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27. Juni 2012

Die Möglichkeit des Unmöglichen

Beethoven mit Barenboim und seinem West-Eastern Divan.

Natürlich hat Daniel Barenboim recht: "Ehrlich gesagt, braucht der CD-Markt keinen weiteren Beethoven-Zyklus mehr", schreibt der Dirigenten- und Pianisten-Weltstar. Warum also dann nun ein weiterer Anlauf? Die Antwort gibt der Maestro selbst – ebenfalls im Booklet zur Neueinspielung aus der Kölner Philharmonie: "Ich meine, dass die Beethoven-Sinfonien mit dem Divan Orchestra in vielerlei Hinsicht anders sind."

Darin steckt viel Emotion. Das West-Eastern Divan Orchestra (WEOD), das Barenboim 1999 zusammen mit dem amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet hatte, war von Anfang an nicht einfach nur ein Klangkörper. Es sollte ein Signal sein, ein politisches, mehr noch – ein menschliches: Dass junge Künstler aus verfeindeten Lagern – Israelis, Palästinenser, Araber – miteinander musizieren, vermittelte von Anfang an einen Hauch von der Möglichkeit des Unmöglichen. Ob man das den in nur einer Woche eingespielten neun Sinfonien so anhört, wie Barenboim überschwänglich behauptet, sei dahingestellt. Das künstlerische Niveau des unter Goethe’scher Namenspatronage stehenden Orchesters ist nicht schlecht, wenngleich nicht so berauschend wie etwa beim Jugendsinfonieorchester von Venezuela. Aber hier geht es nicht ums sportliche Vergleichen. Und auch wenn die Beethoven-Aufführungsgeschichte nicht neu geschrieben werden muss, eines vermitteln Barenboim und das WEOD tatsächlich: die Hoffnung, die einzig große Musik geben kann. Bestes Beispiel hierfür ist die wirklich großartige Interpretation des langsamen Satzes aus der Neunten. Dieses Adagio steht wie kaum ein anderer Satz für immer wieder neuen Trost, der selbst aus tiefstem Leid geschöpft werden kann. Barenboim und seine Musiker lassen es beim Hören greifbar werden – schon das macht diesen neuen Zyklus nicht ganz überflüssig.
– "Beethoven für alle: Sinfonien Nr. 1–9. Daniel Barenboim, West-Eastern Divan Orchestra (Decca).

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Autor: Alexander Dick


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