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30. Mai 2016

Bilanz

Ein Katholikentag in einer heidnischen Region

Der Leipziger Katholikentag ist vorbei – deutlich wurde vor allem das Desinteresse einer Stadt, deren Bewohner mit dem Glauben fremdeln

  1. Prayerbox mit Gebetstext, Kreuz und Weihwasser Foto: dpa

Der Mann denkt kurz nach, als er die Frage hört. Jeansjacke, etwa 50 Jahre alt, Leipziger. Namen tun nichts zur Sache, brummelt er. Er steht unweit der Nikolaikirche, um ihn Menschenmassen, die einen schlendern und kaufen ein, die anderen schlendern und sind Katholiken auf Besuch. Die Sonne scheint, es könnte bald gewittern, er denkt immer noch nach. Er kratzt sich am Kinn, dann sagt er: "Glauben? Hmm." Wieder eine kleine Pause. Die Frage ist wohl nicht so einfach. Sie lautet, ob und wenn ja, was er persönlich glaube. Nun weiß er es: "Der Glaube ist eine Sache für sich", sagt der Mann. "Ich glaube, dass ein guter Knochen eine gute Fleischbrühe ergibt." Dann grinst er amüsiert über seine Pointe und stiefelt weiter.

Katholikentag in Leipzig, es ist der hundertste. Jubiläum. Sachsens größte Stadt ist voller Menschen, die grüne Schals tragen, meist guter Dinge sind und mit dem 640-seitigen Programm in der Hand umherwandern. Unzählige Zelte und Pavillons, 1000 Veranstaltungen, 40 000 Gäste, ein Haufen Politprominenz. "Seht, da ist der Mensch", lautet das Motto.

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Treffen mit Schwester Farfalle. Sie ist in Eile. Natürlich heißt sie nicht so. Schwester Farfalle heißt Ute Elisabeth Gabelmann, ist 35 Jahre alt, freie Kommunikationstrainerin, die Lehrlingen beibringt, dass man mit einem Smartphone auch telefonieren kann. Sagt sie. Sie sitzt im Stadtrat, ist Piratin und neuerdings auch Mitglied einer 2005 in den USA gegründeten Kirche, die an ein Fliegendes Spaghettimonster glaubt und am Rande des Kirchentages einen knubbeligen Protest-Moses aufstellte. Klingt wie Wahnsinn. "Wieso nicht ein Spaghettimonster", fragt sie rhetorisch? "Die Katholiken glauben an einen alten Mann mit Rauschebart. Ist das nicht genauso lächerlich?"

Schwester Farfalle wäre es um ein Haar gelungen, den Katholikentag in Leipzig zu torpedieren. Sie hatte eine Initiative gegen die Finanzierung gestartet: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung hatte eine Million Euro städtischen Zuschuss versprochen. Schwester Farfalle sammelte Unterschriften und hätte beinahe einen Bürgerentscheid zustande gebracht: 18 441 Unterschriften hatte sie, 22 500 brauchte sie dafür, aber die Sache versuppte. Hätten die Leipziger abstimmen dürfen, es hätte garantiert kein Geld gegeben, es hätte am besten gleich auch gar kein Katholikentreffen an der Pleiße gegeben. Aber soweit ist es nicht gekommen. "Schade", sagt Schwester Farfalle. "Diesen Wanderzirkus brauchen wir nicht. Wenigstens ist der Papst nicht gekommen und die Merkel." Sie redet sehr schnell, sehr laut und sehr gefühlsgeladen. Glaube? Auch sie muss da überlegen, was das für sie ist. "Ich bin ein Ostkind, ein Heidenkind", sagt sie. "Glaube – das ist", sie überlegt etwas länger, "ja, das ist wie der VfL Bochum. Das geht völlig an mir vorbei".

