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12. Juli 2010

Ein Höhepunkt im Ortenauer Rock-Kalender

Jo Jung und Poems of Rock.

GENGENBACH. Es war ein Höhepunkt im Ortenauer Rock-Kalender, das Gastspiel von Jo Jung und der Band Poems on the Rocks beim Gengenbacher Kultursommer am Donnerstag in der Gengenbacher Hukla-Kantine – ein ausgezeichneter Ort für Rockkonzerte, übrigens.

Die Band bringt klassisch gewordene Rocksongs, während Jung seine Übersetzungen in die Musik einstreut. Die sind nicht losgelöst, sondern Bestandteil der Interpretation. Jung rezitiert im flüssigen Wechsel mit Sänger Jörg Krauss, steuert bei den Refrains Harmonien mit bei. Vor allem aber prägen seine Rezitationen die Atmosphäre der jeweiligen Stücke. Bei "Money" von Pink Floyd etwa wirft er sich in die Pose des reichen Proleten, berauscht sich an Worten wie "Zaster, Kies, Kohle". Dabei pendelt er zwischen Proll-Sprech und Goethe-Deutsch: "Geiler Kick mit soviel Heu! Weil ich der Weizen bin, seid ihr die Spreu. Willst mir’s ja nicht gönnen! Halt doch dein Maul, du arme Sau! Hol dein Hartz IV und tschau . .. ", proletet er, um dann in ein halbblödes Gebrabbel von Zaster und Kohle zu verfallen. Im Hintergrund zieht die ausgezeichnete Band stur und kantig ihren Registrierkassen-Rhythmus durch, mit der markanten, bekannten Gitarrenfigur.

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Jung gibt den Zornigen, den Zyniker, den Jovialen, den bissigen Spötter, den Verlorenen – je nach Inhalt. Meist knurrt er die Texte mehr, als dass er sie spricht. Seine "Übersetzungen" sind mehr Nachdichtungen. So versucht er nicht, die abgedrehten Wortspielereien von "Come together" von den Beatles zu übersetzen, er erfindet stattdessen neuen: "Du redest Blödsinn, hast Lötzinn im Schuh …" Das kommt toll rüber.

Teils werden Songs eher nachgespielt, teils verändert. So wird John Lennons Akustik-Ballade "Working Class Hero" von Bass und Schlagzeug mit Werkhallen-Stampfen unterlegt. Doors, Dylan, Genesis, Hendrix, auch "I don’t like Mondays" von den Boomtown Rats in einer sehr gelungenen Übertragung gehören mit zur Auswahl.

Ein besonders intensiver Moment entsteht, als Jung aus einer Erzählung von T. C. Boyle über den Bluesmusiker Robert Johnson liest, der in den 1930er Jahren als Teufelsgitarrist galt. Mit einer wimmernden, seufzenden, teils aufkreischenden Bluesgitarre im Hintergrund entsteht in diesem Monolog aus Drogen-Vision, rüdem Realismus, Blues-zitaten plus Sex- und Männerschweiß die Atmosphäre des ländlichen Amerika in der Wirtschaftskrise jener Zeit. Der Monolog mündet in Johnsons Klassiker "Love in vain", den Jung selber "singt" mit seiner kratzenden Bruchstein-Stimme.

Autor: rob