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07. August 2012

Amateur-Journalisten in Syrien

Die Handykrieger

Amateur-Journalisten riskieren in Syrien ihr Leben, um die Welt über die Gräuel im Land zu informieren – gejagt von Assads Schergen flüchten viele nach Paris.

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  4. Video: Syrische Rebellen richten offenbar Regime-Milizionäre hin Foto: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland

Das Bild ist verwackelt, denn das Auge der Kamera ist nicht größer als eine Linse. Von außen kaum erkennbar sitzt sie wie ein Knopf auf einem Kugelschreiber, der aus der Hosentasche von Azaad al-Asra herausragt. Vor dem Gerät nur Beine und Pobacken, die in Jeans stecken oder Röcken. Plötzlich ein Schuss. Menschen fallen übereinander. Das winzige Auge der Kamera dreht sich nach rechts. Es sieht den blutüberströmten Körper von Michel, Azaar al-Asras Freund, der zu Boden fällt. Im Bauch klafft ein Loch. Blut spritzt aus der aufgerissenen Wunde wie eine Fontäne.

Männer kommen herbei, ziehen Michel aus dem Tumult. Sie murmeln die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis. Die Letzte Ölung der Muslime. Eine Stimme schreit: "Freunde, er ist Christ." Es ist Azaars al-Asras Stimme, der jetzt selbst mit anpackt, um Michel aus der Gefechtszone zu schleppen. Sie war noch eben Schauplatz einer friedlichen Demonstration. Die Kamera filmt ein blutverschmiertes Bein von Michel, sie befindet sich auf der Höhe von seinem Oberschenkel. Der Stoff ist fettig und violett vom Blut. Das Mikro hält die Rufe der Demonstranten fest. "Sie haben auf einen Christen geschossen. Lang lebe der christliche Bruder!"

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Michel hat all das überlebt wie durch ein Wunder, sagt Azaar al-Asra. In einer Untergrundklinik wurde er wieder zusammengeflickt. Syrische Ärzte betreiben sie überall im Land in Garküchen oder Garagen, bis sie irgendwann mal auffliegen. Azaars Finger scrollt über das Mauspad von Video zu Video. Auch am Notebook ist der Krieg nicht spurlos vorübergegangen. Das Gerät ist überzogen mit Schrammen und Beulen.

Azaar befindet sich inzwischen ebenfalls in Sicherheit. Mit dem Journalisten trifft er sich in einem Bistro an der Place Parvis Notre Dame – direkt vis-à-vis der stolzen Pariser Kathedrale. Um ihn herum sitzen die Touristen, die müde sind von der Hitze und ihren Apfelwein, ihren Cidre, trinken. Azaar trinkt nichts, obwohl er gern ein Bier hätte. "Heute mache ich Ramadan mit, ich habe es meiner Mutter zu Hause über Skype versprochen."

Seit April ist der Syrer in Paris. Die Freie Syrische Armee brachte ihn über die Grenze nach Jordanien. Von Amman flog er nach Frankreich. Es ist das einzige Land in Europa, das Syrern noch Visa ausstellt. Hier gibt es Hilfe für Bürgerjournalisten wie ihn. So nennen sich die Männer und Frauen, die nie für eins der zensierten Medien des Regimes gearbeitet haben. Erst im Aufstand haben sie begonnen, selbst mit ihren Handys zu filmen, was das Staatsfernsehen oder die Parteizeitungen nicht veröffentlichen wollten. Schüsse auf unbewaffnete Demonstranten, das Blut in den fliegenden Feldlazaretten der Untergrundkliniken. Oder die von der Folter verwüsteten Körper derjenigen, die das Gefängnis- und Lagersystem des Regimes wieder ausgespuckt hat. Sie stellen sie ins Internet. In der Hoffnung, dass die Menschen im Ausland die Youtube-Videos anklicken.

In Paris ist das Hauptquartier der "Reporter ohne Grenzen". Französische Journalisten haben sie 1985 gegründet, um weltweit gegen Zensur zu kämpfen und verfolgten Journalisten zu helfen. In Syrien hatte die Organisation schon immer viel zu tun. Pressefreiheit war dort immer ein Fremdwort. Seitdem das Regime in Damaskus aber wie wild um sich schlägt, konzentriert sich die Arbeit der Pariser NGO noch stärker auf das Land. Auch Azaar al-Asra hat den "Reportern ohne Grenzen" einiges zu verdanken. Nicht nur die Hilfe für die Aufenthaltsgenehmigung in Paris. "Sie unterstützen uns logistisch, wo sie können, vor allem bei der Kodierung unserer Videos."

