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03. August 2012

Einfach traurig: Keine Medaillen für die deutschen Schwimmer

Den deutschen Schwimmern drohen medaillenlose Spiele – wie zuletzt vor 80 Jahren / Sechs Medaillen waren die Vorgabe – jetzt droht eine Kürzung der Mittel.

  1. In der Kritik: Sportdirektor Lutz Buschkow Foto: dpa

LONDON (dpa). Natürlich gehören die deutschen Schwimmer noch nicht zu den Exoten, aber von der Weltspitze sind sie auch weit entfernt. Die Trümpfe Britta Steffen und Paul Biedermann stachen bei diesen Olympischen Spielen nicht, gute Leistungen dahinter gingen unter. Vier Jahre harte Arbeit stehen bis zu den Spielen in Rio de Janeiro bevor.

Britta Steffen strich sich selbst aus der Weltspitze, Paul Biedermann beendete Olympia nach eigener Aussage etwas ratlos. Der Rückstand der deutschen Schwimmer auf die Elite wird immer größer. Wie vor 80 Jahren drohen medaillenlose Sommerspiele für das deutsche Beckenteam – allerdings gab es 1932 in Los Angeles auch nur elf Disziplinen, in London wird in 32 Rennen Edelmetall vergeben.

Im medialen Schatten der beiden deutschen Spitzenathleten kämpfte sich nicht einmal die Hälfte der 27 deutschen Schwimmer an Zeiten um die persönliche Jahresbestleistung heran. Und mit bis zum Donnerstag nur fünf Finalplatzierungen waren Steffen, Biedermann & Co. olympische Seemeilen von den in der Zielvereinbarung bereits 2008 festgeschriebenen sechs Medaillen entfernt.

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Zweimal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze sollten her – geliefert wurden vor den Schlusstagen Finalplätze durch Biedermann, Helge Meeuw, Markus Deibler und zwei Staffeln. "Es wäre schön, wenn sportliche Leistungen nicht nur an Medaillen fixiert werden, sondern auch Finalleistungen anerkannt werden", sagte sich Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. Aber wenn die Nationalhymne für Reiter oder Ruderer erklingt, finden vierte oder schlechtere Plätze nur am Rande Würdigung. In Medaillennähe kam nur das aufopferungsvoll kämpfende Männer-Quartett über 4 x 200 Meter Freistil.

Auf der Suche nach der Erfolgsformel

"Das ist eine traurige Geschichte, aber nun mal Realität. Wir sind aber noch nicht fertig", sagte Verbandspräsidentin Christa Thiel am Donnerstag. Immerhin, um etwas Positives zu bemühen, gab es schon eine Finalplatzierung mehr als in Peking 2008. Aber bei Olympia zählen eben Medaillen. Diesem Anspruch muss sich auch der Deutsche Schwimm-Verband stellen. Bis Donnerstag war keiner in Sicht, der in London noch für einen versöhnlichen Abschluss sorgen kann.

Die Frage, warum die deutschen Schwimmer so schlecht sind, beschäftigt wie schon bei den vergangenen Spielen die öffentliche Wahrnehmung. Je elf Medaillen in Barcelona 1992 und Atlanta 1996 – so viele Plaketten gab es in der Kernsportart bei allen anderen Spielen danach zusammen nicht. Die Suche nach der Erfolgsformel läuft seit Jahren vergeblich, wechselnde Konzepte wurden erfolglos ausprobiert. "Am Ende bin ich bereit, ein Fazit zu ziehen. Das bedarf einer intensiven Analyse", sagte Buschkow. Der Leistungssportdirektor wirkte mitgenommen. Auch er muss die Ergebnisse des Teams mit mehr als zwei Dritteln Olympia-Neulingen erst verkraften.

Das gilt auch für Biedermann und Steffen, die im gemeinsamen Urlaub in Deutschland alles noch einmal Revue passieren lassen wollen, wie es die Doppel-Olympiasiegerin ankündigte. Bei den 50 Metern Freistil in London will sie sich vorher aber noch einmal das Final-Ziel erfüllen. Dafür muss sie an diesem Freitag aber erstmal den Vorlauf durchstehen. Und dann?

"Britta hat schon sehr viel für den deutschen Schwimmsport geleistet. Und wenn sie weitermachen möchte, kriegt sie alle Unterstützung dieser Welt. Und wenn sie aufhören möchte, dann ist das auch zu verstehen", sagte ihr Trainer Norbert Warnatzsch.

Bislang standen als Ziel die Heim-Europameisterschaften 2014 in Berlin sowie Olympia im brasilianischen Rio 2016 im Raum. Aber eine ehrgeizige Ausnahmesportlerin wie Steffen wird sich nach nach den bisherigen Misserfolgen in London hinterfragen. Gerade, weil "vielleicht meine Zeit einfach vorbei ist, was die 100 Meter betrifft", wie sie sagte.

Buschkow, in Personalunion auch Wassersprung-Bundestrainer, wird in der anstehenden Analyse besonders gefordert sein. Die Stelle eines neuen Chef-Bundestrainers oder Bundestrainers – so genau hat sich der Verband beim Stellenprofil nicht einmal festgelegt – ist ausgeschrieben. Und nach einem Abschneiden wie in London wird auch der stark belastete Buschkow gefragt, wie es bei ihm weiter geht.

"Wenn man in solchen Situationen Entschlüsse fasst, sind sie meistens falsch", mahnte Buschkow in – wie er sagte – durchaus nicht vergnügungssteuerpflichtigen Tagen zur Ruhe. Spaßig wird es auch nach den Spielen nicht, denn nach der verfehlten Zielvorgabe könnte es zur Kürzung öffentlicher Mittel kommen. Es wird also noch schwerer, leistungsfördernde Bedingungen zu schaffen, damit die erwiesen guten Nachwuchsschwimmer es auch bis an die Erwachsenen-Spitze schaffen.

Viel Arbeit bis Rio

Der ehemalige Weltmeister Mark Warnecke kritisierte in seiner Kolumne für Sport 1, dass es geschafft worden sei, Talente systematisch im Keim zu ersticken. "Das ist auch eine Kunst." Fördergelder seien verballert worden, man müsse jetzt den Mut haben, ganz neu anzufangen. "Das würde vier bis acht Jahre dauern, aber es ist die einzige Möglichkeit", sagte der frühere Brustschwimmer.

Nach Olympia 2008 übertünchte die gute WM 2009 offenkundige Lücken, nach Schanghai 2011 war ein Gegensteuern zu spät. Bei der EM im Mai oder auf zahlreichen Kurzbahn-Veranstaltungen schwammen die Deutschen zwar sehr gut, aber da fehlte auch die ganz harte Konkurrenz.

Viel Arbeit wartet auf dem Weg nach Rio. London kann aber auch als Chance, als Wecksignal gesehen werden. "In einem Olympiazyklus kann man eine ganze Menge erreichen", sagte der 65-Jährige Warnatzsch mit Blick auf die Spiele am Zuckerhut. "Wir müssen aufstehen und versuchen, den Anschluss so schnell als möglich wieder herzustellen."

Autor: dpa