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23. Juli 2014 00:00 Uhr

Interview

Verfassungsklage für würdige Pflege – was sagt ein Experte?

"Die meisten Heime arbeiten ordentlich", sagt Klaus Wingenfeld vom Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Bielefeld. Ein Interview über die Verfassungsklage für würdige Pflege.

  1. Eine Pflegerin begleitet eine Frau mit Rollator. Foto: DPA

  2. Klaus Wingenfeld Foto: PRIVAT

BERLIN. Die große Mehrheit der Bewohner von Pflegeheimen wird aus Sicht von Klaus Wingenfeld zufriedenstellend versorgt. Die Verfassungsklage des Vdk auf eine würdige Pflege habe mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Mit Wingenfeld, der das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld leitet, sprach Bernhard Walker.

BZ: Der Sozialverband Vdk will mit einer Klage beim Bundesverfassungsgericht eine menschenwürdige Pflege in Deutschland durchsetzen. Wie beurteilen Sie diese Absicht?

Wingenfeld: Sich für eine gute Pflege einzusetzen ist natürlich ehrenwert. Aber ich habe mir das Gutachten angeschaut, auf das sich die Klage stützt. Dort wird der Eindruck erweckt, als sei die Versorgung von Heimbewohnern in Deutschland eine einzige Katastrophe. Das hat auch viel Echo in den Medien gefunden. Nur sieht die Wirklichkeit in den Pflegeheimen doch etwas anders aus.

BZ: Viele Pflegebedürftige seien Opfer von menschenunwürdigen und untragbaren Zuständen, heißt es zum Beispiel in dem Gutachten. Ist diese Aussage falsch? Immerhin stützt sie sich auf den Bericht des Medizinischen Diensts über Qualitätskontrollen in den Heimen.

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Wingenfeld: In diesem Qualitätsbericht steht nichts, was diese extrem negativen Aussagen rechtfertigen könnte. Dort ist im Gegenteil nachzulesen, dass die große Mehrheit der Heimbewohner zufriedenstellend versorgt wird. Für Außenstehende ist es allerdings schwer, solche Berichte richtig zu interpretieren. Da gibt es oft Missverständnisse.

BZ: Wie sehen die aus?

Wingenfeld: Es gibt verschiedene Arten von Qualitätsmängeln, über die in den Berichten informiert wird. Dazu gehört beispielsweise auch eine lückenhafte Dokumentation. Die Pflegenden müssen sehr viel aufschreiben – welche Maßnahmen sie durchführen, wie sich der Zustand des Bewohners verändert, welche Hilfsmittel eingesetzt werden sollen und so weiter. Sind die Aufzeichnungen unvollständig, wird das als Qualitätsmangel bewertet. Das heißt aber nicht, dass die Bewohner vernachlässigt werden oder dass ihre Gesundheit gefährdet ist. Leider wird das in der Berichterstattung häufig nicht auseinandergehalten. So entstehen dann Schlagzeilen über angeblich massenhaft grauenhafte Zustände in der Pflege. Auch das Gutachten, von dem wir eingangs sprachen, übersieht diesen Unterschied. Und stützt sich zudem auf die genannten Medienberichte, was als Quelle in einer wissenschaftlichen Arbeit schon kurios ist. Ich bin gespannt, was das Verfassungsgericht davon hält, dass jemand so massive Kritik leistet, ohne dies mit harten Fakten belegen zu können.

BZ: Aber wie gut oder schlecht ist die Pflege denn wirklich? Haben wir gar keine nennenswerten Qualitätsprobleme in den Pflegeheimen?

Wingenfeld: Das wäre schön, aber so sieht die Realität nun auch wieder nicht aus. Der größte Teil der Einrichtungen arbeitet – sagen wir mal ordentlich. Einige Heime stechen positiv heraus, sie machen eine sehr gute Arbeit und investieren viel Zeit und Mühe, um eine herausragende Qualität sicherzustellen. Und dann gibt es noch eine Gruppe Heime, in denen wir erhebliche Qualitätsprobleme feststellen können, aber das ist eine kleine Minderheit.

