Hassreden draußen, stilles Gedenken im Dom

Marion Mück-Raab

Von Marion Mück-Raab

Mo, 11. Juni 2018

Deutschland

Der Tatverdächtige im Mordfall Susanna F. ist wieder in Deutschland / Für die AfD und rechte Initiativen ist jemand anderes schuld: die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlingspolitik.

Noch ist es ruhig auf dem Deutschhausplatz in Mainz. Vielleicht 20 Menschen warten auf die AfD. Ein einsames Schild steht an einer Wand. "Schützt unsere Töchter" ist darauf zu lesen. Eine Frau hat drei weiße Rosen mitgebracht. Sie weiß nicht, wohin damit.

Es ist Samstagnachmittag, zehn Minuten vor drei. Die AfD hat eine Mahnwache angekündigt, sie will der 14-jährigen Susanna F. aus Mainz gedenken, die am Mittwoch vergangener Woche ermordet in Wiesbaden aufgefunden worden ist. Der Tatverdächtige, ein 20 Jahre alter irakischer Asylbewerber, war unter mysteriösen Umständen mit seiner Familie aus Deutschland in seine Heimat zurückgereist und wurde dort verhaftet. Wenige Stunden danach landete Ali B. wieder in Frankfurt. "Kurzen Prozess soll man mit ihm machen", sagt ein junger Mann am Rande der Demo in Mainz.

Der Iraker wurde am Sonntagnachmittag im Wiesbadener Polizeipräsidium mehrere Stunden lang von einer Amtsrichterin vernommen, die danach Untersuchungshaft anordnete. Bundespolizisten hatten ihn am Samstag an Bord einer Lufthansa-Maschine aus der nordirakischen Stadt Erbil zurück nach Deutschland gebracht. Dort hatten ihn die kurdischen Sicherheitsbehörden am Freitagmorgen "in letzter Sekunde vorläufig festnehmen" können, wie Bundespolizei-Chef Dieter Romann der Bild am Sonntag sagte: "Der Tatverdächtige hatte vor, sich in ein Nachbarland des Irak abzusetzen."

Wie die Staatsanwaltschaft am Sonntagabend berichtete, habe Ali B. hat die Tötung der 14-Jährigen gestanden. "Eine Vergewaltigung wurde durch ihn allerdings bestritten", teilte Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn mit. Als Tatmotiv gab er an, aufgrund von Verletzungen im Gesicht von Susanna, die durch einen Sturz entstanden sein sollen, habe er befürchtet, dass sie die Polizei informieren werde.

Die Mahnwache der AfD am Samstag war Auftakt eines Demonstrationsmarathons in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt am Wochenende. Die rechte Initiative "Beweg was!" hatte sich für Sonntag angesagt; in der Innenstadt fanden dazu Gegenveranstaltungen statt.

Kurz nach drei Uhr am Samstag marschiert die AfD auf den Platz vor der Staatskanzlei. Ein Trauerzug, viele schwarz gekleidet, manche halten Schilder mit dem Motto der Mahnwache hoch: "Es reicht – Endlich Konsequenzen ziehen". Es sind keine hundert, die sich auf dem Platz versammeln, darunter mehr als 20 Journalisten, allein vier Kamerateams.

Uwe Junge, Landesvorsitzender der AfD Rheinland-Pfalz, spricht. Um die getötete Susanna geht es in seiner Rede kaum, die Schweigeminute für das tote Mädchen dauert keine 15 Sekunden. Junge redet vielmehr über die Asylgesetze, die vorübergehend ausgesetzt werden sollten, über Deutschlands Grenzen, an denen nicht kontrolliert werde, über die Verantwortung der Kanzlerin und der Bundesregierung. Mitten auf dem Platz brennen 33 rote Grabkerzen. Es wird nicht applaudiert. Trotzdem: Von Trauer ist hier nichts zu spüren, niemand hat Tränen in den Augen. Es wird laut diskutiert.

