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28. Januar 2012

Wie ein lebendiger Leichnam

Lesung im Ettenheimer Bürgersaal mit Gerd Berghofer zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

  1. Gerd Berghofer erinnerte an Autoren, die von den Nationalsozialisten geächtet, vertrieben oder getötet wurden. Foto: Sandra Decoux-Kone

ETTENHEIM. Die Bücher von 24 Schriftstellern warfen die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 ins Feuer, sie wurden damals stellvertretend für alle Autoren genannt, die mit ihrer "Gesinnungslumperei" und der "Herabwürdigung der Geschichte" dem "völkischen Geist" widersprachen; so lauteten nur zwei von neun Rufen, die der Verbrennung ihrer Werke vorangingen. An die Autoren erinnerte am Donnerstag Gerd Berghofer im Bürgersaal des Rathauses mit einer Lesung aus bekannten und weniger bekannten Werken, die damals auf die "schwarze Liste" gesetzt wurden.

Der Rezitator und Schriftsteller, der unter anderem mit dem Lyrikpreis des Freien Deutschen Autorenverbandes ausgezeichnet wurde, sprach im Rahmen einer Veranstaltung zum jährlichen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar. Für die Organisation zeichneten die Freiburger Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), der Deutsch-Israelische Arbeitskreis (DIA) und die Stadtverwaltung verantwortlich. "Wir versuchen die Erinnerung an die NS-Zeit wachzuhalten", betonte Thomas Wolf von der KAS in der Begrüßung. "Das Thema ist nicht überholt", sagte Wolf im Hinblick auf die jüngsten Anschläge von Rechtsextremisten, einen wachsenden Antisemitismus und dem Ergebnis einer FORSA-Umfrage, wonach jeder fünfte Bürger unter 30 Jahren nicht weiß, was Auschwitz bedeutet.

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Auch Gerd Berghofer will Autoren und ihre Werke vor dem Vergessen bewahren: "Eine ganze Generation von Autoren wurde aus dem Gedächtnis getilgt." In gut anderthalb Stunden stellte er mehr als zehn Autoren vor und zitierte aus ihren Werken. Ein Manuskript hatte Gerd Berghofer nicht dabei, er erzählte und rezitierte fließend. Was er den etwa 80 Zuhörern im Bürgersaal bot, war eine Mischung aus packendem Vortrag und einer Lesung, die die Zuhörer in ihren Bann zog. Es waren vor allem linke Autoren, jüdische Schriftsteller und Expressionisten, die von der Aktion der Nationalsozialisten betroffen waren. Wie sie auf Schreib- und Auftrittsverbot reagierten, zeichnete Berghofer anhand von einzelnen Lebensläufen nach. Erich Kästner beispielsweise blieb in Deutschland, weil er seine kranke Mutter nicht im Stich lassen wollte. Er ging in die innere Emigration und verfasste unverfängliche Literatur wie "Die drei Männer im Schnee". Andere gingen ins Exil, wo sie sich meist mehr schlecht als recht durchschlugen. Dafür steht zum Beispiel Albert Ehrenstein ("Er hat wunderbar expressionistische Gedichte verfasst"), der in den USA auf Almosen von Freunden angewiesen war. Nach dem Krieg kehrte er wie so viele mit einem Koffer voller Manuskripte nach Deutschland zurück, um festzustellen, dass niemand ihn mehr kannte und an seiner Literatur interessiert war. Ehrenstein ging wieder in die USA zurück und starb dort völlig verarmt.

Im Exil starb auch Else Lasker-Schüler, die vor der Machtergreifung durch die Nazis noch mit vielen Preisen für ihre Prosa ausgezeichnet wurde. Berghofer las aus der Liebeslyrik von Lasker-Schüler, rezitierte Erich Mühsams Gedicht vom "Revoluzzer" und Erich Kästners Gedicht "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen". Vergnüglich war der offene Brief Lion Feuchtwangers aus dem amerikanischen Exil an den "Bewohner in der Mahlerstraße 8 in München". Mit beißendem Spott reagierte er auf die Forderung des Fiskus des Deutschen Reiches, endlich Steuern für sein in Deutschland beschlagnahmtes Vermögen zu zahlen. Andere konnten sich nicht mehr ins Exil retten. "Er soll krepieren",sagte Reichspropagandaminister Joseph Göbbels über Erich Mühsam. Göbbels hat Wort gehalten, Erich Mühsam wurde im KZ ermordet. Diejenigen, die noch am Leben waren, fühlten sich "wie ein lebendiger Leichnam", wie es Erich Kästner formulierte.

Autor: Irene Bär