BZ: Woran kann man ein gutes Heim erkennen?

Wingenfeld: Das ist für Außenstehende nicht so einfach. Ein Teil der Häuser bietet Probewohnen an, das kann man nutzen. Ansonsten ist es wichtig, sich über den eigenen Bedarf und die eigenen Erwartungen klar zu sein. Braucht jemand zum Beispiel eine spezielle Versorgung, für die speziell fortgebildete Mitarbeiter benötigt werden? Die Räumlichkeiten würde ich mir auch immer ansehen. Und gezielt Fragen stellen: Was tut die Einrichtung für die Zusammenarbeit mit den Angehörigen? Für die Zusammenarbeit mit Ärzten und Krankenhäusern? Was tut die Einrichtung für die Qualitätssicherung, und wie informiert sie die Bewohner und die Angehörigen darüber? Das kostet Zeit und Arbeit, aber die sollte man unbedingt investieren. Nur nicht den Fehler machen und bei der Suche nach einem Heim ausschließlich nach dem Preis schauen. Und es ist immer empfehlenswert, sich mehrere Heime anzuschauen, denn ein Vergleich hilft sehr bei der Beurteilung.

BZ: Sie sagten, dass es bei der Qualität beachtliche Unterschiede gebe. Wie kommen die zustande?

Wingenfeld: Teilweise hat es etwas damit zu tun, wie viele Mitarbeiter vorhanden sind und wie gut sie ausgebildet sind, teilweise aber auch damit, wie eine Einrichtung ihren Auftrag versteht, Qualität zu sichern. Heute ist es ja so, dass dank der gut ausgebauten ambulanten Pflege viele Menschen ins Heim kommen, wenn sie schon hochbetagt sind. Viele sind schwer krank und leiden an einer Demenz. Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, diese Menschen so zu unterstützen, dass ihre Gesundheitsprobleme in Grenzen bleiben, dass die noch vorhandenen Fähigkeiten erhalten bleiben und dass der Lebensalltag ihren Bedürfnissen entspricht. Die Einrichtungen und ihre Mitarbeiter haben also hohe fachliche Anforderungen zu bewältigen. Sie müssen außerdem permanent aufmerksam sein, um auf gesundheitliche Krisen oder andere Problemsituationen sofort reagieren zu können. Das gelingt im Alltag leider nicht immer gut.

BZ: Müssen wir in der Öffentlichkeit nicht gerade deshalb hellhörig sein? Was im Alltag nicht immer gut gelingt, ist ja ein Versorgungsproblem.

Wingenfeld: Auf jeden Fall – aber wir lösen die Probleme nicht dadurch, dass einzelne Pflegeskandale aufgebauscht werden. Dann erreicht man eher das Gegenteil. Denn gut qualifizierte Fachkräfte wollen nicht in einem Bereich arbeiten, in dem sie permanent unter Verdacht stehen, schlecht zu pflegen oder ihre Aufgaben zu vernachlässigen. Sie wandern ab in andere Pflegebereiche. Und das ist fatal: Gerade dort, wo wir dringend Fachlichkeit brauchen, vergraulen wir diejenigen, die die Fachlichkeit gewährleisten können. Außerdem schafft man eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit bei den pflegebedürftigen Menschen. Wir brauchen in der Gesellschaft mehr Bereitschaft, uns nüchtern mit der Lebenswirklichkeit in den Heimen auseinanderzusetzen, mit ihren positiven wie negativen Seiten, mit Licht und Schatten. Aber bitte nicht auf der Ebene von realitätsfernen Übertreibungen und skandalisierenden Überschriften.

Klaus Wingenfeld (Jahrgang 1960) ist Geschäftsführer des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld. Er war maßgeblich an der Entwicklung des neuen Begutachtungsverfahrens für die Pflegeversicherung beteiligt, das in den nächsten Jahren eingeführt werden soll.

Autor: bwa