Das rettet syrischen Bürgerjournalisten das Leben. Oder gibt ihnen zumindest mehr Zeit, bis die Cyberpolizei des Regimes ihnen auf die Schliche kommt. Ohne die Hilfe der Kollegen aus dem Ausland wäre er in Syrien schon viel früher aufgeflogen, sagt er. Die im Kugelschreiber versteckte Kamera hat er allerdings aus der Türkei. Im Nachbarland gäbe es viele James-Bond-Artikel zu kaufen, der syrische Widerstand schmuggelt sie über die Grenze. "Ich glaube, die Türken finden so etwas lustig", sagt er. In Syrien erfüllen die Spaßartikel inzwischen eine bittere Aufgabe.

Azaar al-Asra ist Kurde und Sunnit. Im Wirrwarr der syrischen Ethnien und Religionen ist er damit beides: Angehöriger einer Minderheit und Teil der sunnitischen Mehrheit, die in ihrer Breite die Revolution trägt. Der Jurastudent stammt aus dem kurdischen Al Quamishli. Seine Heimat wird mittlerweile kontrolliert von kurdischen Milizen, die nicht immer reibungslos mit der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammenarbeiten. Die Polizei hat ihn das erste Mal 2004 verhaftet. Damals war er siebzehn und wie viele Syrer der Meinung, dass der junge Präsident Bashar-al-Assad das Land reformieren will.

Seine Naivität bezahlte er mit den Fingernägeln

Die Naivität hat Azaar al-Asra damals mit ausgerissenen Fingernägeln bezahlt, nachdem die Polizei ihn auf einer Demonstration für die kulturelle Freiheit der Kurden verhaftet hatte. In Damaskus hat er studiert, als im Januar die Revolution von Tunesien auf Ägypten übergriff. Der Aufstand in Syrien habe schon lange vor dem 15. März mit Solidaritätskundgebungen für die Demonstranten in Tunis und Kairo begonnen, sagt er. Seinen Ruf als Ausgangspunkt der Proteste verdankt der Tag den zahlreichen Eltern, die am 15. März dieses Jahres auf den Straßen des südsyrischen Deraa gegen die Folterung ihrer verhafteten Kinder demonstrierten. Die waren im Gefängnis gelandet, weil sie per Graffiti das Regime zu Reformen aufgerufen hatten.

Es ist endlich dunkel geworden. Azaar ist ungeübt im Fasten, ihm knurrt der Magen. Der junge Mann bestellt Kaffee und Baguette. Paris tue manchmal weh, sagt er. Der Himmel über der Stadt ist so weit, wie die Zelle eng war, in der er vor einem Jahr wochenlang gesessen hat. Und die Menschen sind so fröhlich. Die Stadt der Liebe. Seiner Freundin kann er schon seit Monaten nicht mehr sagen, dass er sie liebt. "Das geht nicht mehr. Irgendetwas ist bei mir kaputtgegangen", sagt er und klickt auf ein Video. Ein Raum voller blutiger Laken. Aus ihnen ragen zerteilte Gliedmaßen wie abgehackte Baumstümpfe. Die Handykamera zoomt einen Korso heran. Der Kopf ist abgerissen. Die Leiche hat nichts Menschliches mehr an sich. Sie sieht aus wie eine kaputte Puppe.

"Nach den Monaten als Fotograf im Widerstand bin ich kaum noch ein Mensch gewesen", erzählt der junge Araber. Die Hunderte von Toten und Massakrierten, die er mit der Kamera gefilmt hatte, all das fotografierte Leid, es forderte seinen Tribut. Die schrecklichen Szenen haben sich eingebrannt auf seiner Netzhaut, rauben ihm Nacht für Nacht den Schlaf.

Im März dieses Jahres schnappte die Falle zu. Mit der falschen Identität eines vom Regime getöteten Alawiten getarnt, wähnte sich Azaar al-Asra eigentlich in Sicherheit. Aber der Staatssicherheit war es gelungen, einen Spitzel in die Untergrundzelle einzuschleusen. Im letzten Moment seien er und andere Bürgerjournalisten den Häschern entkommen, sagt er. "Ein Informant hat mir klargemacht, dass ich ganz oben auf ihrer Liste stehe, sonst wäre ich geblieben." Tot hat aber noch niemand eine Kamera bedient.

Anisa Dawud sitzt an einem großen Esstisch in einer Wohnung irgendwo in einem Pariser Vorort. Die junge Frau mit dem strengen Pferdeschwanz nippt ab und zu an einem Glas Orangensaft. Auch sie fastet nicht. Dawud gehört zu denjenigen aus al-Asras Widerstandsgruppe, die nicht so viel Glück hatten. Sie wurde verhaftet. Zum zweiten Mal, nachdem man sie bereits 2011 mehrere Monate eingesperrt hatte. Ende Juni kam sie nach Wochen in einer zwei Quadratmeter großen Zelle frei. In der ganzen Zeit hatten ihr die Wärter keine frische Kleidung gegeben, selbst das Duschen wurde ihr verweigert: "Irgendwann gewöhnt man sich an den eigenen Gestank", sagt sie.

