Die richtigen Fragen stellen

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Do, 06. September 2018 um 15:53 Uhr

Kollektive

Herbert Hüttlin aus Steinen über Kugelmotoren, Pharmazietechnik und kreative Lebensleistungen

STEINEN. Nein, die Bezeichnung "Erfinder" für Menschen seines Schlages hört Herbert Hüttlin nicht gerne. Wie nun aber soll man ihn nennen, den gebürtigen Steinener, der mit seinem Kugelmotor danach strebt, die Autowelt vorwärtszubewegen? Einen Mann, der ganze Regalwände mit Patenten füllt? Und der auch im pharmazeutischen Anlagenbau so manchen Stand der Technik revolutioniert hat? Nennen wir Herbert Hüttlin also hilfsweise mal einen kreativen Kopf – und das ist keinesfalls als Understatement gemeint.

Es ist gar nicht so leicht, sich in diesen Tagen mit Herbert Hüttlin zu treffen. Dabei hat er mit knapp 75 Jahren das Alter, in dem andere in Rente gehen, schon seit einiger Zeit erreicht. Dass man sich dann doch wieder in einem Büro trifft – mit flächendeckenden bunten Konstruktionszeichnungen an der Wand – ist typisch für diesen kreativen Kopf mit den wehenden weißen Haaren. "Wenn man nicht mehr gebraucht wird, ist das Leben einfach zu schnell rum", sagt er fast entschuldigend über seine nicht nachlassende Gestaltungsfreude – die wir ja nicht Erfindungsgeist nennen sollen.

Und gebraucht wird dieser Hüttlin’sche Ideenreichtum wohl noch. Allein schon, um die zunehmend hilflos agierende Automobilindustrie von den Vorzügen seines vielfach patentgeschützten Kugelmotors zu überzeugen. Dieser Motor ist das ganz spezielle "Baby" Herbert Hüttlins. Der Kugelmotor als Hybridversion mit integriertem Generator soll es O-Ton Hüttlin "ermöglichen, die Kombination von elektrischem und fossilem Antrieb ganz neu zu denken": Er benötigt deutlich weniger Kraftstoff als alles, was bislang auf dem Markt ist und hat nur halb so viele Teile wie ein herkömmlicher Verbrennungsmotor.

Hüttlins Erfindung hätte der Automobilindustrie mit Blick auf die Einhaltung der immer schärferen Abgasnormen womöglich so manche Verrenkung erspart. Dennoch reagierten die großen Autohersteller lange Jahre verhalten. Erst seit der Dieselskandal VW, Audi, Mercedes und Co eingeholt hat, steht Hüttlin mit Autoschmieden in Deutschland und Fernost in intensivem Kontakt.

Kreativität entsteht, so sieht es Herbert Hüttlin, aus dem kritischen Nachdenken über das Bestehende. Es gehe darum, existierende technische Lösungen, grundsätzlich infrage zu stellen und "sich zu erlauben, über völlig neue Lösungswege nachzudenken". Dabei sei der Erfolg keineswegs vorprogrammiert, es brauche eine gehörige Portion Beharrlichkeit, sagt Hüttlin. Und man müsse – wie er es selbst erlebt hat – mit Rückschlägen leben können. "Erfolg besteht zu fünf Prozent aus Inspiration und zu 95 Prozent aus Transpiration", zitiert er Thomas Alva Edison.
In die Wiege gelegt wurde es Herbert Hüttlin nicht, dass er heute als Motorenentwickler und als Konstrukteur in der Pharmatechnik weltweit einen so ausgezeichneten Ruf genießt. Der Vater war ein ehrbarer Kaufmann beim Steinener Seilwindenherstellers Rotzler. Wenn Sohnemann den Papa in der Firma besuchte, zog es ihn stets magisch in die große Maschinenbauhalle, wo die großen Lastwagen standen und es nach Schmieröl roch. Gerne streifte er auch durch die Konstruktionsbüros, wo Ingenieure an Reißbrettern über neuen Ideen brüteten. Damals entdeckt Herbert Hüttlin sein Herz für die Automobilität. "Seit meiner Jugend hat mich alles fasziniert, was sich geräuschvoll dreht, rappelt und zappelt", sagt er schmunzelnd. Mit dem Segen des Vaters studierte Herbert Hüttlin Maschinenbau und Strömungslehre. Die Lehr- und Wanderjahre brachten ihn auch in Kontakt mit Ferdinand Wankel, jenen genialen, persönlich gleichwohl ziemlich schwierigen Erfinder des Wankelmotors.

Seine erste Firma, ein Ingenieurbüro, gründete Herbert Hüttlin mit gerade einmal 27 Jahren. Er plante und baute fortan für Industriekunden weltweit Anlagen, mit denen etwa Saatgut oder medizinische Tabletten beschichtet werden.

Einige seiner Neuerungen revolutionierten ganze Herstellungsprozesse, erzählt Hüttlin nicht ohne Stolz. Das Mitte der 1990er Jahre verkaufte Unternehmen Hüttlin Coatingtechnik ist heute Teil des Bosch-Konzerns. Die später gegründete Firma Innojet zur Weiterentwicklung pharmazeutisch-technischer Anlagen verkaufte er vor einigen Jahren an die Romaco-Gruppe. Im Jahr 1998 machte Herbert Hüttlin mit seiner zweiten Passion Ernst, der Motorenentwicklung. Er gründete mit Schweizer Geschäftsfreunden die Innomot AG und widmete sich fortan der Entwicklung des Hüttlin-Kugelmotors.

Keineswegs seien allein die Badener von Haus aus prädestiniert fürs Kreative, findet Herbert Hüttlin: "Ich habe an vielen Orten der Welt helle Köpfe getroffen." Auch in Fernost hätten Staat, Kapital und Unternehmen längst die Ecke des bloßen Kopierens verlassen, warnt er die deutschen Unternehmen vor der Hoffnung, dass der technische Vorsprung Europas anstrengungsfrei die nächsten Jahrzehnte einfach erhalten bleibe.

Was macht Herbert Hüttlin eigentlich, wenn er einmal nicht daran arbeitet, die (technische) Welt zu verbessern? Ganz wichtig sind ihm die Familie und sein Zuhause. Seinem Heimatort Steinen ist er ein Leben lang treu geblieben. Hüttlin ist seit 52 Jahren verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus und er ist mittlerweile glücklicher Großvater von vier Enkeln. Sein großer, schöner Garten wurde nicht etwa von einem Gärtner gestaltet, sondern von ihm selbst. Nach wie vor liebt er auch das Autofahren. Vor allem die sportlichen Klassiker, die gern auch älteren Datums sein dürfen, haben es dem Technikbegeisterten angetan.