Knochen, Brühe, VfL Bochum? Leipzig, 521 000 Einwohner, davon 22 000 Katholiken, gleich 4,2 Prozent Anteil an der Stadtbevölkerung, 82 Prozent konfessionslos, zehn Prozent evangelisch. 4,2 Prozent gleich Diaspora gleich bedeutungslos. "Dennoch eine gute Idee", meint Gregor Giele über den Katholikentag in seiner Stadt. Er ist Pfarrer der Leipziger Propsteikirche, 50 Jahre alt, ein Schnelldenker und Schnellsprecher, der unruhig auf seinem Stuhl sitzt, vermutlich, weil das Leben kurz ist und die Zeit drängt. Er ist ein Dresdner, der 2008 nach Leipzig zog. Seine Kirchengemeinde ist uralt, von 1710, aber 40 Jahre lang gab es keine eigene Kirche. Giele hat den Katholikentag mit organisiert. Seine Kirche ist funkelnagelneu, im Mai 2015 geweiht, ein moderner Bau mitten in der Stadt neben dem Neuen Rathaus. Rötlicher Stein, unauffällig und schlicht, doch präsent und unübersehbar. Sankt Trinitatis, aber die Leipziger spotten Sankt Tetris, wegen der Quaderarchitektur. "Wir müssen uns aufmachen, wir können nicht inner circle bleiben", sagt Giele. Deshalb Katholikentag in Leipzig, im "heidnischen Halbmond", wie er sagt, jenem sichelförmigen Landstrich von Schleswig-Holstein durch Ostdeutschland runter ins Böhmische. "Eine derartige Religionslosigkeit wie hier, das ist weltweit schon einmalig."

Katholikentage – wie auch die Kirchentage der evangelischen Christen – waren immer Orte der Selbstvergewisserung. Tage der Einordnung in die Welt drum herum: Wo stehen wir? Was haben wir mitzuteilen? Wer hört uns zu? Was geschieht um uns? Tage auch des Dialogs mit der Politik. Aber selten blieb am Ende so viel Ratlosigkeit, wie jetzt nach dem Leipziger Treffen. Die Kirche kümmert sich um Flüchtlinge, so viel weiß man. Aber für was steht sie bei anderen Themen? Bei vielen Menschen herrscht Staunen und Ratlosigkeit, vor allem über das Desinteresse und das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen, die sich rasant verwandelt. In Leipzig wird diese Stimmung greifbar. Es gab Veranstaltungen mit Innenminister Thomas de Maizière und Sozialministerin Andrea Nahles, da waren ganze Stuhlreihen leer. Kein Interesse. Oder vielleicht Nase voll, weil zu oft im Fernsehen bei irgendwelchen Talkshows gesehen? "Das wird man sorgfältig untersuchen müssen", meinte erschrocken Kardinal Karl Lehmann. Er fürchtet dauerhaft sinkendes Interesse, "ein Stück weit Hoffnungslosigkeit", das Absterben der gewohnten Welt.

"Gott ist tot", schrieb Friedrich Nietzsche, der Pfarrerssohn und Philosoph vor Ewigkeiten und trug sein Teil bei zu einem Nihilismus, der bis weit nach dem Ersten Weltkrieg modern war. Nicht einmal darüber könne man streiten, meint Pfarrer Giele. "Nicht einmal darüber." Mit klassischen Atheisten könne man debattieren und zanken. Aber was er in und um Leipzig erfahre, sei etwas ganz anderes: reines Desinteresse. Ob Leipzig das Wave-Gotik-Treffen melancholisch veranlagter und seltsam verkleideter Menschen erlebe oder die Buchmesse oder eine Motorradshow oder einen Katholikentag – alles wurschtegal. Es gebe keine Auseinandersetzung mit Religion, teilweise nicht einmal mehr die Erinnerung daran. Knochen, Brühe, VfL Bochum. Giele: "Die religiös Desinteressierten, das ist die große Herausforderung." Das Schlimmste daran sei: "Sie kommen offensichtlich gut zurecht ohne Gott, sie vermissen gar nichts, halten sich für die Normalen." Man wusste ungefähr, wohin man mit der Veranstaltung ging. Ein Großteil des Programms des Katholikentags widmete sich der Überschrift "Leben mit und ohne Gott." Aber auch dort leere Stuhlreihen. Wie mit Leuten reden, die das für gar nicht nötig halten? Desinteresse – das ist die erschütternde Entdeckung der Leipziger Katholikentage und dazu das sich daran anschließende Gefühl, bedeutungslos zu werden, auf einer Rutsche angekommen zu sein, von der man nicht mehr heil runterkommt.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), ein Mann, der betet und aus einer protestantischen Familie stammt, saß in einer dieser Diskussionsrunden und betrieb Ursachenforschung. Natürlich, die DDR und ihr Umgang mit dem christlichen Glauben. "Es gab eine sehr totalitäre Art, Menschen den Glauben auszutreiben", meinte Ramelow. Natürlich sei dieses SED-Erbe Teil seiner Linkspartei, "und damit setze ich mich auseinander".

