Hunderte folgen rechtem Aufruf zu Marsch in Köthen

Dörthe Hein, Franziska

Von Dörthe Hein & Franziska

Mo, 10. September 2018

Deutschland

Zwei Gruppen geraten aneinander, ein 22-jähriger Deutscher stirbt, zwei Afghanen werden festgenommen / Hintergründe unklar.

Nach einem Streit zwischen zwei Männergruppen in Köthen in Sachsen-Anhalt ist ein 22 Jahre alter Mann gestorben. Zwei Afghanen im Alter von 18 und 20 Jahren wurden festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Sonntag mitteilten. Bei dem Toten handelte es sich um einen deutschen Staatsbürger. Am Abend beteiligen sich mehrere Hundert Menschen an einem sogenannten Trauermarsch, zu dem rechte Gruppierungen in sozialen Netzwerken aufgerufen hatten. Angesichts der Erfahrungen von Chemnitz hatte sich die Polizei auf Proteste eingestellt und Verstärkung unter anderem aus Niedersachsen und Berlin erhalten.

Nach stillem Beginn wurde die Stimmung unter den Teilnehmern der Demonstration am Sonntagabend aggressiver. "Dies ist ein Tag der Trauer. Aber wir werden die Trauer in Wut verwandeln", sagte ein Redner. "Widerstand", "Auge um Auge", "Zahn um Zahn" und "Wir sind das Volk" erschallte es aus dem Kreis der 2500 Menschen, von denen viele Aufrufen rechter Gruppierungen in sozialen Netzwerken gefolgt waren. Mehrere Teilnehmer betonten, dass sich nicht nur Rechte zu dem Marsch versammelt hätten. Zuvor hatten etwa 200 Menschen gegen rechte Hetze demonstriert. Sie waren dem Aufruf der Linken-Politikerin Henriette Quade gefolgt.

Der 22-Jährige starb nach Angaben der Polizei an akutem Herzversagen. Dieses stehe nicht "im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen", teilte die Polizei mit Blick auf das vorläufige Obduktionsergebnis mit. Gegen den 18 Jahre alten Verdächtigen werde nun wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung ermittelt, gegen den 20-Jährigen wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau wollte am zuständigen Amtsgericht Haftanträge stellen. Zu den Hintergründen des Geschehens in der Stadt, die gut 26 000 Einwohner hat, nannten die Ermittler keine Details und verwiesen auf Befragungen, die andauerten.

Nach Informationen der dpa war es auf einem Spielplatz zu einem Streit zwischen mehreren Männern gekommen. Drei aus Afghanistan stammende Männer sollen zunächst mit einer Frau dort darüber gestritten haben, von wem sie schwanger ist. Dann sollen der 22-jährige Deutsche und ein Begleiter hinzugekommen sein. Gegen den dritten aus Afghanistan stammenden Mann gibt es keinen Verdacht, er wurde nicht festgenommen.

Nach unbestätigten Informationen der Mitteldeutschen Zeitung soll einer der Verdächtigen eine Aufenthaltserlaubnis haben, der zweite hingegen sollte abgeschoben werden. Das wurde der Zeitung zufolge verhindert, weil gegen ihn die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung ermittele.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) warnte davor, diesen Fall zu instrumentalisieren. "Bei aller Emotionalität ist jeder Versuch zurückzuweisen, aus Köthen, wie es im Internet heißt, ein zweites Chemnitz machen zu wollen", sagte er. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht rief zur Besonnenheit auf. Er habe vollstes Verständnis für die Betroffenheit der Bürger, sagte der CDU-Politiker. Der Rechtsstaat werde alle Mittel konsequent einsetzen. Der Landrat des Kreises Anhalt-Bitterfeld, Uwe Schulze (CDU), sagte: "Wir gehen davon aus, dass der deutsche Rechtsstaat Recht walten lässt. Wir wissen aber noch nicht genau, was passiert ist." Die Aufeinanderfolge von Chemnitz und Köthen "ist für uns schlecht", sagte er. Die Bundesregierung müsse sich überlegen, wie sie die Migration insgesamt gestalten wolle.

In Chemnitz war vor zwei Wochen ein Deutscher getötet worden. Zwei junge Männer sitzen in Untersuchungshaft. Sie stammen nach eigenen Angaben aus Syrien und dem Irak. Ein weiterer Verdächtiger wird gesucht. Seitdem gab es in Chemnitz immer wieder fremdenfeindliche, teils aggressive Proteste. Tausende Menschen demonstrieren auch gegen rechte Hetze.