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11. September 2017

Lucerne Festival

Die Höhepunkte des Lucerne Festivals

Geigerin auf Sitzkissen, Flüchtlingsorchester, Oper unter Strom: Finale beim Lucerne Festival.

  1. Der Höllenfürst verkündet die Vernichtung der Welt: Nekrotzar (Claudio Otelli) in „Le Grand Macabre“ Foto: I. Höhn

  2. Den Kleinen ganz nahe: Geigerin Patricia Kopatchinskaja Foto: Manuela Jans

Die Haare grau und strähnig, blond und zu einem Zopf gebunden. Die gepflegten Brauen betonen die wachen, braunen Augen, die sich deutlich vom weißgrauen Bart abheben. Insgesamt vier verschiedene weibliche und männliche Gesichter sind auf den Plakaten des Lucerne Festivals in unterschiedlichen Kombinationen zu einem Porträt zusammengefügt. Identität ist nie eine eindeutige Angelegenheit, suggeriert das Bildmotiv, sondern setzt sich immer zusammen aus verschiedenen Komponenten.

Am Wochenende ist das vierwöchige Klassikfestival am Vierwaldstättersee mit einer Besucherzahl von insgesamt 78 600 zu Ende gegangen. Neben den rund 80 Verkaufsveranstaltungen (Auslastung: 91 Prozent) hat das Festival dieses Jahr über 40 Gratisformate angeboten. Intendant Michael Haefliger verlängerte seinen Vertrag um weitere fünf Jahre bis 2025. Das Thema "Identität" wurde in Kompositionen, aber auch durch Interpreten und besondere Projekte umkreist.

Es scheint aber auch, dass das Festival selbst auf Identitätssuche ist – zwischen Exklusivität und angestrebter Breitenwirkung, zwischen musikalischer Exzellenz und einer klaren politischen Haltung, zwischen neuen Konzertformaten und den traditionellen Gastauftritten der weltbesten Orchester. Ein besonderen Akzent erhielt das Festival in diesem Jahr durch Projekte, die gemeinsam mit Flüchtlingen entstanden wie die Oper "Idomeneo", auf die Beine gestellt vom Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur". Eine in der Maihof-Kirche gezeigte, von zahlreichen Stiftungen unterstützte Produktion firmiert unter dem Titel "Till Veltens symphony.land – eine soziale Sinfonie." Ursprünglich hatte der in Freiburg lebende, in Wien arbeitende Bildhauer die Idee, die 4. Sinfonie von Beethoven von einem Flüchtlingsorchester spielen zu lassen. Dass Beethoven sich laut Programmtext während der Kompositionszeit auch auf der Flucht (vor den Truppen Napoleons) befand, reicht dem bildenden Künstler, um die lichte Sinfonie als geeignetes Werk für sein Vorhaben zu verwenden. Allerdings sind in Luzern davon nur Bruchstücke zu hören – gespielt von Violine (Farid Feyzullayev), Franziska Adensamer (Akkordeon) und Kontrabass (David Doblhofer). Dazwischen erklingen Improvisationen auf der Oud, arabischer Gesang oder auch einmal ein zusammenhängendes Werk des Ensembles der Geflüchteten Wien (Leitung: Ayman Hlal).

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Eine musikalische Verbindung zur Vorlage ist nicht erkennbar – wie überhaupt "symphony.land" eher wie eine lose Materialsammlung wirkt. Der finnische Sänger Peccu Frost, der auch irgendwie eine Heimat sucht, versucht sich zu Anfang und Ende vergeblich an zwei Purcell-Songs und gerät dabei intonatorisch völlig aus der Spur. Der Schauspieler Malte Scholz (in Shorts und Batik-T-Shirt) ergeht sich in endlosen Befindlichkeitsschilderungen. Die von einigen der Flüchtlinge erstellten Ketten werden kommentarlos an Metallständer gehängt. Es fehlt jede Verbindung zwischen den einzelnen Textbeiträgen und Musiknummern.

Es fehlt eine konzise Dramaturgie. Ein Zuwenig an Fantasie, ein Zuwenig auch an künstlerischer Formung. Berührend wird es in einzelnen Momenten, wenn etwa der Iraker Ahmed Shqaqi von seiner Flucht erzählt und wie es ist, seine geliebte Oud für die Überfahrt im Schlauchboot zurücklassen zu müssen – oder wenn im Spiel die verlorene Heimat der Musiker näher kommt. Aber dafür hätte es nicht solch ein aufgeblähtes Projekt gebraucht, das in seine Einzelteile zerfällt und künstlerisch auf ganzer Linie enttäuscht.

Wie viel durchdachter ist dagegen ein einfaches Sitzkissenkonzert von Patricia Kopatchinskaja, die im Terrassensaal des KKL mit dem australischen Cembalisten Anthony Romaniuk die kleinsten Zuhörer sogar für die Musik von John Cage begeistern kann. Die Geigerin – "artiste etoile" des Festivals –, die selbst als Kind mit ihrer Familie aus Moldawien flüchtete, lehrt die Kinder bei der Sonata Representativa von Heinrich Ignaz Franz Biber, auf versteckte Tierstimmen zu hören und musiziert bei Heinz Holligers Geigenstückchen herzerfrischend mit ihren Schülerinnen Nora und Mara.

Auch bei den konventionellen Hochglanz-Konzerten in großen Saal gibt es am letzten Festivalwochenende durchaus Ungewöhnliches zu entdecken. Nach seinem gefeierten Opernrezital holt der peruanische Tenor Jose Diego Florez seine Gitarre aus der Garderobe und begeistert das enthemmte Publikum mit Latinklassikern wie "Besame mucho". Bei den Wiener Philharmonikern geht es unter Michael Tilson Thomas reservierter zu, was auch am routinierten, in weiten Teilen uninspirierten Auftritt des Spitzenensembles liegen kann. Erst im Finale von Beethovens 7. Symphonie wird die Handbremse gelöst und die "Apotheose des Tanzes" (Richard Wagner) mit der notwendigen Energie versorgt.

Das Thema "Identität"

wurde in Kompositionen,

durch Interpreten und

besondere Projekte umkreist.

György Ligetis "Le Grand Macabre", eine Koproduktion von Theater Luzern und Lucerne Festival, steht dagegen von Beginn an unter Strom. Mit großer Präzision und hinreißender Spielfreude erzählen Regisseur Herbert Fritsch und Dirigent Clemens Heil (punktgenau: das Luzerner Sinfonieorchester) auf der schwarz-glänzenden Bühne des Luzerner Theaters die groteske Geschichte vom drohenden Weltuntergang. Im hervorragenden Solistenensemble glänzen Claudio Otelli als stimmgewaltiger Nekrotzar, Diana Schnürpel (Gepopo/Venus) mit kühlem Koloraturglanz und Hubert Wild als herrlich durchgeknallter Fürst Go-Go. Fritsch macht aus dem apokalyptischen Stoff eine schräge Revue mit beängstigenden Brüsten und quietschbunten Särgen, in die sich die Akteure ganz entspannt am Ende zur Ruhe legen und dabei mit den Fingern schnippen.

Autor: Georg Rudiger