Studie

Jeder dritte Bundesbürger wurde in der Kindheit mißhandelt

dpa

Von dpa

Sa, 18. März 2017 um 00:01 Uhr

Deutschland

Gewalterfahrungen und sexueller Missbrauch in der Kindheit sind weit verbreitet. Eine Umfrage unter Bundesbürgern zeigt, dass sich die Zahlen auf einem hohen Niveau bewegen.

Forscher der Universität Ulm haben die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter rund 2500 Bundesbürgern von 14 bis 94 Jahren vorgestellt: Danach gab knapp ein Drittel (30,8 Prozent) der Befragten an, in der Kindheit Opfer von Gewalt geworden zu sein. Und fast jeder siebte Bundesbürger (13,9 Prozent) hat als Kind sexuellen Missbrauch erfahren.

Bei einer vergleichbaren Studie, die 2010 gemacht und ein Jahr später veröffentlicht wurde, gaben 12,6 Prozent der Befragten sexuelle Übergriffe an, berichtete Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm. "Es gibt also keine Entwarnung und keinen Rückgang. Die Zahlen bewegen sich weiter auf hohem Niveau." Der Wert für andere Gewalterfahrungen in der Kindheit lag vor sechs Jahren bei 35,5 Prozent.

"Bei allen Misshandlungsformen ist die Familie der zentrale Ort, an dem dieses Leid geschieht. Oft wird das noch gemehrt durch Übergriffe in Institutionen, in denen Kinder zum Schutz oder in ihrer Freizeit sein sollten", ergänzte Fegert. Nach dem jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation habe Deutschland beim Blick auf Misshandlungen und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Europa aber keine Sonderstellung. "Die Häufigkeitswerte liegen im Durchschnitt."

Sexueller Missbrauch:
Fast jede fünfte befragte Frau (18 Prozent) und fast jeder zehnte befragte Mann (9,3 Prozent) gab bei den Interviews Übergriffe an. Von schweren bis extremen Handlungen berichteten 11,3 Prozent der Frauen und 3 bis 4 Prozent der Männer. Insgesamt sprechen rund 3 Prozent mehr Frauen als 2010 über Missbrauchserfahrungen. Bei den Männern blieb der Wert fast gleich. "Über die Gründe kann man nur spekulieren. Entweder hat sich die Offenheit beider Geschlechter, darüber zu reden, unterschiedlich entwickelt. Oder es gab zahlenmäßig noch einmal mehr Übergriffe auf Frauen", sagt Studienautor Jörg Fegert.

Körperliche Misshandlung:
Rund jeder sechste Befragte (12,3 Prozent) gab an, als Kind Schläge, Stockhiebe oder andere schmerzhafte Prügelstrafen bekommen zu haben. Die Zahl ist damit seit 2010 (12,1 Prozent) fast gleich geblieben. "Bei körperlichen Misshandlungen sehen wir aber vor allem in den jüngsten Altersgruppen einen Rückgang", sagt Fegert. "Das hat wohl mit dem allmählichen Sterben des väterlichen Züchtigungsrechts zu tun", mutmaßt er. Dieser positive Trend habe in den 1980er Jahren begonnen. Doch erst im Jahr 2000 habe gewaltfreie Erziehung Eingang ins Grundgesetz gefunden. "Das zeigt, wie lang das braucht, bis sich Präventionseffekte zeigen", ergänzt Fegert.

Emotionale Misshandlung:
Dazu gehören zum Beispiel das Mobben, Ignorieren oder Isolieren eines Kindes – bis hin zum Abstempeln als Sündenbock. Es ist der einzige Bereich, in dem die Zahlen seit 2010 signifikant gestiegen sind – von 15 auf 18,6 Prozent. "Heute wissen wir, dass das bei der Weiterentwicklung der Psyche gleich schlimme Auswirkung hat wie körperliche Misshandlung", sagt Experte Fegert. Er vermutet, dass die Zahlen steigen, weil der Fokus mehr auf dieser stillen Tortur liegt – und das Bewusstsein für die Folgen steigt.

Körperliche Vernachlässigung:
Daran erinnern sich mit fast 42 Prozent die meisten Befragten. Es sind aber deutlich weniger als noch 2010, als noch fast die Hälfte der Interviewten (48,5 Prozent) zustimmte. "Die gute Botschaft ist, dass Vernachlässigung, zum Beispiel bei Ernährung, Körperpflege, Kleidung und Gesundheitsvorsorge stark zurückgegangen ist", sagt Fegert. Das liege vor allem daran, dass die Altersgruppe, die die Not im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit unmittelbar erlebte, kleiner werde.

Spätfolgen:
Bei Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung durchlitten, ist ein höheres Risiko für psychische Folgen wie Depressionen und Suizidgedanken belegt. Befragte, die Gewalterfahrungen angaben, hatten auch deutlich häufiger Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und chronische Schmerzprobleme, berichtet Markus Huber-Lang, Chirurg am Zentrum für Traumaforschung der Uni Ulm. "Bei Kindheitstraumata kommt es auch zu einer Steigerung von allgemeinen Volkskrankheiten. Wir wissen aber noch nichts Genaues über die Mechanismen", ergänzt Jörg Fegert.

Für die Umfrage setzen die Forscher im November 2016 einen weltweit gängigen standardisierten Fragebogen zur Erfassung traumatischer Erlebnisse in der Kindheit ein (Childhood Trauma Questionnaire oder CTQ). Die 28 Aussagen, denen die Befragten auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 5 (sehr häufig) zustimmen sollten, lauten unter anderem: "Während meiner Kindheit und Jugend hatte ich das Gefühl, dass mich jemand in meiner Familie hasst", "Während meiner Kindheit und Jugend wurde ich von jemanden aus meiner Familie so stark geschlagen, dass ich zum Arzt oder ins Krankenhaus musste", "Während meiner Kindheit und Jugend drängte mich jemand, bei sexuellen Handlungen mitzumachen oder bei sexuellen Handlungen zuzusehen".