Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Oktober 2011

Ein Hof in Platerówa

NEU IM KINO: Dokumentarfilm "Aber das Leben geht weiter".

  1. Die Filmemacherin und ihre Mutter: Karin und Ilse Kaper Foto: kfilm

Das Terrain ist vermint – seit Jahrzehnten schon. Doch Karin Kaper und Dirk Szuszies haben erkennbar keine Angst davor, Heimat zu thematisieren, Krieg, Vertreibung, Flucht und das Überleben in der Fremde – und wohl wegen ihres ausnahmslos persönlichen Zugangs ist ihnen ein berührender Dokumentarfilm gelungen, der ein Stück deutsch-polnischer Geschichte erzählt.

In "Aber das Leben geht weiter" beginnt Karin Kaper (Jahrgang 1959) bei sich selbst und ihrer Familie. Die Filmemacherin aus Bremen erinnert sich, wie sie im Alter von 16 Jahren ihre Mutter erstmals ins polnische Platerówa begleitet hat, wo Ilse Kaper auf einem großen Hof aufgewachsen war. Damals hieß der Ort, der 25 Kilometer von Görlitz entfernt liegt, noch Niederlinde.

Der Hof, von dem Kapers Großeltern schließlich vertrieben wurden, ging an Edwarda Zukowska, die sechs Jahre zuvor, 1940, gemeinsam mit ihrer Familie von der sowjetischen Armee aus den Ostgebieten Polens nach Sibirien verschleppt worden war. Ein Jahr lang lebten die zwangsenteigneten Deutschen und die neuen polnischen Besitzer dort zusammen. Aus der Tatsache, dass zwei Familien sehr ähnliche Schicksale erlebt und erlitten haben, entwickeln Kaper und Szuszies ihren Film. Im Vordergrund stehen drei polnische und drei deutsche Frauen, die einander besuchen, miteinander ins Gespräch kommen und sich respektieren, ja mögen. Wut, Hass oder Revisionismus sind allen Frauen fremd, vielmehr nähern sie sich einander mit sehr viel Offenheit und Herzenswärme. Ihre Gesprächsthemen sind längst nicht alle politisch: Es geht ums Kochen und Backen, ums Gärtnern oder Nähen.

Werbung


Die Kamera zeigt Gesichter, hält kleine Ereignisse wie ein gemeinsames Kaffeetrinken, Besuche im Garten oder Autofahrten fest. Alltag eben – hier wie dort. Häufig sind Landschaften zu sehen, die Bilder sind nicht immer zuzuordnen, da die Filmemacher sich jeden Kommentars enthalten. Zu Wort kommen ausnahmslos die Frauen, die auch über ihre Gefühle reden und die sich ihrer Tränen nicht schämen, wenn sie sich an den Wahnsinn des Krieges und ihre persönlichen Opfer erinnern.

Wenn man sich nach gut 100 Minuten von den Protagonistinnen der Dokumentation verabschiedet, dann ist es, als habe sich ihr persönlicher Frieden ein Stück weit auf den Zuschauer übertragen: die Vergangenheit kennen und doch nach vorn schauen können, Besitz loslassen und Mensch bleiben können – das sind die großen Dinge, die man von diesem kleinen Film lernen kann.

– Karin und Ilse Kaper stellen "Aber das Leben geht weiter" am heutigen Samstag um 18 Uhr im Krone-Theater in Titisee-Neustadt und morgen, Sonntag, um 11.15 Uhr in den Löwen-Lichtspielen in Kenzingen vor.

Autor: Heidi Ossenberg