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17. November 2011
"Pflege muss uns soviel wert sein wie Kindererziehung"
BZ-INTERVIEW mit Ulrike Mascher vom Sozialverband VdK über die Pflegereform, die Situation Angehöriger und den Pflegebegriff.
Keine Reform, höchstens ein Reförmchen: Von Seiten der Opposition sowie der Sozial- und Wohlfahrtsverbände kommt viel Kritik an der Pflegereform. Warum? Michael Neubauer sprach darüber mit der Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher.
BZ: Frau Mascher, es gibt doch sicher einen Aspekt bei der Pflegereform, für den Sie ein wenig Lob übrig haben?Mascher: Schwierig. Das Problem ist, dass ich das Kleingedruckte von Gesundheitsminister Daniel Bahr nicht kenne. Ich finde es ja gut, dass die Situation der Demenzkranken zukünftig verbessert werden soll. Aber auch nach dem Auftritt von Herrn Bahr am Mittwoch bleiben die Pläne der Regierung ungenau. Ich finde es ja prima, wenn Reha-Maßnahmen gestärkt werden sollen, um Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder hinauszuzögern. Aber ich würde gerne wissen: Wie soll das geschehen und in welchem finanziellen Umfang? Bahrs Eckpunkte der Reform sind weiterhin nur Überschriften. Das ausgerufene Jahr der Pflege ist im November angekommen – und die Reform ist Stückwerk. Spätestens nach der nächsten Bundestagswahl 2013 muss man die Reform erneut anpacken.
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BZ: Die Regierung will aber doch zum Beispiel die Pflegeversicherung ergänzen mit privaten, staatlich geförderten Zusatzpolicen nach dem Vorbild der Riesterrente. Ist das nicht eine Möglichkeit, dass mehr Menschen im Alter sich Hilfe leisten können?
Mascher: Ich halte diese private freiwillige Zusatzversicherung für überhaupt nicht sinnvoll. Damit Ihnen im Pflegefall wirklich geholfen wird, müssen Sie eine Menge Geld in dieser kapitalgedeckten Pflegeversicherung ansparen. Da frage ich mich: Wer kann sich das leisten? Die Menschen müssen heute ja schon eine zusätzliche Altersvorsorge leisten. Und gerade die Menschen, die zusätzliche Leistungen dringend nötig hätten wie etwa Geringverdiener, chronisch Kranke, behinderte und ältere Menschen, werden eine solche Versicherung nicht abschließen können. Sie können sich diese finanziell nicht leisten – oder die private Pflegeversicherung wird sie wegen ihres erhöhten Pflegerisikos erst gar nicht aufnehmen.
BZ: Die Reform wird vorerst nicht einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff umfassen.
Mascher: Auch das finde ich ärgerlich. Seit 2009 haben wir eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung vorliegen mit Vorschlägen, wie der Bedürftigkeitsbegriff erweitert werden kann, damit neben körperlichen auch seelisch-geistige Beeinträchtigungen berücksichtigt und somit Demenzkranke miteinbezogen werden – weg also von der entwürdigenden Minutenpflege. Schwarz-Gelb hätte seit 2009 Zeit gehabt, das umzusetzen. Jetzt soll erneut ein Beirat eingesetzt werden, um den Begriff zu überprüfen. Da frage ich mich: Wie viel Zeit will diese Regierung noch vertun? Die Politiker müssten endlich kapieren: Wenn wir über Pflegebedürftigkeit reden, sprechen wir nicht nur über unsere Eltern, sondern eventuell auch über uns selbst.
BZ: Was müsste getan werden, dass die Situation pflegender Angehöriger verbessert wird?
Mascher: Häufig ist es ja so, dass pflegende Angehörige selbst schon älter sind und so lange ihre Bedürftigen pflegen, bis sie gesundheitlich nicht mehr können. Da müsste eine Menge geschehen: Mehr Beratung, Prävention und Unterstützung, damit sie sich nicht völlig verausgaben. Was wir dringend brauchen, ist eine bessere rentenrechtliche Absicherung von pflegenden Angehörigen, um vor allem pflegende Frauen vor Altersarmut zu schützen. Nötig ist auch eine Lohnersatzleistung vergleichbar mit dem Elterngeld. Die Pflege von alten Menschen muss uns so viel wert sein wie Kindererziehung.
Autor: mic
