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27. Juni 2011 00:02 Uhr

Pflege

Helfen auf Kosten der Heimat

Pflegemigranten schicken ihr verdientes Geld oftmals in ihre Herkunftsländer. Dort aber fehlen sie auch sowohl im Gesundheitssystem als auch in ihren Familien.

  1. Wenn ein Angehöriger rund um die Uhr betreut werden muss, ist eine ausländische Haushaltshilfe für viele Familien die Rettung. Foto: dpa

Der Referent stößt auf offene Ohren. "Die Lösung des Pflegenotstands in Deutschland darf nicht dazu führen, dass die Lage in anderen Ländern noch schlimmer wird", sagt Christoph Klitsch-Ott, Vizechef von Caritas international. Das Hilfswerk des deutschen Caritasverbands hat zusammen mit der Katholischen Hochschule Freiburg zu einem zweitägigen Symposium über Pflegemigration geladen. Rund 70 Sozialwissenschaftler, Pflegedienstleiter und andere Experten aus 18 europäischen Ländern sind in das Tagungszentrum am Freiburger Schlossberg gekommen.

Schnell wird klar: Die sozialen Folgen der Pflegemigration von Ost nach West sind vielfältig. Eine polnische Pflegerin, die in Deutschland arbeitet, lässt ihre eigene Familie in Polen zurück. Damit ihre Kinder versorgt sind, engagiert sie eine Ukrainerin. Die Kette beginnt also beim Pflegebedürftigen in Deutschland, setzt sich über die Familie in Polen fort und endet bei der Familie in der Ukraine. Nach Schätzung der Caritas wachsen bis zu sieben Millionen ukrainische Kinder ganz oder teilweise ohne Eltern auf, weil diese im Ausland arbeiten. Eine neue Form von Straßenkindern.

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Betroffen sind auch ältere Menschen, die allein zurückbleiben. Die Möglichkeit zur Pflege durch Angehörige schwindet. Sind die Auswanderer ausgebildete Alten- oder Krankenpfleger, hinterlassen sie zusätzlich eine Lücke im Gesundheitssystem ihres Heimatlands: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO kamen 2007 auf 100 000 Einwohner in Deutschland durchschnittlich 781,2 Pflegekräfte, in Rumänien aber nur 397,4.

Auf der anderen Seite steht der wirtschaftliche Nutzen für die Länder. Beispiel Moldawien: Die Menschen dort seien gezwungen auszuwandern, weil es zu wenig Arbeit gebe, sagt Cristina Burucenco von der moldawischen Hilfsorganisation Pro Umanitas am Rand der Tagung. Der durchschnittliche Monatslohn beträgt 200 Euro. Migranten schicken aus dem Ausland Geld nach Hause.

Arbeitsmigration ist kein neues Phänomen. Doch anders als bei den Gastarbeitern in den 60er Jahren handelt es sich bei Pflegemigranten mehrheitlich um Frauen. Sie wandern nicht dauerhaft aus, sondern pendeln zwischen zwei Ländern: Sie leben in Polen, Tschechien, Rumänien oder der Slowakei und arbeiten in Deutschland, Österreich, Italien oder der Schweiz. Mit Ausnahme von Österreich sind die wenigsten dort in den offiziellen Arbeitsmarkt integriert. In Italien sind sie immerhin geduldet.

24-Stunden-Pflege für 700 Euro

In Deutschland arbeiten die meisten schwarz in Privathaushalten. "Die legalen Möglichkeiten werden kaum genutzt, denn die häusliche Pflege soll vor allem billig sein", sagt Elke Tießler-Marenda, Migrationsreferentin bei der Caritas. Eine legale Rund-um-die-Uhr-Pflege kostet um die 5000 Euro im Monat. Die Pflegekasse zahlt maximal 1510 Euro für einen Pflegedienst, 685 Euro für Pflege durch Angehörige. Wer nur eine Haushaltshilfe braucht, hat Kosten von 1300 bis 1500 Euro im Monat, schwarz etwa die Hälfte. Vielen Schwarzarbeiterinnen würden Arbeitnehmerrechte wie bezahlter Urlaub verwehrt, kritisiert Tießler-Marenda.

Larisa Dauer vom Bundesverband Europäischer Betreuungs- und Pflegekräfte wehrt sich gegen eine Kriminalisierung der Arbeitgeber. Viele seien mit den Arbeitgeberpflichten schlicht überfordert. Eine zentrale Forderung der Tagungsteilnehmer in Freiburg lautet: Die Politik müsse endlich einen legalen arbeitsrechtlichen Rahmen schaffen.

Eine solche Regelung fehlt bisher auch in der Schweiz, wo 147 000 Pflegebedürftige zu Hause betreut werden, ein Zehntel rund um die Uhr. Wie viele Betreuer schwarz arbeiten, ist nicht bekannt. "Es gibt keine Zahlen", sagt Sarah Schilliger. Die Soziologin von der Uni Basel forscht seit drei Jahren zur Pflegemigration. "Die Schweiz hinkt Deutschland in der Diskussion mindestens zehn Jahre hinterher", sagt sie. Immerhin: Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen hat Mitte Juni eine Konvention zum Schutz von Hausangestellten verabschiedet. Von den 183 Mitgliedsstaaten ratifiziert ist sie noch nicht.

Die Tagungsteilnehmer fordern ein besseres Miteinander in Europa, etwa durch gemeinsame Ausbildungsstandards für Pflegeberufe. Nationale Alleingänge könnten die grenzüberschreitende Fürsorgekrise nicht lösen. Die Arbeitsbedingungen für Migrantinnen müssten verbessert, die sozialen Folgen für die Herkunftsländer abgefedert werden.

Autor: Barbara Schmidt