Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. September 2010

Für Pilger und Touristen

Das Hotel des Klosters Odilienberg wurde gründlich erneuert.

  1. Das Kloster auf dem Odilienberg in den Vogesen Foto: Henninger-Kusch

OTTROTT. Äußerlich hat sich am Pilgerhotel auf dem Odilienberg in den Vogesen nichts geändert. Doch hinter den Sandsteinmauern des aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert stammenden Gebäudes sind moderne Hotelzimmer entstanden. Seit 2006 wird die auf 760 Metern Höhe gelegene Klosteranlage für insgesamt 16,5 Millionen Euro umgebaut – und das renovierte Hotel ist nur ein Teil dieses Projekts.

Bis Ende des Jahres soll es auch eine neue Rezeption erhalten, ein Neubau, der die Verbindung bildet zwischen dem Hotel und der Verwaltung des Odilienbergs, wie deren Direktor Michel Matt erklärt. Die Renovierung war allerdings unumgänglich: Das alte Hotel hätte, weil es unter anderem den geltenden Brandschutzbestimmungen nicht mehr entsprach, geschlossen werden müssen. Trotz der jetzigen geschmackvollen, einem Designhotel fast schon angemessenen Inneneinrichtung der Zimmer bleiben die Übernachtungspreise so erschwinglich wie früher. Das Hotel will seinen Anspruch beibehalten und weiter als Pilgerstätte Menschen aufnehmen, die eine innere Einkehr und den Rückzug suchen. "Wir müssen gegenüber allen geöffnet sein", sagt Pater Jérôme Hess in tadellosem Deutsch. Neben Pilgern oder Familien schätzen inzwischen auch Ärztekongresse und Firmenseminare das Hotel auf dem Heiligen Berg des Elsass als Quartier. Für Jérôme Hess, bis vor kurzem verantwortlicher Geistlicher auf dem Klosterberg, ist das kein Widerspruch. Ob nun Tourist oder Pilger – diese Trennlinie sei ohnehin schwer zu ziehen, sagt Hess lächelnd. Von der atemberaubenden Sicht und dem strammen Wind profitieren sie zumindest alle.

Werbung


Das Kloster hat eine neue Kapelle sowie einen Souvenirshop erhalten. Der schlichte Pilgersaal wurde in eine moderne, geräumige Cafeteria umgebaut. Dahinter liegt das komfortablere Restaurant. Nebenan beginnt mit dem Klostergarten und der Statue der Heiligen Odilia der sakrale Bereich mit der Basilika und dem Kreuzgang mit dem Sarkophag der Heiligen Odilia.

Die Geschichte des Klosters reicht ins Mittelalter zurück. Im 12. Jahrhundert unter Äbtissin Herrad von Landsberg wurde hier eine der bedeutendsten Bilderhandschriften verfasst, der Hortus Deliciarum, deren Original 1870 beim deutschen Beschuss Straßburgs verbrannte. Die Legende der Heiligen Odilia wiederum stammt aus dem 8. Jahrhundert. Blind geboren, vom Vater verstoßen, durch göttliche Gnade sehend, wurde Odilia später die erste Äbtissin des ihr vom Vater zur Abbitte errichteten Klosters. Die Klosteranlage litt unter den Bauernaufständen, Kriegen sowie der Französischen Revolution und wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt.

Mit 1,3 Millionen Besuchern im Jahr besitzt das Kloster vor allem während der Hauptzeiten des Pilgerjahrs um Ostern und Weihnachten so gar nichts Zurückgezogenes. Denn der Odilienberg ist auch eine Station auf der europäischen Route der Jakobspilger. Doch wie viel Tourismus verkraftet ein Ort wie dieser? Hess nimmt die beachtliche Besucherzahl als Herausforderung und begegnet ihr mit einem gemäßigten, einem kontrollierten Tourismus. Und der kann die Anforderungen eines Seminarhotels verbinden mit bescheidenen Wohnansprüchen der "ewigen Anbeter". Das sind Christen aus der Region, die sich eines auf dem Odilienberg seit 1931 praktizierten Rituals annehmen: 24 Stunden beten sie in Schichten für den Weltfrieden. Auch das gehört zum besonderen Geist des Ortes.

Autor: Bärbel Nückles