Konzert

Ein wenig aus der Zeit gefallen: Mnozil Brass in Freiburg

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

So, 13. Januar 2019 um 18:57 Uhr

Klassik

Virtuos, verspielt und durchgeknallt: Das österreichische Ensemble Mnozil Brass gastierte mit seinem aktuellen Programm "Cirque" im Freiburger Konzerthaus.

Gesungen haben sie schon im Wiener Wirtshaus Mnozil, als sich die Musikstudenten in den 90er-Jahren beim Blechbläserstammtisch mit Märschen, Polkas und Walzern kennenlernten. Als sie dann ihre Karriere als Brass-Septett starteten, bauten die Musiker Gesangsnummern in ihre mehrere Stunden dauernden Programme ein, um den malträtierten Lippen einmal eine Verschnaufpause zu gönnen.

Im gut besuchten Freiburger Konzerthaus verabschiedet sich Mnozil Brass mit dem perfekt intonierten "Edelweiss" aus den Anfangsjahren vom begeisterten Publikum – einem mehrstimmigen, bis ins höchste Falsett geschmetterten Pseudovolkslied von einem verliebten Knaben, das Alpenkitsch mit lustvoll zelebrierten Schockmomenten verbindet: "Ihn hat’s die Felswand obi ghaut, sei Hirn woar ganz zerdruckt dullijöh".

Längst spielen und singen Mnozil Brass in den großen Konzertsälen der Welt – und das immer ohne elektrische Verstärkung und ohne Moderation. Das aktuelle Programm "Cirque" ist ein wenig aus der Zeit gefallen mit seinen langen, manchmal auch zähen Pantomime-Szenen, seiner Verspieltheit und der großen musikalischen Bandbreite. Dabei zerlegen die glorreichen Sieben die Musiknummern nicht in leicht verdauliche Happen, sondern setzen auf komplexe Arrangements und große musikalische Einheiten. Bekannte Popsongs fehlen ganz im Programm. Das ebenfalls gesungene "Mr. Sandman", das auch mal kurz zum Rap mutiert, ist die einzige Ausnahme.

Der Abend beginnt mit Improvisationen und Pirouetten zu Franz Liszts "Liebestraum" und Schostakowitschs Oper "Die Nase", ehe Anton Karas’ Filmmusik zu "Der dritte Mann" mit George Gershwins "Rhapsody in Blue" und einem leicht geriatrischen Can-Can verbunden wird. In diesem Zirkus gibt es natürlich einen Zauberer: den Trompeter Roman Rindberger, der das notwendige magische Know-How mit viel Machogehabe verbindet.

Posaunist Leonhard Paul, von dem die meisten Kompositionen und Bearbeitungen stammen, ist der traurige Clown, sein Kollege Gerhard Füßl ein Schutzmann mit Zebrajacket. Und Tubist Wilfried Brandstötter krabbelt als Tiger am Boden herum und leckt das Ohr des trompetenden Zweitclowns Robert Rother.

Der Klamauk, der an diesem Abend auch viele ruhige, poetische Momente enthält, ist die eine Seite von Mnozil Brass. Die andere, noch wichtigere sind die groovenden, spektakulären und immer auswendig gespielten Arrangements von E-und U-Musik, die stets ein Eigenleben entfalten und bei diesem Programm ganz auf den Leadtrompeter Thomas Gansch zugeschnitten sind.

Er bringt die Punchline in den gleißenden Höhen, er gibt mit den jazzigen, extrem scharf gespielten Phrasierungen den Stücken noch mehr Wumms. Bei der unter Strom gesetzten "Fledermaus"-Ouvertüre spielt er sich auf zwei seiner speziellen, "Ganschhörner" genannten Trompeten die Soli zu, ehe er beide Instrumente gleichzeitig bedient – eine echte Zirkusnummer.

Posaunist Zoltán Kiss darf zumindest einmal in Leonhard Pauls "Tip Top Toe" sein spektakuläres Können zeigen. Ansonsten unterteilt sich das Septett immer wieder in kleinere Formationen, was neue Farben bringt und den Sound mit Flügelhorn und Basstrompete auch mal ganz weich werden lässt. Schön, wenn Trompeter Robert Rother eine imaginäre Schallplatte auflegt und die Musik (Allegro aus Joseph Haydns Sinfonie Nr. 88) von der Band kommt – samt Hänger, Nebengeräuschen und irrsinniger Beschleunigung – oder wenn Thomas Gansch seine Kollegen als Loop-Station einsetzt.

Aber auch reine, höchst anspruchsvolle Musiknummern wie Strawinskys Ballettmusik "Feuervogel" oder Gustav Mahlers Lied "Ich bin der Welt abhandengekommen" leuchten im abwechslungsreichen Programm. Am Ende darf der ständig gemobbte Leonhard Paul endlich auch einmal zaubern. Und in der Kultnummer "Lonely Boy" zum Star werden, wenn er mit den Händen und Füßen, von seinen Kollegen getragen, gleichzeitig auf zwei Posaunen und zwei Trompeten spielt. Auf so eine durchgeknallte Idee muss man erst mal kommen.