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16. August 2012

Buch in der Diskussion

Digitale Demenz: Einer, der sich wieder unbeliebt macht

BUCH IN DER DISKUSSION: Der Ulmer Gehirnforscher Manfred Spitzer warnt vor den Gefahren der zunehmend digitalisierten Welt.

  1. Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Droemer Verlag, München. 368 Seiten, 19,99 Euro. Foto: Verlag

Viele dürften es kennen, dieses Unbehagen. Es stellt sich ein, wenn man sich wieder ohne Erkenntnisgewinn wild von hier nach da geklickt hat. Oder wenn man einen längeren Artikel oder eine Buchseite nicht konzentriert zu lesen vermag. Dieses Unbehagen wird mit jedem Jahr mit Computer, Internet, TV, Smartphone und Playstation größer. Geahnt haben wir wohl, dass solche Aufmerksamkeitsstörungen in einem Zusammenhang mit dem Eindringen digitaler Medien in unseren Alltag stehen könnten. Und bei den zunehmenden Sprach- und Lerndefiziten unserer Kinder haben wir es vielleicht sogar befürchtet.

Belege für diese Ängste und Ahnungen liefert das neue Buch von Manfred Spitzer. Ja, es sind mehr als Belege, es ist eine regelrechte Beweiskette, in die der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm eine um die andere Studie einreiht. Insofern ist es zwar populär und weitgehend verständlich geschrieben, aber eben doch ein wissenschaftliches Buch mit zusammen allein 40 Seiten Anmerkungen, Literaturhinweisen und Register.

Diese Wissenschaftlichkeit und die gute Erläuterung der Studien, auf die Spitzer seine Thesen stützt, sind es, die das Buch so beängstigend und für viele Leser unangenehm machen. Und zu heftigen Abwehrreaktionen führen.

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Zu seinem titelgebenden Begriff von der digitalen Demenz kommt der Hirnforscher durch folgende Argumentationskette:

Demenz ist geistiger Abstieg. Je höher der Gipfel ist, von dem aus dieser Abstieg beginnt, desto länger bleibt man geistig fit. In Anbetracht steigender Lebenserwartung ist eine möglichst lang währende geistige Leistungsfähigkeit nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Volkswirtschaft ein wünschenswertes Ziel und spart folgenden Generationen Hunderte Milliarden Euro an Pflegekosten.

Um aber möglichst hohe Gipfel geistiger Leistungsfähigkeit zu erlangen, bedarf es der richtigen Bildung des Gehirns. Dies meint Spitzer im doppelten Sinn. Im erkenntnistheoretischen Sinn des Erlernens und Durchdringens von Inhalten. Und dem physiologischen Sinn des Trainierens des Muskels Gehirn. Insbesondere bei der frühkindlichen Ausbildung von Gedächtnisspuren und beim Entstehen zusätzlicher Synapsenstrukturen durch neue Erkenntnisse beim Erwachsenen. Hier setzt nun die Fundamentalkritik des Mediziners, Psychologen und Philosophen an den digitalen Medien an. Er weist nach, dass deren Einsatz im frühkindlichen Bereich wirkungslos ist. Frappierend unter anderem ist die "Baby-Chinesisch"-Studie. Bei ihr kam heraus, dass nur beim persönlichen Kontakt mit Lehrern ein Unterscheidungsvermögen für chinesische Laute herausgebildet wurde – nicht aber beim Einsatz exakt derselben Lerneinheiten von DVD oder CD.

Nicht minder vernichtend ist Spitzers Urteil über den Einsatz von Computern im Kindergarten oder dem von Laptops und elektronischen Tafeln ("Whiteboards") im Klassenzimmer. Diese hält er klassischen Methoden gegenüber – wie Vorlesen, gemeinsam Singen, Tafel und Kreide, Stift und Papier und motorischem Lernen durch Zeichnen und Schreiben – für klar unterlegen. Lernen sei nun einmal aus Sicht des sich bildenden Gehirns ein durchaus anstrengender Vorgang. Die Vorstellung, man könne das Lernen durch den Einsatz digitaler Mittel beliebig leichter machen, sei eine Illusion.

Weitere Kapitel widmet der Autor navigationsgestützter Orientierungslosigkeit, den vielfältig schädlichen Computerspielen ("Mit der Konsole verschenken Sie schlechte Noten"), dem Gedächtnisverlust durch ständige Verfügbarkeit von Google, dem Märchen von den Segnungen des Multitaskings und dem digital bedingten Verlust von Selbstkontrolle.

Spitzers Rundumschlag ist sauber hergeleitet, belegt und in sich schlüssig. Und doch fällt es schwer, ihm uneingeschränkt zu folgen. Zu sehr gerät ihm das Buch zur missionarischen Streitschrift mit allzu plakativen Parolen ("Wir klicken uns das Gehirn weg"). Und wenn er sich gegen Schluss zum einsamen Mahner in der digitalen Wüste stilisiert, dem die vor Arbeitsplatzargumenten und Lobbyeinflüsterungen der PC- und Spieleindustrie in Schockstarre verharrende Politik nicht zuhören will, kommt er Verschwörungstheoretikern bedrohlich nah. Vielleicht sollte Spitzer bei Max Frisch nachschlagen. Der stellte ganz analog fest: Man sollte dem Anderen die Wahrheit hinhalten wie einen Mantel und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren hauen. Spitzers integrem Anliegen wäre eine solche Strategie gewiss zuträglich.

Autor: Hans-Peter Müller