"Frau Merkel hat Blut an den Händen", sagt ein Mittfünfziger, der seinen Namen nicht nennen will. Die Bundeskanzlerin sei verantwortlich für die toten Mädchen, meint ein anderer. "Für Mia aus Kandel, für Maria aus Freiburg und jetzt auch für Susanna aus Mainz." Es klingt beinahe triumphierend, wie er das sagt. Als sei das nächste vergewaltigte und getötete Mädchen ein willkommener Beweis dafür, dass er Recht habe.

Die 15-jährige Mia aus Kandel war im Dezember 2017 erstochen worden; der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, einen wohl 20 Jahre alten Afghanen, beginnt in diesem Monat. Maria Ladenburger, eine 19 Jahre alte Studentin, ist im Oktober 2016 in Freiburg von einem inzwischen rechtskräftig verurteilten Afghanen ermordet worden.

Es sind nur wenige Mainzer unter den Anwesenden, die Mehrheit kommt von weiter her, viele sind Mitglieder und Funktionäre der AfD. Darauf angesprochen sagt AfD-Mann Junge, das sei keine Enttäuschung. Er habe auch keine Sorge, mit solchen Veranstaltungen Hass zu schüren, nicht nur gegen Flüchtlinge, auch gegen die Bundeskanzlerin. "Natürlich ist sie nur mittelbar verantwortlich für die Toten, nicht direkt", sagt er. Dass viele hier das anders sehen, weiß er. Er zuckt die Schultern: "Man kann nicht auf jeden Einfluss nehmen."

Hochaggressive

Stimmung

Einige Meter vor den Absperrungen haben sich einige Menschen versammelt, still beobachten sie die AfD-Veranstaltung. Darunter Frauen, die sich in Mainz schon seit Jahren für Frauenrechte und gegen Männergewalt engagieren. Auch die Frauenbeauftragte der Stadt ist da, nicht in ihrer Funktion, sie wolle sich das nur ansehen. "Eine Männerveranstaltung", sagt sie. Sie erinnere sich nicht, dass diese Menschen sich jemals für den Schutz von Frauen starkgemacht hätten, für ein Frauenhaus etwa. "Für den Schutz der deutschen Frau vor dem deutschen Mann", sagt sie spöttisch. Mehr kann sie nicht mehr sagen, sie muss gehen, die Polizei droht mit Platzverweisen.

Der blanke Hass schlägt Kanzlerin Merkel dann am Sonntag entgegen. "Beweg was!" hat etwas mehr als hundert Leute für Mainz mobilisiert. Ihre Stimmung ist hochaggressiv. "Wir wollen wieder frei leben! Wir wollen unser Land zurück!", kreischt eine Frau ins Mikrofon einer Journalistin. Ein Bild von Susanna wird hochgehalten. Darunter steht: "Merkel, deine Politik hat mich ermordet!" Die Teilnehmer kommen aus Frankfurt, aus Bad Kreuznach – kaum einer aus Mainz. Begleitet wird die Kundgebung vom Dauerpfeifkonzert der Gegendemonstranten von Linker Jugend, "Mainz gegen Rechts", und "Refugees welcome".

Ein junges Ehepaar kommt vorbei. Die Frau ist entsetzt von den Anti-Merkel-Sprüchen: "Die machen es sich wirklich einfach", sagt sie. Ihr Mann pflichtet ihr bei: "Wäre das Mädchen von einem deutschen Mann ermordet worden – keiner würde hier stehen." Eine 60-jährige Spaziergängerin sagt: "Das Kind ist noch nicht einmal beerdigt. Pietätlos." Sie hofft, dass Mainz von solchen Veranstaltungen nicht weiter heimgesucht wird. Linke Aktivisten fürchten da anderes. Mainz könnte "das neue Kandel" werden, meinen sie. In der südpfälzischen Kleinstadt kam es seit dem Tötungsdelikt an der 15-jährigen Mia regelmäßig zu rechten Kundgebungen.

In Mainz folgen an diesem Montag weitere Demonstrationen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Stadt Mainz und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau rufen zu einer Trauerkundgebung auf, die rechte Initiative "Kandel ist überall" plant eine Mahnwache vor dem Mainzer Dom. In der Kirche sind kaum noch Opferkerzen zu erwerben. Die Mainzer haben sie für Susanna angezündet. In stillem Gedenken.