Künstler

Die Kernaussage ist schlicht eine Unverschämtheit

Kirsten Nutto, Übersetzerin, Schopfheim

Von Kirsten Nutto, Übersetzerin & Schopfheim

Sa, 23. Dezember 2017

Leserbriefe

Zu: "Warum gehen Künstler nicht in Rente?", Erklär’s mir von Bettina Schulte (Kultur, 14. Dezember):

Die Kernaussage dieses Artikels ist in meinen Augen schlicht eine Unverschämtheit. Denn ein Künstler arbeitet sehr wohl auch, um mit seiner Arbeit Geld zu verdienen!

Wer eine besondere Neigung und Begabung hat und diese als Grundlage für seinen Beruf nutzen kann, darf sich natürlich glücklich schätzen. Aber daraus kann keinesfalls abgeleitet werden, dass diese Arbeit nicht bezahlt werden muss, nach dem Motto: Beruf gleich Berufung. Denn auch ein Künstler braucht Geld für seine Lebenshaltungskosten wie Essen, Wohnung, Arbeitsmaterial, etc.

Ihr Artikel dient all jenen als Freibrief, die da glauben, für Kultur(güter) müsse man nichts bezahlen, da ja der Spaß- oder Berufungsfaktor für den Künstler Lohn genug sei. Niemandem käme es beispielsweise in den Sinn, die Rechnung eines Arztes nicht zu bezahlen, weil man ihm unterstellt, seinen Beruf aufgrund eines inneren Bedürfnisses heraus ergriffen zu haben. Nicht einmal ein Pfarrer arbeitet nur für Gotteslohn, weil sich’s davon nun mal schlecht leben lässt. Auch wenn Kunst "nur" der Unterhaltung dient, sollte sie doch so honoriert werden, dass man/frau davon leben und sie ihm/ihr als "Unterhalt" dienen kann – was im realen Leben selten genug der Fall ist.

Und dass die meisten Künstler nicht oder nur spät in "Rente" gehen (können), liegt oft auch daran, dass sie als Freiberufler nicht genug verdienen, um entsprechend fürs Alter vorsorgen zu können, ja, dass sie meist sogar noch mindestens einem anderen Broterwerb – und zwar einem profaneren, als Kunst zu schaffen – nachgehen müssen, um überhaupt leben zu können. Daran ändern auch Einrichtungen wie Künstlersozialkasse und Ähnliches nichts.

Es wäre also angebracht, an ein solches Thema reflektierter und informierter heranzugehen, sonst erweist man den Künstlern – und dazu zählen alle Urheber – einen Bärendienst.
Kirsten Nutto, Übersetzerin, Schopfheim