Porträt

Die syrische Regisseurin, Autorin und Dramaturgin Liwaa Yazji war zu Gast in Freiburg

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 16. November 2017

Kino

Wie schwierig ist diese Entscheidung: Bleiben, obwohl die Bomben näher rücken? Oder fliehen – in die Ungewissheit, mit dem Wissen, alles zu verlieren, auch einen Teil von sich selbst? Liwaa Yazji (40) hat Menschen in dieser Situation gefilmt.

Die Aufnahmen für ihren Dokumentarfilm "Haunted" entstanden zwischen 2011 und 2014. Inzwischen lebt die Theaterdramaturgin, Lyrikerin, Drehbuchschreiberin, Regisseurin und Übersetzerin in Berlin. Kürzlich war sie in Freiburg, eingeladen unter anderem vom Kommunalen Kino und dem Verein für interkulturelles Theater.

Liwaa Yazji ist Syrerin, wie eine von denen, die sie in ihrem Film zeigt – und doch auch wieder nicht. Sie fand Möglichkeiten, dem Flüchtlingsschicksal zu entgehen. Umso wichtiger ist es ihr, als privilegierte Künstlerin die Geschichten derjenigen zu erzählen, die dazu keine Gelegenheit haben. Die irgendwo feststecken, wo niemand sie wahrnimmt. So wie im Film ein älteres Paar oder ein jüngerer Mann in Damaskus, die ihre Wohnungen kaum noch verlassen können, weil es draußen zu gefährlich ist.

Eindrücklich vermitteln sie, was eine Flucht verlangt: "Meine Seele zerreißt", sagt der Mann, der schon drei Mal jeweils fünf Tage lang gepackt und immer wieder alles umgepackt hat – seine Bücher, all die persönlichen Dinge, bei deren Verlust er das Gefühl hätte, sich selbst verloren zu gehen. Andere haben die Entscheidung hinter sich, sie leben in den feuchten, erbärmlichen Ruinen eines einstigen Gefängnisses im Libanon. Ein Mann erzählt, dass irgendwo auf der Flucht das einzige Foto seines toten Sohnes verschwand.

Liwaa Yazji wurden solche gewaltsamen Brüche erspart. Sie verließ Syrien Ende 2015 mit einem Visum der französischen Botschaft, das ihr als Filmerin einen Europa-Aufenthalt von 90 Tagen erlaubte. Auch für sie wurde es dann zwar schnell kompliziert, weil sie mit ihren Bemühungen um ein dauerhaftes Künstlervisum nicht vorankam. Die Behörden verwiesen sie immer nur auf die Alternative Asyl. Das aber war für sie unvorstellbar: Als Künstlerin muss sie reisen. Und sie fand auch den Gedanken unerträglich, auf einmal und endgültig alle Brücken zu ihrer Heimat abzubrechen. Das Problem löste sich, als sie ihren langjährigen spanischen Partner heiratete. Er lebt in Berlin, arbeitet wie sie künstlerisch, unter anderem als Kritiker, Dichter und Organisator eines syrischen Filmfestivals. Seit Ende 2015 war Liwaa Yazji drei Mal zu Besuch in Syrien, in Damaskus, wo ihre Mutter und eine ihrer zwei Schwestern leben.

Im Zentrum von Damaskus sei es derzeit im Vergleich zu 2014 etwas ruhiger, sagt sie. Ihre Mutter könne als Ärztin weiter in ihrer Klinik arbeiten. Doch Yazji achtet darauf, sich nie länger als einige Tage dort aufzuhalten. Sie will politisch so unauffällig wie möglich bleiben, um weiter ein- und ausreisen zu können. Sie ist internationales Arbeiten gewöhnt: Die Endproduktion von "Haunted" fand im Libanon statt, finanziert vom dortigen Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Zurzeit ist sie oft in London, wo ihr Stück "Goats" in einer szenischen Lesung am Royal Court Theatre präsentiert wurde, für 2018 ist die Premiere geplant.

In Berlin schreibt sie zusammen mit zwei Kollegen Drehbücher für eine Fernsehserie über den Alltag in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft. Die Produzenten von Ziegler Film wollen einen Sender finden, der mehrsprachige Dialoge und Untertitel akzeptiert, sagt sie, die Suche sei mühsam. Liwaa Yazji ist nahe dran am Leben der Exil-Syrer und anderer Flüchtlinge in Berlin, das ist ihr wichtig. Sie liebt Berlin als toleranten und für Künstler interessanten Ort, seit sie 2004 zum ersten Mal dort war. Auch in Freiburg hatte sie nun einen Arbeitseinsatz: Zwei Tage lang hat sie eine multinationale Frauengruppe vom Verein für interkulturelles Theater geschult, gute Charaktere zu entwickeln.