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03. Februar 2010

Die Elsässer kennen das Leben zwischen zwei Kulturen

In Frankreich sollen die Bürger in allen Départements über die nationale Identität diskutieren / Patriotismus der Werte

  1. Wegweiser: Was macht einen Franzosen aus? Foto: KIELWASSER

COLMAR. "Was kann ich zu dieser Gesellschaft beitragen, damit ich stolz sein kann, dass ich Französin bin?" Sie ist das perfekte Beispiel einer integrierten Muslima: Rachida Georgenthum, Ende 30, Krankenschwester, Gemeinderätin in Voegtlinshoffen, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit einem Elsässer. Wer könnte gelungener als sie das multikulturelle Frankreich verkörpern, das im Einklang mit der nationalen Identität steht?

Aber was bedeutet das, Franzose sein? Die Debatte in Frankreich ist auch eine Erbschaft aus dem Präsidentschaftswahlkampf. Anfang November rief nun der Minister für Immigration, Integration und nationale Identität zu einer Debatte über das heikle Thema auf. Die Präfekten aller einhundert Départements sind angehalten, eine Diskussion zu organisieren, wie sie jetzt in Colmar stattgefunden hat, eine Gesprächsrunde mit geladenen Gästen: Abgeordneten, Bürgermeistern, Kriegsveteranen, Vertretern der Kirchen und aus den Vereinen, Schulleitern, Schülern.

70 Zuhörer erschienen. Das Zehnfache war geladen zu diesem Diskurs von öffentlichem Interesse, der aber hinter verschlossenen Türen stattfand. Draußen demonstrierte eine Handvoll Vertreter der französischen Menschenrechtsliga. Seit dem Beginn der Diskussionsrunden war die Debatte um die Identität der Franzosen in eine Stimmung gegen die Immigration und gegen Muslime gekippt. Die Opposition warf Staatspräsident Sarkozy vor, selbst bekanntlich ein Einwandererkind, er inszeniere eine Debatte, um gegen Fremde Stimmung zu machen.

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In Colmar lobte aber selbst eine Regionalrätin der Sozialisten auf dem Podium das Gesprächsniveau. Die sieben Protagonisten waren in der Tat schulmäßig ausgewählt. Rachida Georgenthum, die als Muslima in katholischen Schulen erzogen wurde, sprach von der Pflicht zur Solidarität, von Bürgerpflichten und den freiheitlichen republikanischen Werten. Damit rührte sie einen älteren Herrn in den vorderen Reihen der Zuhörer.

Die Bevölkerung wurde auf dem Podium ansonsten vertreten von einem Hochschulprofessor, der einleitend festhielt: "Ein feststehendes Konzept der Identität gibt es nicht. Nur eine Vielzahl von Zugehörigkeiten." Dort saß zudem ein aus Rumänien stammender Arzt, der die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat, sowie ein junger deutscher Unternehmensgründer. Und François Sigwarth, ein Gymnasiallehrer aus Colmar. Er vertrat den Standpunkt, die nationale Zugehörigkeit ergebe sich aus der Zugehörigkeit zur Zivilgesellschaft und deren Werten – ein Patriotismus der republikanischen Werte der der Menschenrechte.

Dabei bekam die zweieinhalb Stunden dauernde Gesprächsrunde auffällig wenig typisch elsässische Schlagseite, weniger als man angesichts der starken regionalen Identität und des Selbstbewusstseins der Elsässer hätte erwarten können.

Mevlüde Gunduz, geboren 1981 im Elsass, angehende Anwältin und beigeordnete Bürgermeisterin in Mulhouse, verteidigte gegen kritische Anmerkungen aus dem Publikum vehement ihre türkisch-französische Staatsbürgerschaft. "Ich habe keiner Herkunft abgeschworen. Ich bin hier geboren und lebe im Alltag eine doppelte Kultur."

Autor: Bärbel Nückles