Aber Polen hat den Kommunismus auch als stark katholisches Land überstanden, meint Pfarrer Giele. In Russland wachse die orthodoxe Kirche. Und in Leipzig, in Ostdeutschland insgesamt? Er weiß es auch nicht. Ein anderes Thema liegt Giele auf der Seele. Es ist da, die ganzen Tage über, es schwebt über allem, es beschäftigt die Katholiken, die Politik, die Medien. Es nervt. Die AfD. Nicht eingeladen und doch an jedem Tisch. Die Verantwortlichen wollten ihr keine Bühne bieten. "Nicht einfach nur schrille Stimmen aufeinanderprallen lassen", meinte Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Aber das funktioniert nicht. Ständig muss irgendwer begründen, warum die AfD nicht dabei ist, dann kommt Julia Klöckner, CDU Rheinland-Pfalz und ZdK-Mitglied und meint, man solle sich mit der AfD auseinandersetzen, damit sie keinen "Märtyrerstatus" erhalte. Und Ramelow kommt und meint, die Wahlergebnisse seien "Alarmzeichen" und man müsse sich stärker mit der AfD auseinandersetzen. Und zwischendrin twittert die AfD Boshaftigkeiten zurück. Marcus Pretzell, der Freund der Vorsitzenden Frauke Petry, beschimpft Kirchen als "Asylindustrieverband", der Geschäfte mache mit dem Flüchtlingselend. So geht es hin und her auf dem Katholikentag. Und dann kommt der Berliner Bischof Heiner Koch und meint, ein Katholikentag sei doch kein Parteitag. Schließlich noch Bundespräsident Joachim Gauck, der alle ermahnt, nicht in Hysterie zu verfallen, worauf Frauke Petry allen spitzbübisch androht, bei der Bundestagswahl 2017 werde Deutschland ein blaues Wunder erleben.

Die AfD einladen? "Das wäre nicht richtig gewesen", sagt Pfarrer Giele. "Wozu denen noch eine Bühne geben?" Sie ist sowieso da. Aber es gebe etwas unter und hinter all dem, eine Unzufriedenheit, eine Wut, ein tiefer Zorn, der seit langem gäre und sich nun Luft verschaffe. In Dresden Pegida, in Leipzig das kleinere Legida, insgesamt die AfD. Eine Bewegung, die viele erfasst habe und wie ein befreiendes Ventil wirke. "Es hat sich so viel angesammelt hier", sagt er und meint Ostdeutschland, die Jahre nach der Wende. Technisch ist der Aufbau Ost gelungen, seelisch geht offensichtlich gerade das große Reinemachen los: "So viele Menschen, die ermüdet sind von den Anstrengungen des modernen Lebens." Menschen, die es leid seien, immer und immer wählen und entscheiden zu müssen, die ihre Ruhe wollten, die sich überfordert fühlten. "Und das macht sich nun Luft unter allerlei Etiketten." Kirche müsse Position beziehen, sagt er weiter. Gegen Rassismus, gegen die Fremdenfeindlichkeit, "bis hierher und nicht weiter". Aber was aus all dem noch werde? Aus dieser Gemengelage? "Ich weiß es doch auch nicht", sagt Giele.

Sonntagmittag auf dem Augustusplatz. Abschlussgottesdienst, blauer Himmel, 15 000 bis 20 000 sind gekommen. Weniger als erhofft, aber immerhin. Mehrere Bischöfe, zahlreiche Musiker und Sänger, der weltberühmte Thomanerchor. Kardinal Reinhard Marx spricht. Er ermutigt Katholiken und Christen, sich in die Politik einzumischen. "Wir wollen als Kirche nicht den Staat ersetzen", sagt er. Es gelte, die Prinzipien des Evangeliums in die Gesellschaft hineinzutragen, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und nach Lösungen im Sinne der Menschen zu suchen. Christen müssten deutlich machen, dass an bestimmten Prinzipien nicht zu rütteln sei. "Wenn jemand an unsere Grenze kommt, dann muss er menschlich behandelt werden." Frauke Petry antwortet erst mal nichts. Kleine Atempause im tagelangen Twittergewitter. Sie muss eine paar Dinge zurechtrücken. Ihr Kollege Alexander Gauland soll den Fußballer Jérôme Boateng beleidigt haben, was nicht besonders schlau war, so kurz vor der EM, dem wahrscheinlich größten Glaubensfest überhaupt.

Autor: Bernhard Honnigfort