"Es braucht gute Netzwerke"

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Do, 12. Juli 2018

Theater

BZ-INTERVIEW mit Ute Lingg, Kinderkulturexpertin im Vorderhaus.

"Und jetzt, liebe Kinder – ganz viel Spaß!" Hunderte Male hat Ute Lingg diesen Satz in den vergangenen 21 Jahren gesagt, vor sich ein junges, aufgeregtes Publikum kurz vor der Vorstellung. Nun macht sich die Kinderkultur-Expertin des Freiburger Vorderhauses auf zu neuen Ufern. Ihre Nachfolgerin Magdalena Schweizer löst sie nahtlos zum 1. September ab. Marion Klötzer sprach mit Ute Lingg.

BZ: Frau Lingg, warum gerade jetzt der Abschied und ein Generationswechsel?
Lingg: Es ist ein guter Zeitpunkt, die Arbeit an einen jüngeren Kopf mit neuen Ideen und Arbeitsweisen abzugeben: Die Kinderkultur ist bestens aufgestellt, ich habe auf die Bühne gebracht, was da hingehört. Begonnen habe ich mit zwanzig Veranstaltungen im Jahr. Heute sind es rund 60 mit fast 90-prozentiger Auslastung und rund 6000 Besuchern. Es fühlt sich nach Angekommensein an. Deswegen freue ich mich auf neue Herausforderungen: Zum Schuljahresanfang wechsel ich in die Pädagogik und die Verwaltung des Vereins "claras kerni", der Grundschulkinder an der Clara-Grunewald-Schule in Kooperation mit der Stadt Freiburg betreut.
BZ: Wie kamen Sie zur Kinderkultur?
Lingg: 1996 begann ich als Jobberin im Kulturbüro des Vorderhauses, im Hintergrund ein Germanistik- und Anglistik-Studium. Theateraffin war ich, in alles andere bin ich da hineingewachsen, habe den Blick und das Gespür für die Materie entwickelt und mir das Knowhow angeeignet. Dabei war die erste Zeit geprägt von Idealismus und Selbstausbeutung – ich wollte mir einfach alles angucken und viel ausprobieren. 1997 kam der Sprung ins kalte Wasser, als ich ein Jahr lang die Vertretung von Martin Wiedemann übernahm – heute ist er einer der beiden Fabrik-Geschäftsführer.
BZ: Erinnern Sie sich noch an das erste Stück in Ihrer Vorderhaus-Zeit?
Lingg: Ja, das war gleich eine Eigenproduktion im Rahmen unseres Schultheaterprojekts: Johann Wolfgang von Goethe – "Faust. Der Tragödie erster Teil". Zehn Jahre begleitete ich die Inszenierungen von Abi-Sternchenthemen, bis die Idee Einzug ins Repertoire des Stadttheaters fand.
BZ: Sie haben dann schnell die Kinderkultur ausgebaut.
Lingg: Wichtig war mir, das Figurentheater zu etablieren, 2011 organisierte ich die ersten Figurentheatertage Freiburg. Es folgte 2015 die Reihe "Kunst kommt von Kennen" in Kooperation mit Kitas und Grundschulen – mittlerweile platzen die Veranstaltungen aus allen Nähten. Jetzt geht es darum, den theaterpädagogischen Bereich auszubauen und auch direkt in den Einrichtungen zu arbeiten. Für solche Projekte brauchte es früher sehr viel politische Überzeugungsarbeit.
BZ: Was hat sich geändert?
Lingg: Der Begriff der kulturellen Bildung ist seit einigen Jahren inflationär. Das ist andererseits gut für die Kinderkultur, die so auch politisch einen anderen Stellenwert bekommen hat. Mittlerweile herrscht über ihre Wichtigkeit Einsicht. Mir selbst lag es immer am Herzen, die Kinder auf hohem künstlerischen Niveau abzuholen und zu berühren.
BZ: Wie hat sich die Szene in diesen zwanzig Jahren entwickelt?
Lingg: Dank der Figurentheater-Tradition in der DDR wurde das Angebot nach der Maueröffnung bunter und größer, überall etablierten sich bisher unbekannte Ensembles aus dem Osten. Die Szene wurde insgesamt professioneller. Es hat sich viel bewegt. Trotzdem sind die finanziellen Mittel in der Kinderkultur nach wie vor knapp, und es braucht gute Netzwerke unter Veranstaltern und Künstlern.
BZ: Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin Magdalena Schweizer?
Lingg: Ein gutes Ankommen in der Kulturszene Freiburgs und dass sie von den Kollegen im Haus- und Kulturbüro der Fabrik ebenso viel Unterstützung erfährt wie ich in den vergangenen 21 Jahren. Und natürlich, so schließt sich der Kreis: ganz viel Spaß!