschrieben. "Meine Vorgesetzten und Kameraden sind ganz normal mit mir umgegangen", erzählt Pape. Aber die Äußerungen anderer Bundeswehrvorgesetzter, die in Interviews darüber spekulierten, dass kriegsdienstverweigernde Offiziere mit einem beim Bund genossenen Studium eigentlich nur finanziellen Interessen und nicht Gewissensüberzeugungen folgen würden, nagen an Pape.

Sven Pape will die Werbeaktivitäten der Bundeswehr nicht kommentieren, schließlich ist er noch immer Soldat. Nur einen allgemeingültigen Tipp hat er: "Jeder soll sich fundiert informieren und sorgfältig prüfen, ob ein Beruf auch zu einem passt."

Autor: Michael Gilg