Die Syrerin war so etwas wie der Spin Doctor der Gruppe. Im Bürgerjournalismus kannte sie sich aus. Schon vor dem Beginn der Revolution schrieb die Ingenieurin heimlich für Untergrundblogs, sammelte in dem Ministerium, in dem sie arbeitete, Beweise für Korruption und Vetternwirtschaft. Als die Protestbewegung nach Damaskus überschwappte, war sie von Anfang an dabei, im Untergrund den Tanseqeha zu organisieren, das revolutionäre Volkskomitee. Sie leitete ein Medienzentrum, das Kontakte zu ausländischen Sendern wie al-Dschasira oder CNN herstellte. Außerdem entwickelte sie die Slogans für die Demonstrationen. "Eins, eins, Syrien ist eins". Oder: "Unsere Freiheit beginnt mit dem Recht zu demonstrieren."

In der Schule, berichtet sie, habe sie schon früh gemerkt, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was syrische Eltern ihren Kindern beibringen, und dem, was sich vor der Haustür abspielt. "Ich stamme aus einer Region in der Nähe der libanesischen Grenze. Die Regierungsleute haben einfach Grundstücke enteignet, weil sie Schmugglerwaren zwischenlagern wollten. Alle wussten, dass sie Gangster sind. Aber keiner hat etwas gesagt. Das habe ich nicht verstanden."

Ihr Doppelleben ließ Dawud wenig Zeit, selbst demonstrieren zu gehen. Tagsüber war sie die brave Angestellte in einer Regierungsbehörde, nachts die revolutionäre Journalistin. Sie produzierte Internetbeiträge über die Proteste oder redigierte Artikel für Untergrundzeitungen. Zum Schlafen und Essen blieb wenig Zeit. Auch weil das Grauen den Appetit nahm. Von 2011 an stellte die junge Frau immer mehr Videos ins Internet, auf denen gestorben wurde. Auch sie lernte, dabei nichts mehr zu empfinden. Am schlimmsten waren die Besuche bei ihren Eltern, sagt sie. Diese blieben angepasst und schauten das Staatsfernsehen. "Wenn ich die Lügen sah und wie meine Eltern sie hinnahmen, hätte ich schreien können. Dann hätte ich aber meine Tarnung verloren und auch meine Eltern gefährdet. Also hielt ich den Mund."

Auf Dauer in Paris?
Niemals, die Heimat ruft

Draußen klatscht der Regen gegen das Fenster. Die Hitzewelle in Paris ist erst mal zu Ende, der Himmel ist wieder so grau wie der Beton der Banlieue. Weder Asina Dawud noch Azaar al-Assad, ihr Freund aus dem Widerstand, wollen auf Dauer in Paris bleiben. Es gebe keinen Plan B für ein längeres Exil, sagt sie. Auch weil sie nicht daran glaubt, dass nach der Revolution das große Schlachten, die Abrechnung der Volksgruppen miteinander, ausbricht.

Sunniten, Alewiten, Drusen, Kurden, Christen – sie alle haben bei der Demokratiebewegung mitgemacht. Die junge Frau nennt es eine Lüge, dass es sich bei der Revolution nicht um den Kampf gegen ein verbrecherisches Regime, sondern um einen ethnischen Konflikt zwischen Sunniten und Alawiten handele. "Natürlich stellen Sunniten jetzt die Mehrzahl der Kämpfer aufseiten der Freien syrischen Armee. Sie waren auch bei den Protesten in der Überzahl. Aber der Grund dafür ist einfach der, dass die meisten Syrer eben Sunniten sind", sagt sie.

Dies gelte aber längst nicht für alle Revolutionäre. "Auch ich bin eine Alewitin", errät sie. "Aber eigentlich bin ich in erster Linie Syrerin."

Von Versöhnung sprechen beide Bürgerjournalisten im Exil und meinen doch nicht dasselbe. Asina Dawud will, dass nach der Revolution alle vor Gericht kommen, die in Syrien gemordet, gefoltert und misshandelt haben. Auch die Polizeibeamtin, die sie in der Haft immer wieder geschlagen hat, will sie vor einem Richter sehen. Azaar al-Asra dagegen fragt sich, ob es nicht besser wäre, nach dem Sieg der Revolution eine Amnestie zu verkünden. "Der Hass soll mit der Diktatur verschwinden", wünscht er sich. Er weiß genau, was er machen wird, wenn er endlich zurück in der Heimat, zurück im freien Syrien ist. "Ich gehe zum Ummayaden-Platz in Damaskus. Da hat mich ein Verkehrspolizist vor meiner ersten Verhaftung verpfiffen." Und was würde er tun, wenn er ihn tatsächlich trifft? "Ich gehe hin und schaue ihm in die Augen. Und dann sage ich ihm. ,Möge Gott dir vergeben‘."

Autor: Cedric Rehman