Drahtesel als Ausbildungsobjekt

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Fr, 02. August 2013

Emmendingen

Der Emmendinger Ingenieur Karl Klein will in Nicaragua eine Fahrradwerkstatt für bedürftige Jugendliche aufbauen.

EMMENDINGEN. Wer kennt das nicht? Das neue Rad ist gekauft, das alte hat ausgedient, ist aber zum Wegschmeißen viel zu schade und landet erstmal in der Garage oder im Keller, wo es nach Jahren Staub und Rost ansetzt und Platz blockiert. Der Emmendinger Karl Klein sucht solche Fahrräder für ein Sozialprojekt: Zusammen mit der Freundschaftsbrücke Nicaragua, die auch von der BZ-Weihnachtsaktion unterstützt wird, baut er in der Kleinstadt Nagarote eine Fahrradwerkstatt auf, die Jugendlichen einen Ausbildungsplatz und eine Zukunftsperspektive bietet.

Auf die Idee gebracht hat den 53-Jährigen das Beispiel von drei Emmendinger Schülerinnen: Doreen Schick, Theresa Nadler und Mila Obert hatten im Kinderheim Puente des Amistad der Freundschaftsbrücke (siehe Infobox) gearbeitet, wo von ihren Angehörigen verlassene Kinder und Waisen betreut und unterrichtet werden. Karl Klein hat das imponiert, "dass junge Menschen einfach losziehen und vor Ort helfen. Doch was passiert danach?", fragte sich der Familienvater, "wer kümmert sich später um eine Ausbildung der Heranwachsenden?".

Im Kontakt mit dem in Ettlingen beheimateten Verein entwickelte der Ingenieur die Idee der Fahrradwerkstatt. Radfahren werde zunehmend populär in Mittelamerika, die flache Gegend nahe der Hauptstadt Managua eigne sich für das umweltfreundliche Verkehrsmittel, doch es fehle an einem günstigen Angebot an Rädern und an Reparaturwerkstätten. So fand Klein rasch viele Unterstützer für sein Fahrrad-Projekt. "Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen", berichtet er. Die Fahrrad-Werkstatt wird an die Schule in Nagarote angegliedert, ein Fachmann vor Ort ist als Ausbilder schon gefunden. Nicht mehr benötigte Fahrräder sollen im Zuge der Ausbildung von einheimischen Jugendlichen komplett überholt und im angeschlossenen Laden vermietet oder verkauft werden. Auch Reparaturen werden angeboten und erledigt

"Jetzt fehlt nur noch das Material", sagt Karl Klein und setzt dabei auf die Mithilfe der Emmendinger. "Glücklicherweise besitzen in unserem Land viele Menschen die Kaufkraft, sich von Zeit zu Zeit ein neues Fahrrad anzuschaffen, obwohl das alte Modell noch funktionsfähig ist oder mit vertretbarem Aufwand repariert werden könnte". Solche alten Drahtesel, die in Garagen, auf Speichern oder in Kellern ihr Schattendasein fristen, sucht Klein "bevor sie in der Schrottpresse landen". Mit einem Anhänger holt er die Räder nach Absprache auch gerne persönlich bei den Anbietern ab.

Ein Container ist bereits bestellt. Rund 300 bis 500 Fahrräder können damit von Hamburg aus nach Nicaragua verschifft werden. Die Kosten von rund 3000 Euro zahlt Klein aus der eigenen Tasche – Spenden nimmt er natürlich gerne entgegen. Auch nicht mehr benötigtes Werkzeug, Ersatzteile, Fahrradschläuche und -mäntel sind willkommen. Einige Unternehmen aus der Region wie Fahrrad-Hild oder die Meister-Druckerei in Reute haben die Benefiz-Aktion mit Rädern oder Transportkapazitäten bereits tatkräftig unterstützt, freut sich Karl Klein, der weiter Werkstätten und Radhändler abklappert, um für das Projekt zu werben.

Anfang Oktober sollen die Räder dann ihre lange Reise antreten. Drei bis vier Wochen, so schätzt er, wird das dauern. Klein kann vorerst nicht mit dabei sein, weil er beruflich am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, tätig ist. Zum 1. November, dem Beginn der Trockenzeit in dem mittelamerikanischen Land, soll der Laden öffnen. Derzeit lernt er Spanisch, um sich vor Ort besser verständlich machen zu können. Denn die Aktion will er weiter persönlich begleiten: "Das soll keine Eintagsfliege sein".

Kontakt: Karl Klein, Ramiestraße 88, Emmendingen, Tel. 07641/937 8874 , E.Mail: karlssonklein@gmx.de.