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11. Januar 2017

Ein Faible für Poeten und Tastenlöwen

Die polnische Pianistin Aleksandra Mikulska hat auf dem Förster-Flügel im Bürgersaal Werke von Liszt und Chopin gespielt.

  1. Im langen Tüllkleid: Aleksandra Mikulska am Förster-Flügel im Bürgersaal Foto: Erika Sieberts

  2. Eintrag von den Erbauern des Konzertflügels im Bürgersaal ins Gästebuch des Vereins Musikfreunde Ettenheim Foto: Erika Sieberts

ETTENHEIM. Das konnte Paul Jensen, Vorsitzender der Musikfreunde Ettenheim, in seiner Ankündigung versichern: Es würde ein unvergesslicher Abend werden. Denn die Musikfreunde hatten die polnische Pianistin Aleksandra Mikulska vor sieben Jahren schon einmal gehört, als sie den neuen Förster-Flügel im Bürgersaal eingeweiht hat. "Die Miterbauer dieses Instruments waren zutiefst gerührt und beeindruckt von diesem außergewöhnlichen Konzert...", schrieben Zuhörer damals ins Gästebuch des Vereins, der seit zehn Jahren den Musiksommer und Sonderkonzerte ausrichtet.

Nun also Aleksandra Mikulska, dieses Mal mit einem spannenden Programm am Sonntag im Bürgersaal, mit Werken von Frédéric Chopin und Franz Liszt, zwei Ausnahmekomponisten der Romantik, die zeitgleich gelebt und sich gut gekannt haben. Chopin (1810 bis 1849), Sohn eines Franzosen und einer Polin, in Warschau geboren und später in Paris lebend und der Burgenländer Franz Liszt (1811 bis 1886), Musiker und Schriftsteller, in vielen europäischen Kulturstätten aktiv. Den einen nennt Mikulska den zarten Poeten, den anderen den großen Tastenlöwen.

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Die Künstlerin tritt im rückenfreien, langen Tüllkleid auf mit hochgesteckter Frisur. Sie kündigt die Stücke an, gibt einen Hinweis auf die Zeitläufe und legt los: Chopins Nocturnes, Nachtstücke, in Es-Dur und c-Moll mit unglaublicher Intensität. Ventil der Gefühle nennt sie die Nocturnes und interpretiert sie mit aller Kraft und Leidenschaft.

Der "zarte Poet" fordert ihre Virtuosität, die sie in temporeichem Wechsel von temperamentvoll bis elegisch mit einer Feinheit ausführt, die das Publikum bannt. Aleksandra Mikulska scheint nicht nur mit dem Instrument, sondern auch mit dem Komponisten eins zu sein. Sie hat ihn erforscht, sie kennt ihn, über die Jahrhunderte. Als junge Frau spürt sie die Gefühle des damals jungen Mannes musikalisch nach. Die Pianistin wirft ihre ganze Kraft in die dunklen Akkorde, die wie ein Donnerhall nachklingen, während sie ganz zart die hohen Töne anspielt und mit klirrenden Tremoli schmückt: Chopins Walzer in cis-Moll und As-Dur, die er den Aristokraten von Paris in den Salons vorspielte.

Die Pianistin findet weltweit Beachtung

Dann die Polonaise mit der der Komponist seinen Landsleuten im Novemberaufstand oder polnisch-russischen Krieg von 1820/31 Mut zusprechen will, heroisch-aufmunternd. Mit dem Scherzo in b-Moll schließt die Künstlerin ihre Auswahl des polnisch-französischen Komponisten, das drohend ist, unheimlich, mit fast wütenden Fortissimi über eine enttäuschte Liebe.

Tief beeindruckt diskutiert das Publikum in der Pause, und die hohen Erwartungen an die Interpretin werden mit dem bekannten Notturno in As-Dur, Nr. 3: "Liebesträume" übertroffen. So einfühlsam und gleichzeitig dominant zeigte sich die 1981 in Warschau geborene Künstlerin, die als hochbegabte Pianistin weltweit Beachtung findet und sich besonders für polnische Komponisten einsetzt.

Im Bürgersaal folgen Valse-Caprice Nr. 6 "Soirées de Vienne" und die "Frühlingsnacht" nach Robert Schumann, bevor die Ungarischen Rhapsodien Nr. 5,11 und 12 erklingen, nicht minder leidenschaftlich vorgetragen, mit Körpereinsatz und großer Elastizität. Auf die stehenden Ovationen des Publikums folgten zwei Zugaben: die Etude 25, Nr. 11 von Chopin und ein Präludium von Karol Szymanowski (1882 bis 1937).

Vor dem Konzert hatte Aleksandra Mikulska gesagt, dass sie bei ihrem Auftritt 2009 in Ettenheim am Anfang ihrer Karriere gestanden habe, ein kleiner Hinweis auf das ausgereifte klangliche Feuerwerk, das sie der Zuhörerschaft bot. Ein kultureller Höhepunkt in der Stadt, der schwer zu toppen sein wird.

Autor: Erika Sieberts