Super-Sommer

Durch die Trockenheit droht ein Fischsterben in südbadischen Flüssen

Nina Lipp, Otto Schnekenburger, Sarah Trinler

Von Nina Lipp, Otto Schnekenburger & Sarah Trinler

So, 05. August 2018 um 16:38 Uhr

Südwest

Der Sonntag Steinwüsten, wo sonst Bäche und Flüsse rauschen. Und hohe Wassertemperaturen, dort, wo noch welches fließt. In den Fließgewässern könnte es durch die Hitzewelle zu einem Fischsterben kommen.

Ändert sich nicht bald das Wetter, wird man tatenlos zusehen müssen. "Wenn es weiter so heiß und trocken bleibt, wird ein Fischsterben in den Flüssen und Bächen immer wahrscheinlicher", fürchtet Ingo Kramer, Geschäftsführer vom Landesfischereiverband Baden-Württemberg. Auch Jens Lange ist um den Zustand der Fließgewässer besorgt. Der Hydrologie-Professor der Universität Freiburg weiß: "Die baden-württembergischen Bäche und Flüsse sind in diesem Jahr extrem wasserarm." Die Wassermengen lägen schon jetzt 60 Prozent unter den Durchschnittswerten für Südbaden. Die meisten Schwarzwaldflüsse versickerten, bevor sie die Rheinebene erreichen. "Dann sterben nicht nur die Fische, sondern ganze Ökosysteme", so Lange.

Durch den niedrigen Wasserstand wird der Lebensraum der Fische begrenzter , das Wasser erwärmt sich schneller. Je wärmer es wird, desto weniger Sauerstoff kann es aufnehmen. "Damit fehlt den Fischen ausreichender Sauerstoff und sie gehen bei länger anhaltender Belastung ein", erklärt Andreas Tröndle, stellvertretender Sachgebietsleiter Wasser und Abwasser im Landratsamt Lörrach. Der Pegelstand der Wiese bei Zell im Wiesental lag diese Woche mit 6,6 Zentimetern unter dem bislang niedrigsten Wasserwert während des Sommers 2003. Der die Dreisam speisende Eschbach hinter Stegen liegt komplett trocken. "Und wo sie noch Wasser hat, fließt die Dreisam extrem langsam, bei Buchheim ist sie ausgetrocknet", erzählt der Hydrologe Veit Blauhut. Kramer berichtet, dass auch die Möhlin und der Neumagen zum Teil trocken liegen.

In diesem Jahr sind die Pegel sehr schnell gesunken. Die ersten toten Fische habe er diese Woche in der Dreisam entdeckt, berichtet Ingo Kramer: "Die Groppen hat es schon erwischt, jetzt dauert es nicht mehr lange, und die Bachforellen sterben." Wegen der Wasserknappheit haben die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Lörrach, Waldshut und Ortenau untersagt, Wasser aus öffentlichen Gewässern zu entnehmen.

Notbergungen

Mitglieder des Freiburger Angelsportvereins haben in den vergangenen Wochen bereits mehrere Notbergungen durchgeführt, um Fische vor dem Austrocknen zu retten. So wurden vor gut einer Woche 2 500 Fische aus der Dreisam im Stadtgebiet umgesiedelt. Am Mittwoch mussten rund 1 000 Dolenkrebse aus dem nahezu trocken liegenden Wagensteigbach gerettet werden. Im Landkreis Lörrach sei ein Abfischen bisher nicht vorgesehen, teilt Andreas Tröndle mit. Eine andere Möglichkeit zur Rettung der Fische wäre, über ein Verbundnetz den größeren Gewässern Grundwasser von der Rheinebene zuzuführen, um die Wassertemperatur zu senken und so mehr Sauerstoff in die Systeme zu bekommen. Dies sei aber sehr aufwendig und teuer.

"Es ist einfach nur schlimm", fasst Samuel Gründler vom Schweizerischen Fischerei-Verband die Situation am Hochrhein zusammen. Dort wurden am Donnerstag erste tote Fische gesichtet. "Es waren etwa ein Dutzend am Donnerstag, am Freitag ein weiteres Dutzend", sagt Gründler, dessen Verein den Abschnitt zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein westlich des Bodensees beobachtet, wo die Wassertemperaturen in dieser Woche mehrmals über 27 Grad Celsius stiegen. In Weil am Rhein lag der von der Messstation der Landesanstalt für Umwelt gemessene Wert der Wassertemperatur des Rheins gestern zur Mittagszeit um 12 Uhr bei 26,4 Grad.

Gründler rechnet mit einem massenhaften Fischsterben. Besonders gefährdet seien die temperatursensiblen Äschen und Bachforellen. Erinnerungen kommen auf an den Extremsommer von 2003. Damals stieg die Temperatur des Rheinwassers westlich des Bodensees über längere Zeit auf 27 Grad Celsius. Als Folge waren 50 000 Äschen umgekommen. Für den Fall, dass sich das Schreckensszenario wiederholt, stünden Mitglieder der schweizerischen Fischereivereine schon bereit, um die toten Fische zu entsorgen. "Sonst bekommen wir ein hygienisches Problem", erklärt Gründler.

Laut Kai Baudis, stellvertretender BUND-Landesvorsitzender, sorgen neben der Hitze- und Niedrigwasserperiode vor allem die Abwärme von Industriebetrieben, Kraftwerken sowie die Kühlwasser-Einleitungen der Atomkraftwerke Philippsburg und Fessenheim dafür, dass die Wassertemperatur des Rheins weiter steige. Wenn die Temperatur in Flüssen einen bestimmten Wert erreicht, müssen Kraftwerke den Betrieb reduzieren. Im Rhein beträgt dieser Grenzwert 28 Grad Celsius – für die Gewässerexperten des BUND viel zu hoch. "Noch wurde dieser kritische Wert nicht überschritten", weiß Baudis. "Aber wir stehen kurz davor. Zwei, drei heiße Tage reichen da schon." Er fordert einen sofortigen Stopp dieser Einleitungen, "um größere ökologische Schäden zu verhindern". Denn bei steigenden Temperaturen könne sich der empfindliche Fischlaich nicht entwickeln.

In der Schweiz gelten andere Vorgaben: "Laut der geltenden Wasserkonzession darf das Kernkraftwerk Wasser bis 30 Grad einleiten", teilt eine Sprecherin des Kernkraftwerks Leibstadt bei Waldshut mit. Ein Einleitungsverbot richtet sich also nicht nach der Temperatur des Rheins, sondern nach der Wasseraustrittstemperatur des Nebenkühlwassers. Da der größte Teil der Wärme aus der Anlage in Leibstadt über den Kühlturm abgegeben werde, könne die vorgegebene Wasseraustrittstemperatur bislang eingehalten werden, so die Sprecherin.

Diese Woche haben die ersten Atomkraftwerke wie das in Philippsburg ihre Leistung gedrosselt. Und auch der Betreiber des AKW in Fessenheim, die Electricité de France (EdF), hat die Leistung des Kernkraftwerks in der Nacht auf Freitag gedrosselt. Anders als andere Werke ist man dort auf die Wiedereinleitung des gebrauchten Kühlwassers in den Rheinseitenkanal angewiesen, weil das AKW Fessenheim nicht über eigene Kühlungsmöglichkeiten verfügt. Axel Mayer vom BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein bezeichnet es daher als "Tauchsieder". nil, osc, sat