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16. Juni 2012 00:01 Uhr

Wandel

Deutschland muss Getreide importieren

Erstmals seit 25 Jahren war Deutschland 2011 von Getreideeinfuhren abhängig. Die Gründe: Eine schlechte Ernte, Biokraftstoffe – und der wachsende Appetit der Chinesen und Inder auf Fleisch.

  1. Getreide: ein weltweit gehandeltes Gut. Foto: Siegfried Gollrad

Getreide ist schon seit langem ein weltweit gehandeltes Gut. Die Bundesrepublik führt Weizen, Roggen, Gerste und Mais aus dem Ausland ein und verkauft dafür im Gegenzug die eigene Ware in anderen Ländern. Bislang überstiegen die Exporte die Importe: Die deutschen Landwirte produzierten in den vergangenen Jahrzehnten weit mehr, als die Bevölkerung hierzulande benötigte. "Deutschland war immer ein großer Exporteur", sagt Wienke von Schenck von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn.

Nun hat sich das Bild gewandelt. 2011 konnte Deutschland seinen eigenen Bedarf erstmalig nicht decken. Rund 44 Millionen Tonnen Getreide wären dazu nötig gewesen, geerntet haben die deutschen Bauern jedoch nur 41,5 Millionen Tonnen. Damit lagen die Erträge um 7,7 Prozent unter dem zehnjährigen Mittel.

Dass die Erntemengen schwanken, ist normal. Seit einigen Jahren hat sich jedoch für Getreide ein weiterer Absatzmarkt entwickelt – der stetig weiter wächst. Statt Weizen, Gerste oder Roggen bauen die Landwirte mehr Mais oder Raps an, die als Energiepflanzen in Biogasanlagen landen.

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Die Stromerzeugung aus Biogas hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht. Ende 2011 waren in Deutschland gut 7000 Biogaslangen in Betrieb, sie erzeugten rund drei Prozent des in der Bundesrepublik verbrauchten Stroms. Allein von 2010 bis 2011 erhöhte sich die Anbaufläche für Silomais deutschlandweit um zehn Prozent, insgesamt wurden im vergangenen Jahr auf 2,2 Millionen Hektar Energie- und Industriepflanzen angebaut.

Schlechtes Wetter hat Ernteerträge gedrückt

Ein größerer Teil der Pflanzen wandert außerdem in den Autotank: Mehr als sechs Prozent der Ernte werden inzwischen für den Biokraftstoff E10 verbraucht. Für die Landwirte lohnt sich das Geschäft. Für sie ist der Anbau von Energiepflanzen lukrativ – auch wenn sich die Situation wieder etwas relativiert habe, wie Richard Bruskowski erklärt, der Pressesprecher des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV). Die Preise für Futtergetreide seien wieder höher als noch vor einigen Jahren, damit rechne sich der Anbau wieder mehr.

Schuld an der geringeren Ernte war auch das Wetter: Im Frühjahr 2011 gab es eine sehr lange Trockenperiode, der im Juni einsetzende Regen kam für viele Kulturen zu spät. "In einigen Bundesländern lagen die Erträge um 20 Prozent unter dem Vorjahr", sagt Markus Jox, Sprecher des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Stuttgart.

Auch in diesem Jahr sieht es bislang nicht gut aus. Der starke Frost im Winter hat zu "Auswinterungsschäden" geführt: Winterweizen und Wintergerste überlebten vielerorts nicht, die Landwirte mussten stattdessen auf den Feldern Sommerkulturen säen. "Diese bringen deutlich niedrigere Erträge", sagt Reinhold Vetter, der beim Regierungspräsidium Freiburg das Referat Pflanzliche und tierische Erzeugung leitet. Der Deutsche Raiffeisenverband rechnet auch 2012 mit einer ähnlich niedrigen Ernte wie 2011.

Der Getreidebedarf nimmt zu

Weltweit befindet sich die Getreideproduktion auf einem Rekordniveau. Bereits 2011 wurde mit 1,84 Milliarden Tonnen so viel produziert wie noch nie zuvor. Für die kommende Erntesaison wird sogar ein Ertrag von 1,91 Milliarden Tonnen prognostiziert.

Trotzdem kann die Weltbevölkerung kaum ernährt werden. Auch der Bedarf steigt rasant, es kommen weltweit pro Tag 150 000 neue Menschen hinzu. Außerdem ändern sich die Ernährungsgewohnheiten. Auch in Schwellenländern wie China oder Indien wollen die Menschen mittlerweile statt Hirse lieber mal ein Stück Fleisch essen. Dafür wird mehr Futtergetreide benötigt. Und durch den weltweiten Handel hat dies wieder Auswirkungen auf den deutschen Markt.

Autor: Jelka Louisa Beule