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11. Februar 2010

Die Faszination des Fremden

Andreas Kirchgäßner und Thomas Gundermann mit ihrer Geschichte von einer Reise auf die Djemaa el Fna im Georg-Scholz-Haus.

  1. Andreas Kirchgäßner und Thomas Gundermann boten im Georg-Scholz-Haus eine Mischung aus Hörspiel und Konzert. Foto: Frank Berno Timm

WALDKIRCH. Das war der eigentliche Reiz: die Begegnung mit einer weithin fremden Kultur. Andreas Kirchgäßner und der Musiker Thomas Gundermann zeigten am Samstagabend mit einer Mischung aus Reportage, Hörspiel und Konzert, wie spannend es sein kann, eine völlig andere Welt auf sich wirken zu lassen. Marrakesch und seine Djemaa el Fna, der Platz der Geköpften, standen im Mittelpunkt dieses ausgezeichnet besuchten Abends im Georg-Scholz-Haus.

Was Kirchgäßner und Gundermann anbieten, geht über eine Reisereportage im Wochenendmagazin einer Tageszeitung gewiss hinaus. Man spürt den beiden die Spannung ab, die entsteht, wenn sie sich den Aissaoua-Männern, die auf dem riesigen Platz mit ihren Schlangen hantieren, nähern. Sie suchen nach dem, was sich abseits von bezahlter Inszenierung auf diesem Marktplatz abspielt. "Wir alle befinden uns im Strudel dieses Platzes", weiß Kirchgäßner. Marrakesch sei "die orientalische Stadt schlechthin", beobachtet er, der Platz der Geköpften schäume den ganzen Tag und die halbe Nacht; nur, wenn der Muezzin zum Gebet rufe, herrsche Stille.

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Die beiden Reisenden finden eine Möglichkeit, Kontakt zu den Aissaoua zu finden, die hier mit ihren gefährlichen Schlangen hantieren: Durch Musik. Thomas Gundermann hat seine altdeutsche Sackpfeife mitgebracht und liefert sich ein "Wettspiel" mit der einheimischen Schallmei. Das bekommen die Waldkircher Besucher nicht nur aus dem Off zu hören, sondern live: Gundermann, orientalisch gewandet, schultert ein ums andere Mal seine Sackpfeife und improvisiert: Auf dem Bordun aus einer Oktave und einer Quinte lässt er durchaus sehnsüchtige, zuweilen durchaus durchdringende Töne hören. Orientalisch in der Anmutung, mit viel Bewegung, eigentlich fast Tanz. So kommt die Sackpfeife, die laut Gundermann hierzulande mal Volksinstrument Nummer 1 war, zu neuen Ehren. Abbas, der Chef der Truppe, ist ein Mittelpunkt des Kirchgäßner-Features. Ohne Angst hantiert er mit den Schlangen – wenn eine beißt, wird die Wunde kurzerhand mit einer Rasierklinge aufgeschnitten und ausgesaugt – nicht nur eine Narbe ist davon geblieben. Abbas lädt die beiden Deutschen zu sich nach Hause ein: In waghalsigem Tempo, die Schlangenkiste auf den Gepäckträger seines Mopeds geschnallt, fährt er dem Taxi der beiden voraus. In einem halbfertigen, schon wieder verfallenden Wohnviertel finden sich Gundermann und Kirchgäßner mit ihrem Gastgeber an einem Stand mit Spießen und Tee ein. Eine Runde alter Männer kommt dazu, die Pfeife wird immer neu mit Kiff gefüllt und zieht ihre Kreise. Abbas bittet die beiden in seine Wohnung – eine Überraschung mehr: Perfekt eingerichtet, im Fernseher läuft Brahms, die Männer spielen ungerührt Flöte darüber. "Jetzt", erzählt Kirchgäßner über die Szene, "sprechen die Instrumente dieselbe Sprache" – es geht in eine Flöten-Improvisation Gundermanns über.

Die Gesellschaft zieht auf eine nahe Hochzeit um. Nicht nur die Art, wie Kirchgäßner die Abgekämpftheit der dortigen Gäste schildert, lässt schnell Bilder im Kopf entstehen. Der Bräutigam nimmt schließlich das gemietete Hochzeitsauto und fährt die Truppe zurück in die Stadt, wo die Reise auf dem Platz endet, an dem sie begonnen hat: Die letzten Bettler und Saftpresser sind hier noch immer unterwegs. Man umarmt sich zum Abschied, man werde sich wiedersehen, "Inschallah!", so Gott will.

Der mit viel Beifall bedachte Abend ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut es sein kann, durch den Blick ins scheinbar Fremde das Eigene neu zu sehen. Werte, Auffassungen verschieben sich, vielleicht stellt sich auch die Frage, was ein Mensch verstehen kann, ganz neu. Wirklich angenehm ist, der Neugier Kirchgäßners nachzuspüren, seinem Spaß am Beobachteten – immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht, wenn er seine Originaltöne einspielt. Da tritt das Provisorische des großen Erdgeschossraums im Georg-Scholz-Haus nicht nur in den Hintergrund, sondern wirkt fast schon unterstützend.

Autor: fbt